über das plebejische Institut der bürgerlichen Assisen , unsere Empfindungen sind dieselben geblieben . Wir suchen heute noch das Ideal des Mannes , wie es unserer Phantasie vorschwebt - und wir finden es nicht ; wir dürfen die Laterne in unserm Wappen noch nicht verlöschen , der » Mann par excellence « ist noch nicht in den Horizont unsers Hauses getreten . Wir suchen ihn durch alle Länder , durch alle Stände - vergebens ! Wir finden den » Rechten « nicht , und doch muß er da sein , denn was bedeutete sonst die mysteriöse Laterne unsers Ahnen ? Was bedeutete sein Segen , unsere mystische Devise ? Wir , seine unglückseligen Töchter , sind die ewigen Juden des Herzens ; dieses Suchen hat die Herzen meiner nächsten Verwandten usirt , die edle Toska Beiron , die geniale Faustine , die himmlische Gräfin Renate und meine göttliche Mutter Sibylle hatten ihre Herzen erschöpft in vergeblichen Liebesversuchen und ich - ich verzweifle an der Liebefähigkeit meines Herzens , und ich muß dennoch die Liebe suchen . Das ist ein großes , tragisches Geschick ! Das Leben meiner Mutter ist bekannt bis zu dem Zeitpunkte , wo ihr der schöne Engel , ihre Tochter Benevenuta , starb , dies Kind ihrer ersten Ehe . Benevenuta ' s Vater , Graf Paul , war gestorben . Meine Mutter hatte den brillanten Grafen Astrau geheirathet und sich von ihm getrennt , sie hatte gefunden , daß er nicht » der Rechte « sei . - Vergebens war es gewesen , daß der geniale Musiker , der edle Meister Fidelis , sie liebte , wie man Gott und die Sterne lieben würde , wenn sie sich in ihrer Unerreichbarkeit plötzlich als reizende , gefallsüchtige , phantastische Weiber zeigten . Weder Astrau ' s : » Sibylle , wach auf ! « mit welcher Zauberformel er das Herz meiner Mutter aus seiner unmenschlichen und wohl darum göttlichen Apathie zu reißen strebte ; noch Fidelis ' tragische , verzweifelnde Klage : » Eine immense Seele , aber leer ! « hatten in dem Titanenwesen meiner unglücklichen Mutter einen Funken wahren Gefühls hervorgerufen . Da schien es , als ob des Jünglings , des Grafen Wilderich Liebe sie erwärmen wolle ; aber war es die Kälte der Gletscher , in deren Nähe sie lebten , war es einer der Zaubersprüche , die über uns schweben , meine Schwester Benevenuta liebte den Jüngling , und meine Mutter fühlte eine edle Aprehension , die Rivalin ihrer Tochter zu werden . Sibylle resignirte und Benevenuta starb aus Gram , weil Wilderich Nichts für sie gefühlt hatte . Vielleicht waren aber auch die ewigen Reisen meiner Mutter , auf denen Benevenuta sie von Kindheit an begleiten mußte , und der daraus folgende Wechsel des Klimas und der Lebensweise Schuld an meiner Schwester Nervosität und ihrem frühen Tode . Meine Mutter glaubte zu sterben vor Schmerz und Leere . Die Aerzte fürchteten eine Verknöcherung des Herzens für sie , da alle ihre Anlagen sie zu diesem Uebel prädestinirten . Die Luft Roms lastete erdrückend auf ihr , sie mußte fort » in die Welt « , wie meine Tante Toska es bezeichnet hatte , als der edle Sigismund Forster um ihretwillen erschossen worden war . » In die Welt , gleichviel wohin ! « rief meine Mutter ihrem Couriere zu , als sie im Hotel Meloni an der Piazza di Popolo zu Rom ihren Reisewagen bestieg ; und da ihr Courier eine schöne Grisette im Quartier Latin zu Paris wiederzusehen wünschte , ließ er den Wagen nach Nordwesten fahren . Mit geschlossenen Vorhängen , die Füßchen auf den Rücksitz gelegt und in kostbare Kaschmirs gewickelt , ganz allein , so fuhr meine Mutter durch die blühenden Fluren Italiens . Sie blickte nicht hinaus , denn ihre Seele war in ein apathisches Hindämmern versunken . Sie sprach kein Wort , weder mit dem Courier noch mit ihrem Mädchen , das seit zwanzig Jahren in ihren Diensten war . Wie konnte sie auch sprechen mit Menschen aus jenen Sphären , die von den Elans einer Seele , wie die immense Seele meiner Mutter , keine Ahnung haben . Es war im Spätherbste , als meine Mutter plötzlich das Halten ihres Wagens bemerkte und , zum ersten Male seit Rom die Augen emporschlagend , sich vor dem Hotel des Grafen Astrau zu Paris erblickte . Indignirt über dieses Ereigniß , fragte sie den Courier , wer ihr das gethan habe . Der Courier sah sie ganz verwundert an , er verstand nicht einmal ihren Zorn . In seiner bürgerlichen Einfalt hatte er gemeint , wenn die Gräfin Astrau es ihm überlasse , sie » in die Welt « zu fahren , so würde es wol das Natürlichste sein , daß er sie zum Grafen Astrau bringe , von dem sie nur getrennt , nie geschieden worden war . Während meine Mutter noch in sich überlegte , was ihr zu thun belieben würde , öffnete ein Stallknecht das Portal des Hotels , eine elegante Gigue rollte daraus hervor . Otbert Astrau in tiefer Trauer , schöner und fascinirender als je , saß darin , an der Seite seines Grooms , der eine Trauerlivrée trug . Sibylle sehen , herabspringen , ihren Wagen aufreißen und sie in seinen Armen die breiten Treppen des Hotels hinauftragen , war das Werk eines Momentes . Meine Mutter wußte nicht , wie ihr geschah . Willenlos lag sie in den Armen des Grafen . Seine Augen sprühten flammendes Leben in die erstarrten Glieder der wundervollen Frau . Er warf sich vor ihr nieder , er strömte alle Glut seiner Phantasie , alle Poesie seiner Dichternatur vor ihr aus . Er sagte ihr , wie er sie ersehnt seit lange , er klagte ihr , daß auch ihm seine Tochter , Arabella ' s Kind , plötzlich gestorben sei . Sibylla ' s Thränen um Benevenuta , die zu Eis erstarrt , sich um ihr Herz gelegt , begannen zu schmelzen und