Gut , das sie überall wahrzunehmen wähnte und nirgends fand . Nun liegt sie still und kühl gebettet in ihrer Heimat auf einem Hügel dessen runde Kuppe einen Busch von Eichen trägt . Unausgesetzt tönt das Brausen der See herüber , eben so monoton in ihrer Bewegung wie die stille grüne Landschaft rings umher monoton in ihrer Ruhe sich ausbreitet . Inmitten der Eichengruppe deckt ein Würfel von Granit ihr Grab , und auf demselben stehen die drei Worte : » Sibylla wach auf ! « Langsam und mit großen Qualen zieht sich das Leben von mir zurück und ich weiß es . Wäre irgend eine Spur von Trauer , Schmerz oder Bedauern in mir , so wäre das keine günstige Stimmung um mein Leben wahr zu beschreiben . Der Abschiedsschmerz könnte auf mich wirken wie die Glut der untergehenden Sonne auf das Auge : möge die Erde noch so fahl und grau sein , das Abendroth verklärt sie ! und so könnte auch mir Manches sich schöner darstellen als es war . Oder wären jubelnde Hofnungen in mir , sänge meine Seele im Glauben Psalmen , in der Liebe Hymnen : so würde ich den Tod mit feuriger Sehnsucht begrüßen und auch dann die Erde und meine Vergangenheit wie einen Tummelplatz kindlicher Spiele betrachten wohin sich der Blick mit Wehmuth wendet . Aber so ist es nicht mit mir ! ich lebe ohne Interesse für mich , daher habe ich auch keine Theilnahme für meinen Tod . Alles hört auf : Alles ! Kein Gedanke ist wechsellos , keine Empfindung dauernd , kein Wille anhaltend , kein Gefühl unvergänglich ; der Wunsch stirbt in der Erfüllung , das Verlangen im Genuß , der Schmerz an der Erschöpfung , die Freude am Ueberdruß , das Glück an der Langenweile - kurz Alles an unsrer Unvollkommenheit . Die Summe unsrer Gedanken und Gefühle , und der aus ihnen sich entwickelnden Bestrebungen und Handlungen , bildet unser Leben : da dessen sämtliche Bestandtheile vergänglich sind , wohin denn sollen wir das Unvergängliche verlegen ? in welchen verborgenen Winkel unsers Seins könnte es sich eingenistet haben ? und der Tod , der jene Bestandtheile und ihre Wechselwirkung auflöst , sollte im Zersetzen das Unvergängliche gestalten oder herausbilden ? - Man hoft es . - Ich habe mir die Hofnung abgewöhnt ! - Welche Enttäuschungen und Täuschungen mich dahin geführt haben will ich aufzeichnen , und da ich gleichgültig gegen mich selbst bin , so kann ich höchst gelassen meine Irrthümer , Fehler und Verrechnungen betrachten . Ob sie für Andere eine warnende Lehre sein können , weiß ich nicht ; aber erschrecken kann wol mein Bekenntniß : ich hatte Alles was man Glück im edelsten Sinn nennt , und war dennoch nicht einen einzigen Tag meines Lebens ganz glücklich , weil ich ein absolutes Glück , nämlich das Bewußtsein von dessen Unwandelbarkeit und Unsterblichkeit begehrte ; das relative genügte mir nicht . Daher war ich außer dem Gleichgewicht mit den Gesetzen , welche das menschliche Leben bedingen und beherrschen . Ich grämte mich keine Göttin zu sein , die Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft als Ewigkeit in ihrem Busen trägt - und darüber versäumte ich tüchtig als Mensch zu werden . In unsrer Zeit liegt etwas Bethörendes , wie in aller Schrankenlosigkeit . An den Grundgesetzen rütteln heißt nicht sie überflügelt haben ; nach den Grundursachen forschen heißt nicht sie ergründet haben ; dennoch traut Derjenige sich Beides zu der es versucht hat , und reichen die Flügel alsdann doch nicht zum Schwung aus - und ist der Grund alsdann doch weiter nichts als Triebsand hier und ein finstrer Schacht dort : so unterwirft er sich nicht demüthig der Erkenntniß , sondern er trotzt oder verzagt . Mir ist eins und das andere widerfahren . Zuweilen sag ' ich mir ich sei dazu prädestinirt gewesen ; Organisation , Erziehung , Schicksale wirkten auf einen Punkt zusammen , und das war nicht der aus welchem sich ein segenvolles friedliches Dasein entwickelt . Im grünen Holstein am Strande der Ostsee bin ich geboren . Eine reiche Erbtochter war meine Mutter ; mein Vater ein armer fränkischer Edelmann , der ihr zu Liebe die heitern rebenumlaubten Hügel am Main mit dem Sitz auf ihrem nordischen Stammschloß vertauschte . Das Rauschen des Sturmes in den knorrigen Aesten der alten Eichen , das Krächzen der Raben die auf ihnen Schutz suchten , das Brausen der Brandung die bis in den Garten schlug - waren meine Wiegenlieder . Am Tage Aller Seelen bin ich geboren . Ich war ein Spätling in der Familie ; eine Schwester war zehn , ein Bruder sieben Jahr älter als ich , und ich schloß die Reihe der Kinder . Ich entsinne mich keines Eindrucks noch Ereignisses aus meinen ersten Lebensjahren . Später , wo mir die Erinnerung auftaucht , beginnt sie mit unbestimmten Leiden . Ich war von krankhafter Reizbarkeit : ein Wort , ein Blick , ein Lächeln genügte um mir trostlose Thränen zu entlocken . Bei einem drei- oder vierjährigen Kinde darf unmöglich von dem Herzen die Rede sein ! so waren denn also die Nerven von so bebender Erregbarkeit , daß sie durch Nüancen des Tons und Ausdrucks erschüttert wurden , welche ich jezt nicht mehr zu bezeichnen vermag . Um diese Reizbarkeit zu schonen ging man nachsichtsvoller mit mir um als ich es verdienen mogte . Ich hatte meine Eltern lieb , meine Schwester war mir ziemlich gleichgültig , an meinem Bruder hing ich mit grenzenloser Zärtlichkeit : das erste Gefühl dessen ich mir bewußt geworden bin , gehörte ihm . Wir waren unzertrennlich so weit seine Lectionen und der Unterschied des Alters und Geschlechts es gestatteten . In einem leichten Wägelchen mit zwei kleinen Pferden von der Insel Oeland fuhr er mich spazieren ; auf einem dieser Pferde lehrte er mich reiten indem er nebenher ging , und als ich etwas sicherer und ungefähr acht Jahr alt war , durfte ich auf meinem kleinen Oeländer mit ihm wirklich