Toilette , die Bälle , ihre kleinen Abenteuer von gestern , das war die Welt , die sie kannte ; man liebte sie allgemein und was konnte sie noch wünschen ? Sie war das verzogene Kind des Hauses . Bald nach ihrem sechszehnten Geburtstage hatte Professor Reich um ihre Hand geworben , hatte die Zustimmung des Vaters erhalten und die kleine Braut war mit der Myrthenkrone und dem weißen Schleier zum Altare mit demselben Gefühle gegangen , mit dem sie ein Jahr vorher , am Tage ihrer Confirmation , die Kirche betreten hatte . Sie hatte das Bewußtsein eines wichtigen Schrittes , ohne sich die Folgen desselben klar zu machen ; und nachdem der schwere Abschied von Vater , Schwester und Tante vorüber war , folgte sie ihrem Manne , froh und sorglos wie ein Kind , nach Heidelberg , wo er angestellt war . Clementine blieb nun allein zurück . Sie war stiller und ernster geworden , von Robert hatte sie nur selten gehört , die Zeit seiner Rückkehr wurde von den Seinen immer weiter hinausgeschoben und sie konnte es sich nicht verhehlen , daß Robert ' s Wunsch , sie wiederzusehen , lange nicht mehr so lebhaft sein müsse , als in jener Stunde , wo sie unter den heißesten Thränen mit dem ersten Kusse von einander Abschied genommen hatten . In dieser Zeit erkrankte Clementinens Vater und nach wenig Wochen standen sie und die Tante an seinem Sarge . Ihr ganzes Leben war nur ein Schrei des Schmerzes , der Robert herbeirief , um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen , um alle Liebe , die der theure Vater besessen hatte , auf den geliebten Freund zu vererben - aber Robert , obgleich ihm der Todesfall angezeigt worden , kam nicht zurück ; und seine Mutter äußerte gegen Frau von Alven , daß ihr Sohn wol so bald nicht heimkehren würde , da Berufsverhältnisse und , wie sie glaube , auch eine Herzens-Neigung ihn an seinen jetzigen Aufenthalt fesselten . Frau von Alven erschrak , hielt es aber für ihre Pflicht , endlich einmal mit Clementinen offen über deren Zukunft zu sprechen . Sie war durch den Tod ihres Vaters unumschränkte Herrin ihrer Handlungen geworden ; die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt zurück , und so trat sie eines Tages ganz plötzlich mit der Frage vor die Nichte hin , welche Plane sie nun für die nächste Zeit gemacht habe ? Sie verhehlte ihr dabei nicht , daß sie Berlin zu verlassen wünsche , verschwieg ihr nicht , was Roberts Mutter ihr gesagt hatte , und war nicht wenig überrascht , Clementine bei der Nachricht , die für sie ein Todesstoß sein mußte , anscheinend ruhig zu finden . » Ich weiß es längst , gute Tante ! « sagte sie , » daß Robert mich nicht liebt , sehr lange schon ; und daß er jetzt für mich kein Wort des Trostes , der Theilnahme hat , keinen Gruß durch die Seinen , das nimmt mir mit dem letzten Zweifel die letzte Hoffnung ; aber es ändert in meinen Gefühlen für ihn Nichts . Wir waren Beide durch keinen Eid an einander gebunden , Robert liebt mich nicht mehr , hat mich vielleicht nie geliebt , und ich habe sein Wohlwollen für Liebe gehalten - so glaubt er sich frei und ist es auch ; denn nicht der Eid , sondern die Liebe bindet . Ich aber liebe ihn mehr als je , er ist Alles , Alles , was ich liebe , und darum bin ich sein , auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten . Entgegne mir darauf Nichts , « fuhr sie fort , als ihre Tante eine Einwendung machen wollte , » ich weiß , wie gut Du es mit mir meinst ; darum laß mich mir selbst . Dich aber länger von den Freunden und der Heimat zu trennen , wohin es Dich zieht , dazu habe ich kein Recht . Marie verlangt nach mir , ich werde nach Heidelberg gehen , werde ihr nützlich sein und in dem Kreise ihres Hauses meine Zukunft finden . Versprich mir aber , daß Du mir nie fehlen wirst , wenn ich Dein bedarf . « Frau von Alven weinte still ; Clementine kniete vor ihr nieder , küßte ihre Hände und bat : » und nun noch Eins ! Ich habe seit Jahren mehr gelitten , als ich zu leiden für möglich hielt ; ich fürchte jede Berührung meiner tiefen Wunde mehr als den Tod ; versprich mir , daß Robert ' s Name nicht mehr zwischen uns genannt wird und daß wir uns trennen ohne Abschied ; wir bleiben ja doch im Innern stets beisammen . « Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen darauf rollte der Postwagen , welcher Frau von Alven in ihre Heimat führte , an Clementinens Wohnung vorüber , in der sie mit ihrem Schwager am Fenster stand , der gekommen war , sie nach Heidelberg abzuholen . Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten Zeit , dem wehmüthigen Gefühl , von den Räumen zu scheiden , die so lange die stillen Zeugen ihres Lebens waren , that die Ruhe im Hause ihrer Schwester Clementinen anfänglich sehr wohl . Sie hatte die junge Frau fast unverändert gefunden . Marie liebte ihren Reich von Herzen , betete ihre beiden Kinder an , sorgte treulich für ihr Haus und war eine Frau , wie die Mehrzahl der Männer sie wünscht . Der Professor hielt regelmäßig seine Vorlesungen , arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube und ließ sich während der Mahlzeiten mit der größten Theilnahme Alles erzählen , was in der Zwischenzeit von der Frau , den Kindern und den Dienstboten irgend zu erzählen war . Beide Eheleute waren durchaus zufrieden mit einander und wünschten nichts Besseres , als daß es immer so bliebe . Ohne bestimmten Blick in die Zukunft , ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit , ging ein Tag nach dem andern hin , und