nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu den Mächten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden , - wie z.B. der edle Familienkreis , in welchen Wilhelm Meister uns einführt , an Kunst , weltbürgerlicher Erziehung und großartiger Industrie die Bezüge hat , die ihn der Geringheit und Dürftigkeit eines blos selbstischen Familieninteresses entreißen - oder es muß eine bestimmte , im Leben eines Volkes bedeutsame , geschichtliche Zeit sein , in die der Dichter uns versetzt , und die er am Familienleben reflektirt zu unserer Anschauung bringt . Eben dieser letztere Gedanke liegt nun auch den Scottischen Romanen zu Grunde , konnte in ihnen aber freilich nicht genügend zur Ausführung kommen , weil Scott die Familie durch die allgemeinen Interessen völlig bewältigt , weil er uns nicht die Geschichte durch die Familie hindurch , sondern umgekehrt die Familie nur in der Geschichte , sei es nun als thätiges Organ derselben , oder als leidenden Spielball der Ereignisse erblicken läßt . Es liegt zwar auch in dieser Fassung eine Wahrheit , eine solche jedoch , zu der wir des Dichters nicht bedürfen , die uns die Geschichte selbst auf allen ihren Blättern lehrt . Jene unvergängliche Seite der Familie dagegen , welche alle geschichtlichen Kämpfe und Wirren überdauert , jene in allem Wechsel des mannigfach bewegten öffentlichen Lebens sich unveränderlich erhaltende stille Macht der Liebe , Treue , Innigkeit und heiligen Vertrauens ist es , welche schon an sich gediegene Poesie , auch für die dichterische Behandlung ein unerschöpflicher Stoff ist . Wie trefflich nun dieser Stoff , wenn ein Meister ihn behandelt , sich gestalten läßt , zeigt das Werk , auf welches aufmerksam zu machen , der Zweck dieser Zeilen ist . Wir werden durch Godwie-Castle mit einer englischen Familie bekannt , deren hoher Rang sie von alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrschern des Landes gebracht , und zur Theilnahme an der Leitung des Staats berufen hat , so daß die Schicksale des Hauses vielfach durch den Gang der öffentlichen Angelegenheiten , und durch innigere , persönliche Verhältnisse zur Königsfamilie bestimmt werden . Die Personen , die wir kennen lernen , haben an dem Hofe der Königin Elisabeth und ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen , und die vertraute Freundschaft zwischen dem Haupte der Familie und dem Prinzen von Wales führt Verwickelungen herbei , welche auf das sonst ungetrübte Familienglück einen düstern Schatten werfen , der sich erst spät zerstreut . Ueber die Begebenheiten selbst enthalten wir uns jedes Berichts , und bemerken von ihnen nur , daß sie ganz geeignet sind , die Theilnahme der Leser in hohem Grade in Anspruch zu nehmen . Desto angelegentlicher möchten wir die poetische Trefflichkeit des Werkes hervorheben . In der That sind darin alle oben an Scott gerügten Fehler auf das glücklichste vermieden . Viele höchst interessante historische Momente treten uns zwar darin entgegen : das letzte Lebensjahr Jakobs des Ersten , der sinnlose Uebermuth seines Günstlings Buckingham , die Verhandlungen wegen der Vermählung des unglücklichen Prinzen Karl , Burleigh ' s und Bristol ' s gewandte , aber in aller Staatsklugheit den Adel der Gesinnung bewahrende Politik in ungleichem Kampfe mit Richelieu ' s schleichenden auf Hofintriguen , Weibergunst und Jesuitismus sich stützenden Machinationen - alles dieses und dem ähnliches führt der Verfasser mit dramatischer Anschaulichkeit unsern Blicken vorüber . Dennoch hält er es mit großer Besonnenheit so sehr als möglich im Hintergrunde , und läßt es nur so weit hervortreten , als es unmittelbar auf die Nottingham ' sche Familie einwirkt , für welche er unser Interesse ungetheilt in Anspruch nimmt und erhält . In das Stammschloß derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der Erzählung , und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte , den großen Sinn seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswürdigem Talent , so ungetrübt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie , in welche bei solchem Anlaß Scott so leicht verfällt , daß wir darin völlig heimisch werden . Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin ! Die alte Herzogin , eine wahrhaft verklärte , von keinem Erdenschmerze mehr berührbare Gestalt , auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines schönen Bewußtseins heiter zurückblickend , und jetzt nur noch in der Liebe zu den Ihrigen lebend . Ihr zur Seite die jüngere Herzogin , ein tief leidenschaftliches , von einem großen Schmerz umnachtetes Gemüth , dessen Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebändiget , nur um so rührender die Fülle von Liebe , die es einschließt , und um so schöner die Stärke einer edeln Gesinnung offenbart . Wir müssen es uns versagen , diese andeutende Karakteristik fortzusetzen . Gleich den genannten Personen sind auch die übrigen , bis zur jüngsten Enkelin , welche in ihrer Kinderunschuld das anmuthigste Gegenstück zu der herrlichen Großmutter bildet , scharf individualisirt ; wie verschieden aber auch in Karakter und Lebensrichtung , sind sie doch durch gegenseitige Liebe und Anerkennung , durch das Alle erfüllende Bewußtsein der Familienehre und einen für Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schönsten Einheit und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden , in welches hineinzublicken Genuß und Erhebung zugleich ist . Die schönste Zeichnung freilich ist die junge Fremde , an deren Erscheinen in Godwie-Castle sich viel Lust und Leid knüpft . Der Verfasser hat die Fülle von Liebreiz , die er über diese Gestalt ausgegossen , zugleich so durchsichtig für die ihr einwohnende hohe Seelenschönheit zu halten gewußt , daß die herzgewinnende Macht , die sie über ihre Umgebung ausübt , gewiß auch jeder Leser erfahren wird . Das liebe Mädchen muß viel leiden , so viel , daß wir mit dem Verfasser darüber rechten könnten , warum er sie über manche Widerwärtigkeit nicht sanfter hinweggeführt hat , wenn wir nicht wüßten , einmal daß im Romane der Zufall sein Recht unbeschränkt behaupten müsse , und zweitens vornehmlich , daß gerade in jenen Schmerzen die größere Liebe des Dichters zu seinem Geschöpf sich kundgiebt , welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung verdanken . Seltsam genug , daß im Reiche der Poesie