man brachte wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu ; mehrere Familien aus der Nachbarschaft vereinigten sich , man lachte und scherzte die düstern Stunden hinweg , und ehe man es dachte , war Herbst und Winter verschwunden , und der Frühling mit allen seinen Blüthen entzückte uns von Neuem . Es ist traurig , daß Ihr erster langer Aufenthalt auf dem Lande grade in eine so ungünstige Zeit fällt . Der Krieg hat alle Menschen ängstlich gemacht , es wagt sich beinahe Niemand heraus , und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt , so fehlt doch die ehemalige Heiterkeit . Die Gräfin unterdrückte eine Antwort , die sie geben , oder eine Bemerkung , die sie machen wollte , und sagte nur seufzend : ich wollte , gutes Kind , Du könntest mich zerstreuen . Würde Musik Sie vielleicht erheitern ? fragte Emilie , indem sie aufstand und sich dem Instrumente näherte . Um Gottes Willen nicht , erwiederte die Gräfin , in meiner jetzigen Stimmung würde Musik mein Gefühl beleidigen . Soll ich Ihnen vorlesen ? fragte Emilie ein wenig schüchtern . Lesen , sagte die Gräfin mit Bitterkeit , lesen statt leben , es ist die allgemeine Meinung unserer Zeit , wir verschleudern unser eigenes Leben , um das eingebildeter Personen zu lesen ; nun so laß uns denn so thöricht sein , wie alle Andern , nimm ein Buch und lies mir vor , nur bitte ich Dich keine Poesien , laß es schlichte gewöhnliche Prosa sein , woran wir uns ergötzen wollen . Wer sollte wohl in dieser Aeußerung , sagte Emilie lächelnd , die leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen ? Eben weil ich die Poesie verehre , versetzte die Gräfin , soll sie nicht in meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden . Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit genug darauf zu verwenden , um die Schönheit eines Gedichtes heraus zu hören , und in solchem Zustande ist ein Roman das Beste , was man lesen kann . Ich habe nicht geglaubt , sagte Emilie , daß Sie auch so gering von dem Romane dächten , wie die meisten gelehrten Recensenten , und nun , da es doch so scheint , werde ich in meiner eignen Ansicht irre . Wer sagt Dir , daß ich gering von dem Roman denke ? fragte die Gräfin ; doch , fuhr sie fort , laß Deine Ansicht über ihn hören . Sie wollen über mich lachen , antwortete Emilie , und wenn es Sie erheitern kann , will ich mich gern Ihnen so gegenüberstellen , als könnte auch ich ein Urtheil haben . Gar zu bescheiden , sagte die Gräfin , Du weißt , meine Liebe , auch das Gute muß man nicht übertreiben . Emilie erröthete ein wenig und sagte dann : jetzt wird es mir in der That schwer , eine Ansicht zu entwickeln , die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit in mir hatte ; aber ich dächte , die Romane wären deßwegen so allgemein beliebt , weil sie uns in der That die Gesellschaft am Meisten ersetzen ; wir leben im Kreise der Menschen , die uns dargestellt werden , wir kennen die Gegend , in der sie leben , ihre Häuser und Hausgenossen , es entwickelt sich ihr Charakter vor uns , sie vertrauen uns ihr Glück und ihre Leiden an , und ist ein Buch beendigt , so habe ich wenigstens das Gefühl , als ob ich aus einer Gegend abreiste , worin ich viele Freunde und interessante Menschen zurücklasse , wo mir auch die komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind , und selbst die bösartigen sich so gezeigt haben , daß ich sie entweder beklagen oder bewundern muß . Du sprichst von guten Romanen , sagte die Gräfin , aber selbst die mittelmäßigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen , und wenn uns ein wahrhaft elender in die Hände fällt , der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte Gesellschaft versetzt , so giebt es nichts Leichteres , als sich hier zurückzuziehen , denn nichts weiter ist nöthig , als daß wir das Buch wegwerfen . Nimm denn also einen Roman und lies ; laß uns versuchen , ob wir uns fremde Menschen , eine andere Gesellschaft herzaubern und darüber uns selbst vergessen können . Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Gräfin und wollte sich entfernen , um ein Buch zu holen ; die Gräfin aber nahm sie bei der Hand und sagte mit milder Stimme : Ich quäle Dich , gutes Kind , durch meine heutige Laune , aber glaube mir , es liegt mir so Manches drückend auf dem Herzen , daß , wenn ich darüber spräche , Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben würdest . Sie fürchten vielleicht , sagte Emilie mit einiger Beklemmung , daß die Feinde dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden , obgleich der Onkel es für unmöglich hielt . Nicht diese Sorgen quälen mich am Meisten , erwiederte die Gräfin , obgleich ich fürchte , daß es möglich ist , und daß , wenn es geschieht , ein großer Theil unseres Vermögens verloren gehn kann , was doch auch nicht gleichgültig von uns betrachtet werden darf ; Emilie schwieg und die Gräfin fuhr fort : Man braucht nicht geizig zu sein , um einen großen Werth auf ein bedeutendes Vermögen zu legen , das , indem es den Rang unterstützt , den wir in der Welt einnehmen , unsere Unabhängigkeit sichert , und gewiß hat man nur in der Jugend die Großmuth , alle irdischen Güter zu verachten , weil man weder ihren wahren Werth , noch ihren rechten Gebrauch kennt . Der edelste , uneigennützigste Mensch wird sich gedrückt fühlen , wenn Mangel an Vermögen ihn von Andern abhängig macht . Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken , und die tiefe Röthe , die sich über ihre Wangen verbreitete , verrieth der Gräfin ihre Gedanken . Emilie