die es nicht zugeben werden , daß die Wahrheit eines freudigen Gewissens sich vor den Auslegungen der Bösen flüchte . - Auch dem Herrn Kanzler von Müller in Weimar sage ich Dank , daß er auf meine Bitte sich bemühte , trotz dem Drang seiner Geschäfte , meine Briefe aus Goethes umfassendem Nachlaß hervorzusuchen , es sind jetzt achtzehn Monate , daß ich sie in Händen habe ; er schrieb mir damals : » So kehre denn dieser unberührte Schatz von Liebe und Treue zu der reichen Quelle zurück , von der er ausgeströmt ! Aber eins möchte ich mir zum Lohn meiner gemess ' nen Vollziehung Ihres Wunsches und Willens wie meiner Enthaltsamkeit doch von Ihrer Freundschaft ausbitten . - Schenken Sie mir irgendein Blatt aus dieser ohne Zweifel lebenswärmsten Korrespondenz ; ich werde es heilig aufbewahren , nicht zeigen noch kopieren lassen , aber mich zuweilen dabei still erfreuen , erbauen oder betrüben , je nachdem der Inhalt sein wird ; immerhin werde ich ein zweifach liebes Andenken , einen Tropfen gleichsam Ihres Herzbluts , das dem größten und herrlichsten Menschen zuströmte , daran besitzen . « - Ich habe diese Bitte nicht befriedigt , denn ich war zu eifersüchtig auf diese Blätter , denen Goethe eine ausgezeichnete Teilnahme geschenkt hatte , sie sind meistens von seiner Hand korrigiert , sowohl Orthographie als auch hie und da Wortstellung , manches ist mit Rötel unterstrichen , anderes wieder mit Bleistift , manches ist eingeklammert , anderes ist durchstrichen . - Da ich ihn nach längerer Zeit wiedersah , öffnete er ein Schubfach , worin meine Briefe lagen , und sagte : » Ich lese alle Tage darin . « Damals erregten mir diese Worte einen leisen Schauer . Als ich jetzt diese Briefe wieder las , mit diesen Spuren seiner Hand , da empfand ich denselben Schauer , und ich hätte mich nicht leichtlich von einem der geringsten Blätter trennen mögen . Ich habe also die Bitte des Kanzler von Müller mit Schweigen übergangen , aber nicht undankbar vergessen ; möge ihm der Gebrauch , den ich davon gemacht habe , beides , meinen Dank und meine Rechtfertigung , beweisen . Briefwechsel mit Goethes Mutter Liebste Frau Rat ! Am 1. März 1807 Ich warte schon lange auf eine besondere Veranlassung , um den Eingang in unsere Korrespondenz zu machen . Seitdem ich aus Ihrem Abrahamsschoß , als dem Hafen stiller Erwartung , abgesegelt bin , hat der Sturmwind noch immer den Atem angehalten , und das Einerleileben hat mich wie ein schleichend Fieber um die schöne Zeit gebracht . Wie sehr bejammere ich die angenehme Aussicht , die ich auf der Schawell zu Ihren Füßen hatte , nicht die auf den Knopf des Katharinenturms , noch auf die Feueresse der rußigen Zyklopen , die den goldnen Brunnen bewachen ; nein ! die Aussicht in Ihren vielsagenden feurigen Blick , der ausspricht , was der Mund nicht sagen kann . - Ich bin zwar hier mitten auf dem Markt der Abenteuer , aber das köstliche Netz , in dem mich Ihre mütterliche Begeistrung eingefangen , macht mich gleichgültig für alle . Neben mir an , Tür an Tür , wohnt der Adjutant des Königs ; er hat rotes Haar , große blaue Augen , ich weiß einen , der ihn für unwiderstehlich hält , der ist er selber . Vorige Nacht weckte er mich mit seiner Flöte aus einem Traum , den ich für mein Leben gern weiter geträumt hätte , am andern Tag bedankt ich mich , daß er mir noch so fromm den Abendsegen vorgeblasen habe ; er glaubte , es sei mein Ernst , und sagte , ich sei eine Betschwester , seitdem nennen mich alle Franzosen so und wundern sich , daß ich mich nicht drüber ärgere ; - ich kann aber doch die Franzosen gut leiden . Gestern ist mir ein Abenteuer begegnet . Ich kam vom Spaziergang und fand den Rothschild vor der Tür mit einem schönen Schimmel ; er sagte : es sei ein Tier wie ein Lamm , und ob ich mich nicht draufsetzen wolle ? - Ich ließ mich gar nicht bitten , kaum war ich aufgestiegen , so nahm das Lamm Reißaus und jagte in vollem Galopp mit mir die Wilhelmshöher Allee hinauf , ebenso kehrte es wieder um . Alle kamen totenblaß mir entgegen , das Lamm blieb plötzlich stehen , und ich sprang ab ; nun sprachen alle von ihrem gehabten Schreck ; - ich fragte : » Was ist denn passiert ? « - » Ei , der Gaul ist ja mit Ihnen durchgegangen ! « - » So ! « sagt ich , » das hab ich nicht gewußt . « - Rothschild wischte mit seinem seidnen Schnupftuch dem Pferde den Schweiß ab , legte ihm seinen Überrock auf den Rücken , damit es sich nicht erkälten solle , und führte es in Hemdärmel nach Haus ; er hatte gefürchtet , es nimmermehr wiederzusehen . - Wie ich am Abend in die Gesellschaft kam , nannten mich die Franzosen nicht mehr Betschwester , sie riefen alle einstimmig : » Ah l ' héroïne ! « Leb Sie wohl , ruf ich Ihr aus meiner Traumwelt zu , denn auch über mich verbreitet sich ein wenig diese Gewalt . Ein gar schöner ( ja ich müßte blind sein , wenn ich dies nicht fände ) , nun , ein feiner , schlanker brauner Franzose sieht mich aus weiter Ferne mit scharfen Blicken an , er naht sich bescheiden , er bewahrt die Blume , die meiner Hand entfällt , er spricht von meiner Liebenswürdigkeit ; Frau Rat , wie gefällt einem das ? - Ich tue zwar sehr kalt und ungläubig , wenn man indessen in meiner Nähe sagt : » Le roi vient « , so befällt mich immer ein kleiner Schreck , denn so heißt mein liebenswürdiger Verehrer . Ich wünsche Ihr eine gute Nacht , schreib Sie mir bald wieder . Bettine Goethes