ich in den Speisesaal trat , hatte sich die Gesellschaft schon niedergelassen , ich eilte still an meinen Stuhl , gegenüber saß der Herr v. Natas . Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt , so wurde er mir jetzt um so interessanter , da ich ihn in der Nähe sah . Das Gesicht war schön , aber bleich , Haar , Auge und der volle Bart von glänzendem Schwarz , die weißen Zähne , von den feingespaltenen Lippen oft enthüllt , wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche . War er alt ? war er jung ? man konnte es nicht bestimmen ; denn bald schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln , das ganz leise in dem Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu dem mutwilligen Auge hinaufzieht , früh gereifte und unter dem Sturm der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten ; bald glaubte man einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben , der durch eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß . Es gibt Köpfe , Gesichter , die nur zu einer Körperform passen und sonst zu keiner andern . Man werfe mir nicht vor , daß es Sinnentäuschung seie , daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form , wie sie die Natur gegeben , gewöhnt habe , als daß es sich eine andere Mischung denken könnte . Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten , wohlbeleibten Körper sitzen , er durfte nur die Krone einer hohen , schlanken , zartgebauten Gestalt sein . So war es auch , und die gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln , wie sie in leichtem Spott um den Mund , im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielen , drückte sich auch in dem Körper durch die würdige , aber bequeme Haltung , durch die schnelle , runde , beinahe zierliche Bewegung der Arme , überhaupt in dem leichten , königlichen Anstande des Mannes aus . So war Herr von Natas , der mir gegenüber an der Abendtafel saß . Ich hatte während der ersten Gänge Muße genug , diese Bemerkungen zu machen , ohne dem interessanten Vis-à-vis durch neugieriges Anstarren beschwerlich zu fallen . Der neue Gast schien übrigens noch mehrere Beobachtungen zu veranlassen , denn von dem obern Ende der Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender Bewegung , mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen höchstens mit bloßem Auge gemustert . Das Dessert wurde aufgetragen , der Direktor der vorzüglichen Tafelmusik ging umher , seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln . Er kam an den Fremden . Dieser warf einen Taler unter die kleine Münzensammlung , und flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr . Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen , und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück . Die Instrumente wurden aufs neue gestimmt . Ich war gespannt , was jener wohl gewählt haben könnte ; der Direktor gab das Zeichen , und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche Polonaise von Osinsky . Der Fremde lehnte sich nachlässig in seinen Stuhl zurück , er schien nur der Musik zu gehören ; aber bald bemerkte ich , daß das dunkle Auge unter den langen schwarzen Wimpern rastlos umherlief - es war offenbar , er musterte die Gesichter der Anwesenden , und den Eindruck , den die herrliche Polonaise auf sie machte . Wahrlich ! dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu verraten . Zwar wäre der Schluß unrichtig , den man sich aus der wärmern oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die größere oder geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen wollte ; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der Flöte , das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern der Trompeten , stolzer hebt es den Nacken und sein Tritt ist fester und straffer . Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen , als die Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des Stückes ; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche Wahl dieser Musik , und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen . Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen , nur einige , die in der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten , rückten nach und nach näher . Mitternacht war herangekommen , ohne daß ich wußte , wie , denn der Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen , in alle ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen , daß wir uns stille gestehen mußten , nirgends so tiefgedachte , so überraschende Schlüsse gehört oder gelesen zu haben . Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den Drei Reichskronen auf . Es war , als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten , und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage ; Gäste , die sich nie hätten einfallen lassen , länger als eine Nacht hierzubleiben , schlossen sich an den immer größer werdenden Zirkel an , und vergaßen , daß sie unter Menschen sich befinden , die der Zufall aus allen Weltgegenden zusammengeschneit hatte . Und Natas , dieses seltsame Wesen , war die Seele des Ganzen . Er war es , der sich , sobald er sich nur erst mit seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte , zum Maître de plaisir hergab . Er veranstaltete Feste , Ausflüge in die herrliche Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden . Hatte er aber schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen gewonnen , so war dies noch mehr der Fall , wenn er die Konversation führte . Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben getreten zu sein ; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen , so fühlte jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen , auf leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die