Liebe ihn wohlthätig geweckt haben . Aber dies Gefühl war ihm bisher noch fremd im Leben geblieben , deshalb konnte er den heiligen Einfluß desselben nicht anerkennen , ja nicht einmal ahnen . Sich dem gauklenden Schmetterlingsschwarm zuzugesellen , der die blendendsten Koketten der Residenz umflatterte und ihm durch die Ueberlegenheit seiner glänzenden und einschmeichlenden Eigenschaften den Rang abzulaufen , um nach erlangtem Siege sich schnell nach einem neuen Gegenstand seines Verlangens umzusehen , war bisher der Cyklus seiner Beschäftigungen und das stete Ziel seiner Bemühungen gewesen , in dessen Erreichung seine Eitelkeit Befriedigung fand , wenn auch das Herz leer blieb . Ihn erwärmte bei so unwürdigen Unternehmungen nicht jene reine Flamme wahrer Empfindung , die selbst Verirrungen adelt , welche sich auf ihre Innigkeit gründen , sondern es war ein eingeheitztes Feuer , mit dem er sich und andern in thörichter Verblendung weis machte , daß er glühe , während er eigentlich sehr oft nur kalte Geringschätzung fühlte . So war es sehr natürlich , daß neben der Unschuld seines Herzens auch die gute Meinung unterging , die der Mann durchaus von den Frauen haben muß , wenn er ihnen seine höhere Ausbildung und sein Glück verdanken soll , und er glaubte , gleich den Gefährten seiner Lüste an keine weibliche Tugend mehr , da es ihm immer noch gelungen war , eine jede , die sich ihm dafür ausgab , zu zerstören . Er hatte den Schein in seiner ganzen Nichtigkeit erforscht , und darüber den Glauben an die Wahrheit verloren . So sehr er daher auch der Schönheit huldigte , wo er sie fand , so dünkte ihm doch die Glorie der sittlichen Reinheit mit der er sie sehr oft umgeben fand , nur ein gemeines Irrlicht , auf Sümpfen erzeugt , um zu täuschen und zu locken , und er betrachtete es als eine unumgänglich nothwendige List , sie scheinbar zu ehren , um mit Hülfe dieser Verstellung und einer erheuchelten Achtung sich seine Eroberungen leichter zu machen , und Maske mit Maske zu vergelten . III Die Gesellschaft , welche die Generalin ihrem Neffen zu Ehren eingeladen hatte , und unter der er die ihm von ihrer mütterlichen Fürsorge bestimmte Braut finden sollte , fing an sich zu versammeln . Aber so manche Mutter auch mit ihrer blühenden oder verblühten Tochter hereintrat - durch keine wurden die ausgezeichneten Lobsprüche gerechtfertigt , mit welcher seine Tante wenigstens seine Neugier in Hinsicht Erna ' s Bekanntschaft gereitzt hatte . Endlich erschien eine bleiche , abgezehrte Matrone , geführt von einem jungen Mädchen , das durch die zarteste Sorgfalt im Benehmen , und eine völlig auf ihre kindlichen Pflichten beschränkte Aufmerksamkeit auch ohne Worte aussprach , daß sie die Würde des Berufes fühle , ihrer dem Grabe entgegen kränkelnden Mutter alles zu seyn . Dies entsprach allerdings , die Güte und Dankbarkeit ihres Herzens verbürgend , der Schilderung , die die Generalin von ihren moralischen Eigenschaften gemacht hatte . Aber schön war sie nicht - und doch hatte sie auch ihr Aeußeres als sehr vortheilhaft gerühmt . Er erwartete daher - sein Ideal jugendlicher Schönheit üppig in der Seele tragend - eine volle , feurig in der Fülle der Gesundheit sich dem Leben öffnende Blüthe zu sehen , die , wie mit Liebesarmen an jede irrdische Freude sich fest schlingend , nur Fröhlichkeit und Muthwillen athmete . Statt dessen erblickte er ein Wesen , zart und ätherisch - er nannte es mager - in dem der leise Uebergang vom Kinde zur Jungfrau noch nicht harmonisch verschmolzen war , und sie demnach weder als das eine noch als die andere erscheinen ließ . Dabei einen Ernst , der ihren Jahren so wenig in seinen Augen kleidete , wie der Doctorhut einem Knaben und in dem ganz eigenen Ausdruck ihres Gesichts , auf welchem nicht die Rosen der ersten Jugend , sondern der blasse Mondschein einer fast überirdischen Verklärung ruhte , stilles Nachdenken , Ruhe und Resignation statt des Aufblitzens üppiger Lebenskraft und kindlicher Heiterkeit , denen er zu begegnen hoffte . Sie hatte ihre Mutter sanft zu einem Sopha geleitet , und nachdem sie Sorge getragen , sie mit alle den kleinen Bequemlichkeiten zu versehen , die ihre Schwäche ihr zum Bedürfniß machten , zog sie sich zu den übrigen jungen Mädchen zurück , in deren Kreis sie sich so anspruchslos verlor , wie das Veilchen sich im Wiesengrund verbirgt . Alexanders Augen folgten ihr . Noch immer konnte er die Reize nicht wahrnehmen , die seine Tante als ausgezeichnet erwähnt hatte . Erna war groß für ihr Alter , aber schneller Wachsthum , schien es , hatte ihrer Gestalt noch nicht gestattet , jene wohlgefällige Rundung zu gewinnen , die zu einem richtigen Ebenmaas gehört . Ihr reiches , castanienbraunes Haar war in Flechten zusammengedrängt , kunstlos um das Haupt gewunden . Dunkler noch contrastirten die hoch gewölbten , schmal geformten Augenbraunen und die langen , einem Trauerschleier gleich den gesenkten Blick verhüllenden Wimpern mit der seltenen Weisse ihres Teints , aber es fehlte das warme , frische Roth der belebenden Jugendglut , das nur auf den zarten , fest verschlossenen Lippen anzutreffen war . Ihre Züge waren fein und edel gebildet , und insbesondere trug die Stirn den Stempel hoher Unschuld und Reinheit - doch das Ganze sprach seinen an schimmernden Farbenschmelz und an Flittergold der Kunst gewöhnten Sinn so wenig an , wie im bunten Blumenbeet des Frühlings die farblose Lilie . Um zu untersuchen , ob seine Tante auch in Hinsicht ihres Geistes das von ihr gefällte Urtheil übertrieben habe , trat er ihr näher , und mit jener Gewandheit und Leichtigkeit , die das immerwährende Leben in der großen Welt giebt , wollte er eine Veranlassung suchen , sie anzureden . Als er nun aber vor ihr stand , und sie das bisher gesenkte Auge erhob , dem seinen begegnend , da begrüßten ihn , gleich dämmernden Schatten der Vorzeit die längst nicht mehr empfundenen Regungen schüchterner Blödigkeit und süßen Bangens , und