im Mai ( 18 - ) Murr ( Étudiant en belles lettres ) Vorwort Unterdrücktes des Autors Mit der Sicherheit und Ruhe , die dem wahren Genie angeboren , übergebe ich der Welt meine Biographie , damit sie lerne , wie man sich zum großen Kater bildet , meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne , mich liebe , schätze , ehre , bewundere und ein wenig anbete . Sollte jemand verwegen genug sein , gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen , so mag er bedenken , daß er es mit einem Kater zu tun hat , der Geist , Verstand besitzt und scharfe Krallen . Berlin , im Mai ( 18- ) Murr ( Homme de lettres très renommé ) N. S. Das ist zu arg ! - Auch das Vorwort des Autors , welches unterdrückt werden sollte , ist abgedruckt ! - Es bleibt nichts übrig , als den günstigen Leser zu bitten , daß er dem schriftstellerischen Kater den etwas stolzen Ton dieses Vorworts nicht zu hoch anrechnen und bedenken möge , daß , wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden sollte , es nicht viel anders herauskommen würde . d.H. Erster Abschnitt Gefühle des Daseins Die Monate der Jugend Es ist doch etwas Schönes , Herrliches , Erhabenes um das Leben ! - » O du süße Gewohnheit des Daseins ! « ruft jener niederländische Held in der Tragödie aus . So auch ich , aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen Augenblick , als er sich davon trennen soll - nein ! - in dem Moment , da mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt , daß ich in jene süße Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht willens bin , jemals wieder hinauszukommen . - Ich meine nämlich , die geistige Kraft , die unbekannte Macht , oder wie man sonst das über uns waltende Prinzip nennen mag , welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung gewissermaßen aufgedrungen hat , kann unmöglich schlechtere Gesinnungen haben als der freundliche Mann , bei dem ich Kondition gegangen , und der mir das Gericht Fische , das er mir vorgesetzt , niemals vor der Nase wegzieht , wenn es mir eben recht wohlschmeckt . O Natur , heilige hehre Natur ! wie durchströmt all deine Wonne , all dein Entzücken meine bewegte Brust , wie umweht mich dein geheimnisvoll säuselnder Atem ! - Die Nacht ist etwas frisch , und ich wollte - doch jeder , der dies lieset oder nicht lieset , begreift nicht meine hohe Begeisterung , denn er kennt nicht den hohen Standpunkt , zu dem ich mich hinaufgeschwungen ! - Hinaufgeklettert wäre richtiger , aber kein Dichter spricht von seinen Füßen , hätte er auch deren viere so wie ich , sondern nur von seinen Schwingen , sind sie ihm auch nicht angewachsen , sondern nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers . Über mir wölbt sich der weite Sternenhimmel , der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab , und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her ! Mehr und mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Straßen , stiller und stiller wird die Nacht - die Wolken ziehen - eine einsame Taube flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm ! - Wie ! - wenn die liebe Kleine sich mir nähern wollte ? - Ich fühle wunderbar es sich in mir regen , ein gewisser schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt ! - O , käme sie , die süße Huldin , an mein liebekrankes Herz wollt ' ich sie drücken , sie nimmer von mir lassen - ha , dort flattert sie hinein in den Taubenschlag , die Falsche , und läßt mich hoffnungslos sitzen auf dem Dache ! - Wie selten ist doch in dieser dürftigen , verstockten , liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen . - Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes , daß das Geschlecht , welches sich Mensch nennt , sich die Herrschaft über uns alle , die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln , anmaßen darf ? Aber ich weiß es , sie bilden sich was Großes ein auf etwas , was in ihrem Kopfe sitzen soll , und das sie die Vernunft nennen . Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen , was sie darunter verstehen , aber so viel ist gewiß , daß , wenn , wie ich es aus gewissen Reden meines Herrn und Gönners schließen darf , Vernunft nichts anders heißt , als die Fähigkeit , mit Bewußtsein zu handeln und keine dumme Streiche zu machen , ich mit keinem Menschen tausche . - Ich glaube überhaupt , daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt ; durch das Leben und zum Leben kommt man doch , man weiß selbst nicht wie . Wenigstens ist es mir so gegangen , und wie ich vernehme , weiß auch kein einziger Mensch auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung , sondern nur durch Tradition , die noch dazu öfters sehr unsicher ist . Städte streiten sich um die Geburt eines berühmten Mannes , und so wird es , da ich selbst nichts Entscheidendes darüber weiß , immerdar ungewiß bleiben , ob ich in dem Keller , auf dem Boden oder in dem Holzstall das Licht der Welt erblickte oder vielmehr nicht erblickte , sondern nur in der Welt erblickt wurde von der teuren Mama . Denn wie es unserm Geschlecht eigen , waren meine Augen verschleiert . Ganz dunkel erinnere ich mich gewisser knurrender , prustender Töne , die um mich her erklangen , und die ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe , wenn mich der Zorn überwältigt . Deutlicher und beinahe mit vollem Bewußtsein finde ich mich in einem sehr engen Behältnis mit weichen Wänden eingeschlossen , kaum fähig , Atem zu schöpfen , und in Not und