Sohnes zugesichert hatte . In der heiligen Linde erkrankte mein Vater , und je weniger er die vorgeschriebenen beschwerlichen Andachtsübungen seiner Schwäche unerachtet aussetzen wollte , desto mehr nahm das Übel überhand ; er starb entsündigt und getröstet in demselben Augenblick , als ich geboren wurde . - Mit dem ersten Bewußtsein dämmern in mir die lieblichen Bilder von dem Kloster und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde auf . Mich umrauscht noch der dunkle Wald - mich umduften noch die üppig aufgekeimten Gräser , die bunten Blumen , die meine Wiege waren . Kein giftiges Tier , kein schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der Gebenedeiten ; nicht das Sumsen einer Fliege , nicht das Zirpen des Heimchens unterbricht die heilige Stille , in der nur die frommen Gesänge der Priester erhallen , die , mit den Pilgern goldne Rauchfässer schwingend , aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt , in langen Zügen daherziehen . Noch sehe ich mitten in der Kirche den mit Silber überzogenen Stamm der Linde , auf welche die Engel das wundertätige Bild der heiligen Jungfrau niedersetzten . Noch lächeln mich die bunten Gestalten der Engel - der Heiligen - von den Wänden , von der Decke der Kirche an ! - Die Erzählungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster , wo ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde , sind so in mein Innres gedrungen , daß ich alles selbst gesehen , selbst erfahren zu haben glaube , unerachtet es unmöglich ist , daß meine Erinnerung so weit hinausreicht , da meine Mutter nach anderthalb Jahren die heilige Stätte verließ . - So ist es mir , als hätte ich selbst einmal in der öden Kirche die wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes gesehen , und es sei eben der fremde Maler gewesen , der in uralter Zeit , als eben die Kirche gebaut , erschien , dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit kunstgeübter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte , dann aber , als er fertig worden , wieder verschwand . - So gedenke ich ferner noch eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauen Barte , der mich oft auf den Armen umhertrug , im Walde allerlei bunte Moose und Steine suchte und mit mir spielte ; unerachtet ich gewiß glaube , daß nur aus der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild erzeugt hat . Er brachte einmal einen fremden wunderschönen Knaben mit , der mit mir von gleichem Alter war . Uns herzend und küssend , saßen wir im Grase , ich schenkte ihm alle meine bunten Steine , und er wußte damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen , aber immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes . Meine Mutter saß neben uns auf einer steinernen Bank , und der Alte schaute , hinter ihr stehend , mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu . Da traten einige Jünglinge aus dem Gebüsch , die , nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen zu urteilen , wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren . Einer von ihnen rief , indem er uns gewahr wurde , lachend : » Sieh da ! eine heilige Familie , das ist etwas für meine Mappe ! « - Er zog wirklich Papier und Krayon hervor und schickte sich an uns zu zeichnen , da erhob der alte Pilger sein Haupt und rief zornig : » Elender Spötter , du willst ein Künstler sein , und in deinem Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe ; aber deine Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst , und du wirst wie ein Verstoßener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner eignen Armseligkeit . « - Die Jünglinge eilten bestürzt von dannen . - Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter : » Ich habe Euch heute ein wunderbares Kind gebracht , damit es in Euerm Sohn den Funken der Liebe entzünde , aber ich muß es wieder von Euch nehmen , und Ihr werdet es wohl sowie mich selbst nicht mehr schauen . Euer Sohn ist mit vielen Gaben herrlich ausgestattet , aber die Sünde des Vaters kocht und gärt in seinem Blute , er kann jedoch sich zum wackern Kämpen für den Glauben aufschwingen , lasset ihn geistlich werden ! « - Meine Mutter konnte nicht genug sagen , welchen tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie gemacht hatten ; sie beschloß aber demunerachtet , meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun , sondern ruhig abzuwarten , was das Geschick über mich verhängen und wozu es mich leiten würde , da sie an irgend eine andere höhere Erziehung , als die sie selbst mir zu geben imstande war , nicht denken konnte . - Meine Erinnerungen aus deutlicher , selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an , als meine Mutter auf der Heimreise in das Zisterzienser Nonnenkloster gekommen war , dessen gefürstete Äbtissin , die meinen Vater gekannt hatte , sie freundlich aufnahm . Die Zeit von jener Begebenheit mit dem alten Pilger , welche ich in der Tat aus eigner Anschauung weiß , so daß sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des Malers und des alten Pilgers ergänzt hat , bis zu dem Moment , als mich meine Mutter zum erstenmal zur Äbtissin brachte , macht eine völlige Lücke : nicht die leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben . Ich finde mich erst wieder , als die Mutter meinen Anzug , soviel es ihr nur möglich war , besserte und ordnete . Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft , sie verschnitt mein wildverwachsnes Haar , sie putzte mich mit aller Mühe und schärfte mir dabei ein , mich ja recht fromm und artig bei der Frau Äbtissin zu betragen . Endlich stieg ich an der Hand meiner Mutter die breiten steinernen Treppen herauf und trat in das hohe , gewölbte , mit heiligen