freier , oft heftiger Bewegung hinderlich waren , meist in die Höhe und ließ die Arme unbedeckt daraus hervorsehen . Das Haar blieb unfrisirt und ungepudert ; um es indeß über der Stirn zusammen zu halten , trug er um diese ein farbiges Tuch geknüpft . Den Bart ließ er sich nicht so oft abnehmen , daß dessen dunkle Bläue nicht Kinn und Hals beschattet hätte . Doch vor allem auffallend an ihm war die Gewohnheit , sehr laut und überaus schnell und anhaltend vor sich selbst zu reden , so bald er allein war . Die innere Nothwendigkeit , dieses zu sein , und das Bedürfniß , durch Wort und Geberde aus sich herauszugehn , vielleicht auch andere , nicht gekannte , Ursachen , ließen ihn so ungetheiltes Gespräch oft Stundenlang führen . Seine Leute , anfänglich in dem Glauben , ihm sei etwas zugestoßen , dann aber , um ihn aufmerksamer auf sich selbst zu machen , eilten zu ihm in das Zimmer , nach seinen Befehlen fragend ? Aber sie mußten jedesmal solchen Vorwitz durch einen fürchterlichen Blick büßen , den er aus dem glühendem Augenpaar auf sie niederschoß , indem er mit einer Art zitternden Donner in der Stimme rief : was wollt Ihr ? Niemand verlangt Euch ! Ihr seid Gottlob weit von meinen Gedanken . Auch konnte er solche Störung sobald nicht überwinden , und man sah ihn Tagelang mit innerer Beklemmung kämpfen , die es sogleich nicht wieder zu einem ähnlichen Strom der Rede kommen ließ . Er konnte sich niemals von diesem fremdartigen Weesen losmachen , selbst bei unabzuweisenden Besuchen seiner Nachbarn , oder von Geschäftsmännern , ja späterhin , in einem ausgebreiteten geselligen Verkehr , flüsterte er oftmals lange Zeit vor sich hin , und jeder ließ ihn gewähren , seine Art schon kennend . Das erste deutliche Bewußtseyn jener obenerwähnten Wiederbelebung gab dem Marquis indeß ein Augenblick , der , wie immer im Leben , der Gipfelpunkt vieler andern war , die ihm vorbereitend vorausgingen . Er fand sich nemlich einst bei hereinbrechender Abenddämmerung in jener Gallerie , wo es ihm bald ausschließend einheimisch und wohl war . Die Jahreszeit fiel in die Herbst-Aequinoktien . Die Natur arbeitete schwer , unter starken , anhaltenden Stürmen . Ungeheure Wolkenmassen rissen sich voneinander und thürmten sich wieder zusammen , immer wechselnd und steigend , bis ihre tiefblauen Gipfel sich über das Flußbett neigten und das geängstete Wasser unter sich wie mit metallener Geißel peitschten . Dieses aber brauste und zischte und der gährende Brodem kämpfte gegen die heulenden Luftzüge , die immer gewichtiger darüher hinfuhren , die Bäume in ihren Gipfeln fassend , wie ein ungestümer , trotziger Gast an Gemäuer und Fenster mit gewaltigen Stößen anschlagend . Der Marquis gerieth gemeinhin durch die gebrochenen Töne , das plötzliche Abprallen , und fernhin rollende Gewimmer des Sturmes , in den quälendsten Zustand . Sein ganzes Wesen schwankte wie auf Windeswogen . Schon als Knabe fand er in solchen Augenblicken keine Ruhe , und auch späterhin hatte er sehr peinliche Kämpfe mit den wechselnden Naturzuständen auszuhalten . Jetzt stand er wie eingewurzelt , und starrte gedankenvoll , doch bewußtlos wie im Traume , in die aufgerührte Elementenwirbel . Plötzlich legte es sich wie ein weißer Schein über dem dunklen Wolkenberge auseinander , kleine Silberflocken kreisten anfangs am Saume umher , bis sie immer dünner und durchsichtiger ineinanderflossen , und das weiße Gewölk endlich wie ein weiter Schleier aufwallete , hinter welchem der Vollmond in seiner ganzen , wunderlichen Herrlichkeit heraufstieg , und gleichsam auf dem schwarzen Throne Platz nahm . Dem Marquis war es , als sähe die strenge Naturgöttin strafend auf ihn nieder . Er schauerte unwillkührlich zusammen , und schloß die geblendeten Augen . Der gesellige Mensch , voll heim athlicher Bilder des befreundeten Lebens , voll vertraulich gewordenen , aus der aufgedeckten Welt geschöpften Wünschen , weiß kaum , wie die Nacht an die Seele des Einsamen , Hoffnungsarmen , rührt , wie er dastehen , auf einen Ton horchen könne , den er vergebens dem reichen Tagesschein abbettelte . Der Marquis hoffte mit gespannten Sinnen auf irgend eine große Offenbarung . Ihm werde , dachte er , jetzt gegeben , was er früher der Natur abzutrotzen meinte . Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingerathen ! Das volle Mondenlicht warf einem hellen Kreis in das Zimmer , der Marquis stand in Mitten desselben , fast regungslos , in einem Strudel ungestüm arbeitender Vorstellungen befangen . Zwei Welten schmolzen jetzt in ihm zusammen , äußere Wahrnehmung und inneres Schauen und Fühlen wurden Eins . Der wachsende Sturm riß in seiner Seele , ohne daß er sich bewußt war , ihn zu hören , der herabströmende Regen , ja ein , zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich starkes , Gewitter , rollte nur dumpf an ihm vorüber , doch fühlte er es wie Feuergüsse durch sich hinziehn . Auch vor den geschlossenen Augen sprühete es ihm wie Feuer , und zwar wie lauter brennende Schriftzüge , von denen er gleichwohl nichts lesen konnte . Er sprach in der Zukunft gern und oft von diesem Zustand , der ihm wie ein Traum erinnerlich blieb , und den er , als einen Licht- und Wendepunkt seines Lebens , sehr in Ehren hielt . Plötzlich fiel ein heftiger Donnerschlag , der , mehrere Scheiben zerschlagend , in das Gemach hinein , eine metallene Leiste entlängs , an einem sehr kunstreichen , in die Wand eingelassenen , Uhrwerke herab , in die Erde fuhr . Dies Uhrwerk , von einem deutschen Meister vor mehrerern hundert Jahren verfertigt , ließ zu bestimmter Zeit einen Vogel aus goldgeflochtenem Bauer hervorgehen , der , seine Schwingen ausspreitzend , mit gellender Kehle die Stundenzahl angab . Die ganze Sache war seit langer Zeit ins Stocken gerathen . Niemand erinnerte sich , das nunmehr ziemlich verachtete Kunststückchen selbst gesehen und gehört zu haben , man erwähnte dessen nur als einer Merkwürdigkeit des Schlosses . Jetzt aber ,