die mich dort erwarteten , aus Grundsätzen versagt haben , und meinen Geliebten lieber seltner , und mit minderer Freiheit sehen , um ihn immer sehen zu können ; den großen Vortheil abgerechnet , daß unsre gegenseitige Liebe dann viel länger neu und anziehend geblieben , und mit dem großen Reize der Heimlichkeit gewürzt gewesen wäre . Du siehst , meine Sulpicia , daß ich besonnener und klüger bin , als du glaubst , und jener Leichtsinn , jene Kälte , die du mir so oft vorwirfst , ist nichts als Ausübung wohl überdachter Grundsätze . Sogar die Lehren der strengen Stoa , die du einst so warm behauptet , und jetzt so arg verlassen hast , verwerfe ich nicht . Ich erkenne z.B. ganz die tiefe Wahrheit des Satzes , daß man alle Güter der Erde an einen solchen Ort stellen soll , woher sie das Schicksal nehmen kann , ohne das Gebäude unserer Ruhe zu erschüttern4 . An diesen Platz nun würde ich , wenn ich je liebte ( und das könnte sich denn wohl ereignen ) , auch meinen Geliebten stellen ; denn der gehört ja , wie dein Beispiel mich lehrt , ganz vorzüglich zu den edelsten Gütern des Lebens . Doch was helfen alle diese Vorstellungen ! Was hälfe die Beredtsamkeit eines Cicero , gegen die Macht einer Leidenschaft , deren zerstörende Wirkungen ich mit Bedauern an meinen Freunden erfahre , und vor denen mich die gütigen Götter bewahren mögen ! Ohne also nur im Geringsten zu hoffen , daß mein Brief dich bekehren werde , will ich blos hiemit die Pflicht der Freundschaft erfüllt und dich gewarnt haben , zugleich aber dich versichern , daß , was auch der Ausgang der Begebenheiten seyn möge , mein Herz , meine Liebe zu dir unverändert bleiben wird , und daß ich meinen Stolz darein setzen werde , wenn - was die Götter verhüten - die Sache schlimm abläuft , dich nie zu verlassen , und aus allen meinen Kräften dein böses Schicksal entweder abzuwehren , oder redlich mit dir zu tragen . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Die Saturnalien waren eines der glänzendsten und allgemeinsten Feste in Rom , beinahe das , was jetzt der Carneval ist , und wurden im December gefeiert . Zum Andenken des goldenen Zeitalters , unter Saturns Herrschaft , schien Alles während jener Tage in den Zustand ursprünglicher Gleichheit zurückzutreten ; die Sclaven aßen mit ihren Gebietern , und aller Unterschied der Stände hörte auf . 2 Zu der Zeit , in welcher dieser Roman spielt , hatte Rom bereits aufgehört , der Sitz der römischen Kaiser zu seyn . Diocletian , der sich aus dem Sclavenstande zur Würde eines der vornehmst n Offiziers , zum Befehlshaber der k. Leibwache , und nach dem Tode des Kaisers Numerius auf den Thron desselben geschwungen hatte , hatte sich in seinem ehemaligen Waffengenossen und Landsmann Maximian einen Gefährten der Regierung erwählt , und das römische Reich so zwischen ihm und sich getheilt , daß Maximian die Abendländer von Mailand aus , wo er residirte , Diocletian hingegen den östlichen Theil des Reichs in Nikomedien , wohin er seinen Sitz verlegte , beherrschte . Bald darauf fand er nöthig , noch zwei Mitregenten zu erwählen . Maximian gesellte sich den Constantius Chlorus als Cäsar zu , und Diocletian nahm den Galerius in dieser Würde zu sich . Beide Cäsaren standen zu ihren Augusten in dem Verhältniß von Söhnen zu ihren Vätern , auch mußten beide sich von ihren vorigen Gemahlinnen trennen . Maximian gab dem Constantius seine Tochter zur Ehe , und Diocletian vermählte dem Galerius die seinige , Valeria . Diese vier Beherrscher theilten sich in den weiten Umfang des römischen Reichs . Constantius besaß Gallien , Spanien , Brittannien ; Galerius die Ufer der Donau und die illyrischen Provinzen ; Maximian Italien und einen Theil von Afrika ; Diocletian selbst , Aegypten , Thrazien , und die asiatischen Provinzen . Jeder dieser vier Monarchen war unumschränkt in seinem Bezirke , aber ihr vereinigtes Ansehen erstreckte sich über die ganze Monarchie . Man sehe Gibbons Geschichte des Verfalls des römischen Reichs , 2ter Theil , woraus überhaupt fast alle geschichtlichen Notizen und Züge in diesem Buche genommen sind . 3 In Bajä , einer der reizendsten Gegenden von Italien , auf dem Wege zwischen Rom und Neapel , hatten die meisten römischen Großen ihre Landhäuser , die sie Villa nannten . 4 Seneca de consolatione . 2. Sulpicia an Calpurnien . Bajä , im December 300 . Du liebst nicht , Calpurnia , du wirst nie lieben . - In diesen Worten liegt der Aufschluß zu deinem ganzen Betragen , und zugleich die Antwort auf Alles , was mir deine Freundschaft , die ich mit innigstem Danke erkenne , so wohlmeinend , so vernünftig vorstellt . Glaube nicht , meine geliebte Jugendgespielin , meine warme treue Freundin , daß ich den Werth deiner Grundsätze mißkenne , oder deinem schönen Gemüth auch nur um einen Grad weniger Wärme und Eifer für ' s Gute zutraue . Du hast Recht - vollkommen - unbestreitbar ; aber ich , meine Freundin , obwohl ich das Widerspiel von dir scheine , ich habe auch nicht Unrecht . Und warum ? Wir sehen Beide uns selbst , die Welt um uns , und unsere Verhältnisse zu ihr aus einem andern Gesichtspunkte an ; wir handeln nach den Regeln , die dieser uns an die Hand gibt ; kurz - wir thun Beide , nicht was wir wollen , sondern was wir eben nicht lassen können . Last uns doch , liebe Calpurnia , den eiteln Stolz auf Grundsätze und Systeme aufgeben , in welchen wir ohne Verdienst , blos dem Antriebe der Natur folgen ! Wir sind nichts , als was die Umstände aus uns machen wollen . Dich haben sie mit einem leichten Blute , mit vielem Verstande , und einer so glücklichen Proportion deiner Leibes- und Seelenkräfte ausgestattet , daß das Gleichgewicht unter ihnen selten