Herz ! - Freilich habe ich dies alles auch oft genug vergessen . Meine Wünsche waren nicht eigensinnig an einen einzigen Gegenstand gebunden , meine Sinne standen jedem Eindruck offen , und so konnte es mir in meiner Lage nicht an Veranlassungen fehlen , meinen Kummer zu vergessen . Nur das Verlangen nach einer vertrauten Seele , nach dem Genuß einer gegenseitigen Mittheilung , eines arglosen , innigen Umgangs , ließ sich nie ganz unterdrücken . Und wo hätte ich dies Glück eher suchen sollen , als bei Albret ? - Aber ach ! meine Julie , an welches unerklärliche , furchtbare Wesen hat mich das Schicksal gebunden ! - Du scheinst hievon weniger überzeugt zu seyn , und Deine schon oft geäusserte Meinung , daß meine Klagen über unsere wenige Uebereinstimmung wol überspannt sein möchten , bewegt mich , Dir ein Geheimniß zu entdecken , das vielleicht bei mir auf ewig vergraben bleiben sollte . Du bist das einzige Wesen auf der Welt , dem ich es anvertraue , das einzige , in dessen Herzen ich alle meine Sorgen niederlege . Wenn ich nicht irre , so habe ich Dir schon längst in einem meiner Briefe von dem Markese * geschrieben , der meine nähere Bekanntschaft sehr eifrig zu suchen schien . Bei dem zerstreuten , geselligen Leben , welches wir führten , ward es ihm nicht schwer , Zutritt in unserm Hause zu finden ; er sah mich fast täglich , und bald hörte ich das Geständniß seiner Liebe von ihm . Ich hörte es ohne Entrüstung - und ohne Vergnügen an . Ich schätzte den Markese ; seine Unterhaltung war mir von großem Werth ; doch Liebe fühlte ich nicht . Natürlich daß ich ihm dies sagte , er aber schien es nur halb zu glauben . » O ! Sie werden , Sie müssen mich lieben , rief er feurig aus , meine Beharrlichkeit soll sie dazu zwingen . Die Natur will mein Leben ; ohne Liebe sterbe ich , und ich kann Niemand lieben , als Sie . « Was ich auch gegen diese Behauptung einwandte , so konnte es ihn doch für den Augenblick nicht überzeugen , und nur die Folge bewies zu seinem Schmerz , mit welchem Recht ich widersprochen hatte . Doch gestehe ich Dir , daß ich mich selbst oft im Stillen über die eigensinnige Unempfindlichkeit meines Herzens gegen diesen liebenswürdigen Mann wundern mußte . Das allgemeine Urtheil nannte ihn schön , ich selbst erkannte gern so viele Vorzüge in ihm an , und gleichwol fehlte meiner Empfindung für ihn jener geheimnißvolle , harmonische Zug , ohne welchen mir nun einmal jede Liebe gemein erschien . Unser Umgang , den Jedermann für ein Liebesverständniß hielt , dauerte auf diese Weise fort , ohne daß unser gegenseitiges Glück sehr dabei gewonnen hätte . Die Offenherzigkeit , mit der ich meinem Freunde den Zustand meines Herzens mittheilte , schien ihn nur fester an mich zu binden . Er zerriß , zu seinem Nachtheil , manches andere Verhältniß , und fuhr fort , mir mit einer hartnäckigen Anhänglichkeit ergeben zu seyn . Albret schien auf alles dies nicht zu merken , er beschränkte unsern Umgang nicht , und legte durchaus keine Spur seines Mißfallens an den Tag . Einst an einem schönen Abend war ich mit dem Markese im Garten , der unser Haus umgab . Das laue , schmeichelnde Wehen der Lüfte , und die balsamischen Gerüche , die aus tausend Blumen und Pflanzen stiegen , bewegten mein Herz auf ungewohnte Weise . Was ich empfand , war nicht Erinnerung des Vergangenen ; nicht Genuß des Gegenwärtigen ; es war eine Ahnung , ein Sehnen nach etwas Fernem , Unnennbarem . Es schien mir , als müßte ich die ganze Welt mit Innigkeit , mit Liebe umfassen ; nur das Nahe , Gegenwärtige war mir fremd . Auch der Markese war ungewöhnlich bewegt , jedoch von ganz andern Empfindungen , als ich . Wir gingen schweigend neben einander durch die duftenden , halberhellten Alleeen . » Wenn Sie nur liebten , rief er endlich , mit schmerzlichem Ausdruck , wenn auch nicht mich ! - Aber Sie lieben nicht , und werden ewig nicht glücklich seyn ! - O ! der nagende Schmerz , diese Blume , die schönste , welche je die Natur hervorbrachte , traurig verblichen , an dem kalten Herzen eines Mannes vergehen zu sehen , der keinen Sinn für ihre Vortrefflichkeit hat ! - und o ! fuhr er fort , indem er mir schmerzlich die Hand drückte , daß eine Zeit kommen wird , wo Sie dies alles lebhafter , aber vergebens , mit ewiger Reue empfinden werden ! « - - Mich schauderte , indem er dies sprach . Ich fühlte , daß eine Wahrheit in seinen Worten lag , die ach ! nur zu sehr mit meinen eignen Empfindungen zusammen traf . Meine Gedanken flogen weit hinweg ; überall fanden sie eine trostlose Leere , und kehrten quälender zurück . So , ohne Gegenstand , verworren träumend , wußte ich es kaum , daß wir uns in einer Laube niedergesetzt hatten , und daß der Markese mir zu Füßen gesunken war , und mich mit einem Arm umschlungen hielt . In diesem Augenblick trat Albret vor uns . - Er fuhr betroffen zurück , doch war er bald gefaßt . » Gut , sagte er mit kaltem aber schneidendem Ton , ich habe es erwartet . « Und hierauf , als wäre nichts geschehen , verschwand er in einen Seitengang . Der Markese sprang auf , er drückte mich mit Heftigkeit an sich , dann trennten wir uns stumm und beängstigt . Ich suchte Albret auf seinem Zimmer ; ich wünschte so sehnlich , ihm den wahren Zusammenhang dieser Scene entdecken zu können . Er war nicht da , und als ich ihn am andern Morgen wieder sah , blickte er mich so kalt und entfernend an , daß es unmöglich war , diese Scheidewand hinwegzuschieben