war . Seine Augen staunten Agathe bewundernd an — er wurde rot vor Entzücken bei dem Gedanken , daß er sie in den Armen halten könne — aber er war ihr nicht vorgestellt — und . . . . nein , ehe er gewagt hätte sich selbst mit ihr bekannt zu machen , eher holte er die Freundin seiner Schwester an ihrer Seite . Dankbar hüpfte das ältliche Geschöpf mit dem Kerlchen davon und Agathe blieb allein . Da wurde sie plötzlich bemerkt und alles wunderte sich , daß sie nicht tanzte , sie war doch unstreitig eines der hübschesten Mädchen . Die Mütter tauschten ihre Bemerkungen , sie kamen zur Regierungsrätin Heidling und diese lächelte mit ihrem armen , von wütenden Nervenschmerzen schiefgezogenen Munde und sagte freundlich : “ Ja — das sind Ballerfahrungen . ” Alle Mütter waren einig : Die jungen Mädchen mußten notwendig solche Erfahrungen machen . Aber mehrere dachten im Stillen , es sei doch recht ungeschickt von der Regierungsrätin , nicht vor dem Ball eine Gesellschaft mit einem guten Souper gegeben zu haben , bei der ihre Tochter für alle Tänze engagiert worden wäre . Die Regierungsrätin hatte zu fest auf den zarten , unschuldsvollen Reiz von Agathes siebzehn Jahren gebaut . Als erinnere sich jeder Herr eines unverzeihlichen Vergehens , wurde Agathe nun fortwährend zu Extratouren geholt . Sie versuchte vergnügt zu werden , aber das vergebliche Warten hatte ihr die Stimmung verdorben . Der starke Geruch der Pomade auf den Köpfen ihrer Tänzer , ein anderes unerklärliches Etwas , das von den Männern ausging , denen sie plötzlich so nahe kam , verursachte ihr Unbehagen . Die Art und Weise , wie gleich der Erste sie umfaßte und tanzend fest und fester an sich preßte , war ihr peinvoll . Der Zweite streckte ihr den Arm wie einen gezückten Speer , mit dem er sich einen Weg durchs Gedränge bahnen wollte , wagerecht hinaus ; der Dritte drückte ihre Hand krampfhaft in der seinen und stöhnte und schnaufte . Ein Vierter schwenkte ihren und seinen Arm wild im Takte auf und nieder und trat ihr beständig auf die Zehen . Mit ihrem Bruder und den Vettern hatte sie sicher und fröhlich geschwungen — hier vergaß sie alles Gelernte , widerstrebte steif und ängstlich dem Führer und machte die dummsten Fehler . Es war ihr eine Erlösung , als Onkel Gustav sie einmal holte . Onkel Gustav hatte jeder von Agathes Freundinnen ein Fläschchen “ Jugendborn ” geschenkt , und forderte nun alle die jungen Damen auf , um sich von der Wirkung seines Schönheitswassers zu überzeugen . Er tanzte aus Geschäftsrücksichten . Während er mit ritterlicher Grandezza seine Nichte im Arm hielt , hörte sie ihn halblaut sagen : “ Zu viel Benzoë — etwas mehr Lawendel könnte nicht schaden — was meinst Du , Agathe ? ” Aber er tanzte dabei viel , viel besser als die jungen Herren , das wurde allgemein anerkannt . Er war auch ausgezeichnet geschmackvoll gekleidet — niemand wußte , wie er das bei seinen spärlichen Einnahmen möglich machte . Zuweilen gab er den reichen jungen Kaufleuten oder den Strebern unter den Juristen mit herablassender Miene , als vermittle er ihnen ein wichtiges diplomatisches Geheimnis , die Adresse seines hauptstädtischen Schneiders . Onkel Gustav lebte von Nebenverdiensten für gebildete Herren mit ausgebreitetem Bekanntenkreise . Doch wurde diese Thatsache von ihm mit heiterem Idealismus vergoldet . Sein Streben ging darauf : Das Schöne zu verbreiten . “ Das Schöne ” war ihm ein Rock , der nicht eine einzige Falte schlug — ein Parfüm , das vornehmen Nasen wohlgefällig und zugleich gesund zu brauchen war . Als das Souper begann , wurde Agathe von ihrem Herrn gefragt , ob es ihr recht sei , wenn sie mit ihrer Freundin Eugenie eine gemütliche Ecke bildeten . Agathe war einverstanden . Eugenie wurde von Martin geführt , außerdem nahm Lisbeth Wendhagen an der Gruppe teil . Sie vermehrte die Lustigkeit jedoch nicht sehr , weil sie fortwährend die hinter ihr befindliche zweite Tafel im Auge zu behalten suchte , wo Referendar Sonnenstrahl einer ihrer Freundinnen den Hof machte . Auch klagte sie Agathe , daß sie zu enge Schuhe trage und deshalb gezwungen sei , den ganzen Abend nur auf einem Fuße zu stehen , um den andern ausruhen zu lassen . Eugenie befand sich dagegen in bester Laune , und auch die zwei Herren bemühten sich nach Kräften , die Unterhaltung in frischem Gange zu halten . Man tauschte allerlei sinnreiche Witze und Wetten aus , naschte vorzeitig vom Dessert , und lehrte sich die richtige Art des Anstoßens , wobei man einander in die Augen blicken mußte . Agathe machte die Bemerkung , daß dies alles nicht die Art von harmloser Fröhlichkeit war , in der sie früher mit den jungen Leuten verkehrte . Mit den ungewohnten Gesellschaftskleidern schienen sie alle eine sonderbare Feierlichkeit angelegt zu haben . Agathe mußte ein paarmal in ein helles Gekicher ausbrechen , weil sie sich erinnerte , daß ihr Tischherr , der sie jetzt “ mein gnädiges Fräulein ” nannte und ihr mit unglaublicher Höflichkeit jede Schüssel präsentierte , sich einmal in ihrer Gegenwart mit Walter fürchterlich geprügelt hatte , wobei sie selbst einige Püffe erhielt und die Jungen zuletzt beide zerzaust und zerkratzt an der Erde herumgekugelt waren . Auch Martin und Eugenie kamen ihr wie unbekannte Menschen vor . Martin hatte statt seiner noch vor zwei Stunden zur Schau getragenen Derbheit eine wunderliche Sentimentalität angenommen , und Eugenie sagte alles mit gezierten kleinen Spitzen und absichtlichen Bewegungen und Blicken , deren Sinn Agathe noch nicht verstand . Dabei fühlte sie jedoch , daß auch sie sich mehr und mehr in ein ganz unnatürliches Wesen verlor . Als der Lärm an den großen Tischen immer lauter wurde , die Herren dem Champagner lebhaft zusprachen , sich in den Stühlen zurück- oder weit über den Tisch hinüberlehnten und alles um sie her lachte , flüsterte und jubelte , wurde Agathe ohne