ich endlich des Unfuges müde bin , der damit getrieben wird . Der lächerliche Aberglaube ist nicht auszurotten . Trotz meines strengen Verbotes wird fortwährend heimlich Wasser aus dem Brunnen geschöpft und damit dem Unsinn immer wieder neue Nahrung gegeben . Es ist die höchste Zeit , der Sache ein Ende zu machen , und das kann nur geschehen , wenn dem Aberglauben der Gegenstand genommen wird , an den er sich klammert . Es thut mir leid , daß eine alte Merkwürdigkeit des Schlosses dabei zum Opfer fallen muß , aber gleichviel – sie muß fallen . “ „ Aber dann wird dem Garten seine schönste Zierde geraubt , “ rief Gabriele . „ Gerade dieses einsame Sprühen und Rauschen der Fontaine gab ihm den höchsten Reiz . Und das silberhelle Wasser soll auf immer in die dunkle Erde gebannt werden ? Das ist abscheulich , Onkel Arno ; das leide ich nicht . “ Raven , der noch immer mit der Besichtigung des Brunnens beschäftigt war , wandte langsam den Kopf nach ihr . „ Du leidest es nicht ? “ fragte er , sie scharf fixirend , aber es war nicht jener drohende , gebieterische Blick , mit dem er sonst jeden Widerspruch zu Boden schmetterte . Es dämmerte sogar ein leises Lächeln in seinem Gesichte auf . „ Dann wird freilich nichts übrig bleiben , als daß ich meinen Befehl zurückziehe ; es wäre freilich das erste Mal , daß so etwas geschieht . – Glaubst Du denn wirklich , Kind , ich werde Deinen romantischen Bedenken einen meiner Entschlüsse opfern ? “ Das war wieder das überlegene , halb spöttische , halb mitleidige Lächeln , das Gabriele stets zur Verzweiflung brachte , und der Ausdruck „ Kind “ that es nicht minder . Tief verletzt in ihrer siebzehnjährigen Würde , zog sie es vor , gar nicht zu antworten , und begnügte sich , ihrem Vormund einen entrüsteten Blick zuzuwerfen . „ Du thust ja , als ob Dir mit der Wegnahme des Brunnens eine persönliche Beleidigung geschähe , “ sagte der Freiherr . „ Mir scheint , Du hegst noch den ganzen Respect der Kinderstube vor [ 196 ] den Ammenmärchen und fürchtest Dich im vollen Ernste vor dem gespenstischen Nixenvolk . “ „ Ich wollte , die Nixen rächten sich für den Spott und für die angedrohte Vernichtung , “ rief Gabriele mit einem Tone , der muthwillig sein sollte , aber sehr gereizt klang . „ Mich freilich würde ihre Rache nicht treffen . “ „ Aber mich , meinst Du ? “ ergänzte Raven sarkastisch . „ Sei ruhig , Kind ! Dergleichen droht nur poetischen Mondscheinnaturen . An mir möchte sich dieser Nixenzauber doch wohl umsonst versuchen . “ Sie standen unmittelbar am Rande der Fontaine ; das Wasser rauschte und rieselte eintönig aus der Muschelschale nieder , plötzlich aber gab ein Windhauch dem Strahle eine andere Richtung ; er sprühte seitwärts , und ein funkelnder Tropfenregen ergoß sich gleichzeitig über den Freiherrn und Gabriele . Sie sprang mit einem leichten Aufschrei zurück . Raven blieb gelassen stehen . „ Das traf uns Beide , “ sagte er . „ Deine Nixen scheinen sehr unparteiischer Natur zu sein . Sie strecken nach Feind und Freund ihre nassen Arme . “ Die junge Dame war nach der Bank geflüchtet und trocknete mit dem Taschentuche die Tropfen von ihrem Kleide . Der Spott ärgerte sie unbeschreiblich , gleichwohl wußte sie ihm nichts entgegen zu setzen . Jedem Anderen gegenüber wäre sie auf den Scherz eingegangen und hätte aus dem Zufall eine Neckerei gemacht – hier konnte sie es nicht . Der Scherz des Freiherrn war immer Sarkasmus ; sein Lächeln schloß nie eine Spur von Heiterkeit in sich , und es war höchstens Ironie , die auf Augenblicke den gewohnten Ernst seiner Züge verdrängte . Er schüttelte mit einer raschen Bewegung die Tropfen ab , die auch ihn überschüttet hatten , und trat dann gleichfalls zur Bank , während er fortfuhr : „ Es thut mir leid , daß ich Dir Deinen Lieblingsplatz nehmen muß , aber das Urtheil über den Brunnen ist nun einmal gesprochen . Du wirst Dich darein finden müssen . “ Gabriele warf einen Blick auf die Fontaine , deren träumerisches Rauschen vom ersten Tage an einen geheimnißvollen Reiz auf sie geübt hatte . Sie kämpfte fast mit dem Weinen , als sie antwortete : „ Ich weiß es ja , daß Du nicht darnach fragst , ob Deine Befehle Jemanden wehe thun , und daß es ganz umsonst ist , Dich zu bitten . Du hörst ja niemals auf eine Bitte . “ Raven kreuzte ruhig die Arme . „ So ? Weißt Du das bereits ? “ „ Ja , und es bittet Dich auch Niemand . Sie fürchten sich ja Alle vor Dir , die Dienerschaft , Deine Beamten , die Mama sogar , nur ich – “ „ Du fürchtest Dich nicht ? “ „ Nein ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 13 , S. 207 – 210 Fortsetzungsroman – Teil 5 [ 207 ] Das Wort kam sehr trotzig und entschieden von den Lippen der jungen Dame ; sie schien wieder einmal in kriegerischer Stimmung und fest entschlossen zu sein , den gefürchteten Vormund zu reizen , aber vergebens ; er blieb vollkommen gelassen und schien den Widerspruchsgeist seines Mündels eher belustigend als beleidigend zu finden . „ Ein Glück , daß Deine Mutter nicht zugegen ist ! “ bemerkte er . „ Sie würde wieder in Todesangst gerathen über den Trotzkopf , der sich so gar nicht der Nothwendigkeit fügen will , wie sie es mit großer Selbstverleugnung thut . Du solltest Dir an ihr ein Beispiel nehmen . “ „ O ja , Mama ist die Nachgiebigkeit selbst gegen Dich , “ rief Gabriele