doch artig , übrigens kürzte er sie so viel als möglich ab und beeilte sich , „ Herrn Günther auf Dobra “ seiner Gemahlin vorzustellen . Die Baronin machte es in ähnlicher Weise , sie that , was als Frau vom Hause ihre Schuldigkeit war , aber auch nicht mehr , und so kam es , daß Günther sich , sobald die erste Begrüßung vorüber war , fast gänzlich isolirt neben dem Sessel seiner Schwester fand ; die Gesellschaft verharrte vorläufig noch in vollster Ablehnung des fremden , ihr aufgedrungenen Elementes . Es war kein leichter Stand dieser stummen Opposition des ganzen Kreises und all den neugierigen , mißgünstigen und hämischen Blicken gegenüber , die von allen Seiten des Saales her sich auf diesen einen Mittelpunkt richteten ; aber Günther ertrug Eins wie das Andere mit bewunderungswürdiger Gelassenheit . Das war nicht die Haltung eines Mannes , der eine unverdiente Ehre empfängt oder eine unverdiente Kränkung erleidet , Beides schien gleich wirkungslos an dieser gleichgültigen Ruhe abzugleiten , mit der er seinerseits die Gesellschaft musterte , und in dem Blick , der langsam aber forschend darüber hinschweifte , lag nur die eine Frage , die wahrscheinlich allein ihn zur Annahme der Einladung veranlaßt hatte : „ Was wollt Ihr eigentlich von mir ? “ Jugend und Schönheit haben es überall leicht , selbst dem angestammten Vorurtheile gegenüber , Lucie entwaffnete schon durch ihr bloßes Erscheinen selbst die hartnäckigsten Gegner . Die Herren hatten es bald genug herausgefunden , daß alle übrigen Damen weit hinter dieser lieblichen Erscheinung zurückblieben , und die jüngeren unter ihnen zeigten bereits bedenkliche Neigung , den aristokratischen Principien untreu zu werden . Noch hielt die Furcht vor dem Zorne der respectiven Väter und Mütter die Ueberläufer in Schranken , aber wider alles Erwarten war es diesmal der junge Graf Rhaneck , der das Zeichen zur Fahnenflucht gab . „ Das Mädchen ist reizend ! “ rief er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit , „ ich werde mir einen Tanz sichern ! “ „ Aber Rhaneck , “ mahnte einer seiner Nachbarn , „ bedenke doch , eine Mademoiselle Günther , die Schwester dieses – “ „ Ah bah ! Sie sind Gäste des Barons , sind auf Wunsch meines Oheims eingeladen ! Er mag die Verantwortung dafür tragen ! “ Damit näherte sich Ottfried ohne Weiteres dem Kreise der Damen , ließ sich Lucie vorstellen , und erbat sich ihre Hand für den soeben beginnenden Tanz . Günther hatte gleichgültig die Annäherung des jungen Officiers gesehen , als jedoch der Name Rhaneck genannt ward , stutzte er und eine sichtlich unangenehme Ueberraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht . Er machte unwillkürlich eine Bewegung , wie um seine Schwester zurückzuhalten , im nächsten Augenblick jedoch schien er sich zu erinnern , daß die Aufforderung sich ohne directe Beleidigung nicht ablehnen ließ . Er ließ es geschehen , daß der junge Graf Lucie in die Reihen der Tanzenden führte , die sich im Nebensaal ordneten , aber sein Blick folgte mit einem Gemisch von Unmuth und Besorgniß den Beiden . „ Wollen Sie mir erlauben , Herr Günther , Ihre Bekanntschaft mit dem hochwürdigsten Abt unseres Stiftes zu vermitteln ? “ tönte in diesem Augenblick die Stimme des Barons dicht neben ihm , und als Günther sich umwandte , sah er sich plötzlich dem Prälaten gegenüber . Einen Moment lang maßen die beiden Männer schweigend einander ; der scharfe Blick des Geistlichen drang forschend tief in die Züge seines Gegenüber , als wolle er sofort aus ihnen herauslesen , was eigentlich an dem Manne sei , aber er traf hier auf dieselbe eherne Stirn , auf dieselbe kalte , überlegene Ruhe , die sein eigenes Antlitz kennzeichneten , und dies Antlitz mußte vor jenen prüfenden Augen die gleiche Musterung bestehen . Der eine Blick genügte Beiden , Günther lächelte fast unmerklich , als er das erwartungsvolle Herandrängen der Gesellschaft bemerkte , er wußte jetzt , von wem diese räthselhafte Einladung eigentlich ausging , aber auch der Prälat hatte bereits Stellung genommen – er erwies dem Fremden die Ehre , ihn für einen Gegner anzuerkennen . Der Baron athmete förmlich auf , als der Anstifter der ganzen fatalen Angelegenheit endlich Miene machte , persönlich in die Sache einzutreten , und damit den Alp wegzunehmen , der seit Günther ’ s Eintritt auf der ganzen Versammlung zu lasten schien . War diese übrigens schon durch den seltsamen Wunsch Seiner Hochwürden , der natürlich kein Geheimniß blieb , alarmirt worden , so wurde sie es noch mehr beim Anblick der sichtbaren Auszeichnung , deren sich der „ Emporkömmling “ erfreute . Wenn der Baron artig gewesen war , so zeigte sich der Prälat geradezu verbindlich ; er verstand es sonst meisterhaft , sich in seiner geistlichen Würde unnahbar zu machen , und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen sich und jedem anderen Sterblichen aufzurichten ; dem Protestanten gegenüber , der schwerlich geneigt war , diese Unnahbarkeit zu respectiren , fiel diese Schranke unmerklich , aber sofort , hier war es nur der vornehme Weltmann , der sich mit ebenso viel Tact als Artigkeit bemühte , den Fremden in ’ s Gespräch zu ziehen und ihm die Einführung in die Gesellschaft zu erleichtern . Diese fing bereits an dem allmächtigen Einfluß des Abtes nachzugeben . Man brannte in der That vor Neugierde , diesen Günther persönlich kennen zu lernen , und half sich dabei genau so , wie der junge Graf Rhaneck . Man deckte sich für alle Fälle mit der Verantwortlichkeit des Prälaten , um ungescheut seinem Beispiel folgen zu können , man wurde gleichfalls artig , gleichfalls verbindlich , und es dauerte nicht lange , so war der Gutsherr von Dobra aus seiner anfänglichen Isolirtheit zu einer Art von Mittelpunkt geworden . Inzwischen feierte Lucie im Tanzsaale einen ähnlichen Triumph , obgleich sie sich zur Zeit noch nicht viel darum kümmerte . Ihr war in der Freude am Tanzen alles Andere untergegangen , und mit vollster Seele gab sie sich dem ihr so