dies Fegfeuer gegangen , und es ist ihnen ganz gut bekommen . Sehen Sie mich an ! Ich war mit zwanzig Jahren auch arm , verwaist , ohne Freunde und Gönner , ohne einen Menschen , der sich meiner annahm . Ich hatte nichts , als mein Talent und den festen Willen , um jeden Preis etwas zu werden . Ich habe es durchgesetzt , gerade weil ich es nötig hatte , Zu arbeiten , weil ich entweder schwimmen oder untergehen mußte . Dies » Entweder – Oder « hat dem Siegbert gefehlt , darum hat er auch nie gelernt , seine Kräfte zu brauchen , und als er wirklich einmal vor die Entscheidung gestellt wurde , da kamen Sie mit Ihrer Wiesenheimer Gemütlichkeit dazwischen und ruinierten ihm seine Zukunft . « Der Bürgermeister nahm eine tiefgekränkte Miene an . » Herr Professor , Sie machten mir schon gestern einen derartigen Vorwurf . Er hat mich tief verletzt , ja er hat mir das Herz zerrissen ! « » So ? « meinte der Professor , indem er mit kritischen Blicken den kleinen Mann betrachtete , als wolle er ein äußeres Merkmal der Zerrissenheit entdecken . » Ich werde Ihnen beweisen , wie unrecht Sie mir tun « , fuhr Eggert mit Pathos fort . » Wenn Sie es nun einmal für unbedingt notwendig halten , daß Siegbert seine Studien in Italien vollendet – nun wohl , ich füge mich der Autorität des großen Meisters – ich bin einverstanden . « Bertold blieb stehen ; dieser plötzliche Anfall von Vernunft kam ihm zu unerwartet , als daß er ihm so ohne weiteres hätte trauen sollen . » Nun , dann wäre die Sache ja in Ordnung « , sagte er . » Ich beabsichtige , von hier direkt nach Rom zu gehen . Geben Sie mir Siegbert mit . « » Allein ? « fragte der Pflegevater in sehr gedehntem Tone . » Wollen Sie etwa mit ? « fuhr der Professor auf . Der Bürgermeister lächelte vielsagend . » Wenigstens möchte ich die Sache bis zum Frühjahr aufschieben , es arrangiert sich dann alles viel leichter . Das junge Paar könnte seine Hochzeitsreise nach Italien machen und die Flitterwochen dort verleben . « » Hochzeitsreise – Flitterwochen – « wiederholte der Professor . » Was meinen Sie denn eigentlich damit ? « » Nun , Ihnen mache ich kein Geheimnis daraus « , versicherte Eggert im vertraulichen Tone . » Ich beabsichtige , meinen teuren Pflegesohn auch durch die engsten Familienbande an uns zu fesseln . Schon damals , als er vor siebzehn Jahren in mein Haus kam , stand es bei mir fest , daß er dereinst mein Sohn und Erbe werden sollte . Er und meine Tochter sind mit und für einander erzogen , ich habe stets das Glück meiner Kinder im Auge gehabt . « Der Professor hob Augen und Hände zum Himmel und war im Begriff loszubrechen , als er Siegberts Skizzenbuch , das er aus besonderen Gründen zu sich gesteckt hatte , in der Brusttasche fühlte . Die Erinnerung an den Inhalt desselben hielt vorläufig den drohenden Sturm noch auf . Der Künstler stieß einen unartikulierten Laut aus und sagte mit grimmiger Freundlichkeit : » Das ist ja eine recht erfreuliche Nachricht ! « » Nicht wahr ? « stimmte der Bürgermeister bei . » Deswegen sind wir auch eigentlich hier . Das junge Paar weiß zwar längst , daß es füreinander bestimmt ist , aber , Sie begreifen – eine Künstlernatur und ein eben erwachendes Mädchenherz darf man nicht so nüchtern zusammengeben , man muß ihnen die nötige Romantik gewähren . Deshalb unternahm ich die Reise . Hier , im Angesicht der ewigen Vergeswelt , fern von dem Getriebe des Alltagslebens , sollen ihnen ihre Gefühle klar werden . « » Die sind ihnen ja schon seit siebzehn Jahren klar geworden , wie Sie behaupten « , warf der Professor ein , aber der glückliche Vater ließ sich nicht stören , er fuhr in voller Ekstase fort : » Hier sollen sich ihre Herzen finden und das erste Wort der Liebe Zwischen ihnen gesprochen werden . Oh , ich verstehe mich auf die Romantik der Jugend , wenn die Jugend auch hinter mir liegt ! Nach unserer Rückkehr feiern wir die öffentliche Verlobung , und im Frühjahr findet die Hochzeit statt . Das junge Ehepaar mag sich dann zu der Reise nach Rom rüsten . Ich und meine Frau gehen natürlich mit . « » Dann sei Gott dem armen Jungen gnädig ! « brach der Professor jetzt los . » Herr , jetzt wird mir die Sache denn doch zu bunt ! Haben Sie denn gar keine Idee davon , was ein Künstler zum Schaffen und Studieren braucht , daß Sie ihm dabei die Frau , die Schwiegereltern und womöglich noch das ganze Wiesenheim aufhalsen wollen ? Da setzen Sie ihn doch lieber gleich in das neue Stadtgefängnis , ehe Sie ihn mit der Eskorte nach Rom transportieren ! « Damit ließ er den ganz entsetzten und empörten 9 ? Bürgermeister stehen und wandte sich dem Hotel zu . Herr Eggert stieß einen Seufzer aus . Er gewöhnte sich nun zwar nachgerade an diese Behandlung und hatte ja auch den festen Vorsatz , nichts übel zu nehmen , aber er fand doch , daß die Originalität des berühmten Meisters heute besonders stark entwickelt sei , und zum erstenmal stieg ihm der Gedanke auf , daß es doch gefährlich sei , seinen so ängstlich behüteten Pflegesohn in solcher Nähe zu lassen . Zwölftes Kapitel . Bertold trat inzwischen , noch ganz rot und erhitzt vom Arger , in die Wohnung des Präsidenten , die im ersten Stockwerke des Hotels lag . Herr von Landes selbst war nicht anwesend , nur Alexandrine saß an der geöffneten Balkontüre und hielt ein Buch in der Hand . Sie schien indessen nicht gelesen zu haben , denn sie fuhr wie aus tiefem Nachsinnen empor , als Bertold