denn je . Und seine Verrücktheit ist ansteckend ! Wie wir vor dreißig Jahren schon uns mit Macht dagegen zu wehren hatten , daß wir nicht mit in seine Tollheitsstrudel hineingerissen wurden , so habe ich mich manchmal heute noch dagegen zu stemmen . Das Bergvolk aber am hiesigen Ort hält ihn für den Mann mit den Schlüsseln zu allen Gängen und Pforten der Unterwelt . Es ist mir nicht unerklärlich , woher er die Mittel , sein Leben und verrücktes Treiben so fortzuführen , nimmt ; aber ein Elend und Verdruß ist es . Durch die Dorfschule ist das Kind des Narren zwar gelaufen ; aber selbst der Schulmeister , mein guter Freund und Nachbar , ist sich nicht klar , ob es ihm gelungen ist , ihm das Lesen und Schreiben beizubringen . Dazu hungert das Geschöpf und schläft auf Stroh , und der Alte läßt es nackt Modell stehen . Seine Wege gehen nicht durch die Haustür , sondern durch das Fenster , über das Schindeldach an einem Baumast hinunter ; und so ist es auch heute gekommen , und so hat es meine Freundin , die Frau Salome , kennengelernt . Nun frage ich Dich , Peter Schwanewede ( und das ist der bittere innerste Kern dieses vielschmackigen Briefes ! ) , soll und darf ich unsern Freund und Jugendgenossen Karl Ernst Querian ins Irrenhaus stecken lassen oder nicht ? – – Reif dazu scheint er mir zu sein , und es ist nur die Frage , ob gerade wir beide dazu berufen sind , ein endgültiges Urteil über [ 341 ] diese seine Reife abzugeben . Du weißt nur zu gut , Peter , wie wir drei von jeher ein jeglicher über den andern dachten . Du weißt , wie häufig unser Freund uns seine Meinung über uns in dieser Richtung nicht vorenthalten hat . Du weißt , wie oft er selber uns für ganz verrückte Narren erklärte , und – Schwanewede – ich , der ich doch ein Geschäftsmann bin , in des Lebens Praktiken und Kniffen ziemlich Bescheid weiß und mir selten ein X für ein U machen lasse oder , was noch mehr für meinen gesunden Verstand spricht , es mir selber mache ich fasse die heikle Frage , je älter ich werde , mit desto spitzeren Fingern an . Peter von Pilsum , ich habe noch nie in meinem Leben vor einer größeren Verantwortlichkeit gezögert ! Meine kluge , klare hebräische Freundin , die unsern vortrefflichen Querian bis jetzt noch nicht persönlich kennengelernt hat , sondern nur seine Erziehungsresultate an seinem Kinde , hat mir den Vorschlag getan , ihn nach Rom zu spedieren , und es ist nur schade , daß sie diesen Vorschlag uns und ihm nicht vor dreißig Jahren machte . Sie will das Kind zu sich nehmen und ihm eine menschenwürdige Existenz schaffen . Beim Blute der Götter , ich habe sie eben auf den Weg nach Hause gebracht und ihr gesagt , daß ich mich auf nichts einlassen könne , ehe ich nicht an Dich geschrieben und Deine Ansicht gehört habe . Sehr freundlich wäre es von Dir , steht aber wohl nicht zu erwarten , daß Du auf vierzehn Tage den Bengel , den Böhme und den Swedenborg zuklappst , die Eisenbahn zu erreichen suchest , hierherkommst und Dich auf einen Tag mit unserem in Frage stehenden Freunde und Patienten zusammensperrst ? ! Es ist meine Pflicht gegen Querian , Dir auch dieses in Überlegung und unter die Füße zu geben . Zu einem Entschluß müssen wir kommen ! Dein Freund Scholten . « Dem Justizrat war über diesem Schreiben mehrmals die Pfeife ausgegangen . Jetzt stand er auf , ging zum Fenster und blickte eine ziemliche Weile auf den mondbeschienenen Kirchhof hin . [ 342 ] » So gehen die Gespenster um « , murmelte er . » Und dann spricht man noch Von klaren Köpfen und tut sich was zugute auf seine fünf gesunden Sinne ! « Neuntes Kapitel [ 343 ] Mit einer schlängleingleichen Behendigkeit war die Eilike in ihr Dachfenster geglitten ; man vernahm kaum ein Geräusch ihrer Bewegungen , und selbst dann kaum , als sie Von dem Fenster auf den Fußboden ihrer Kammer sprang . Der Mondschein glitt ihr fast nicht geräuschloser nach . Das Mädchen hatte sonst den Schlaf der Tiere , die , wenn sie satt und nicht auf der Jagd sind , auch sonst nicht gehindert werden , sich zusammenrollen und die Augen zudrücken . Damit war ' s in dieser Nacht nichts . Auf ihrer Bettstatt sitzend , löste Eilike mechanisch ihre Haare , um sie dann fester und zierlicher von neuem zu flechten , und sah sehr ernst und nachdenklich in den immer mehr den Raum mit seinem Lichte füllenden Mond . Aus ihrem Schlummer in der Stube des Paten und Justizrats Scholten erwachend , hatte Eilike Querian die Frau Salome gegenüber am Tisch Vor sich gesehen , und das Bild der schönen jüdischen Baronin war ' s , was sie munter hielt auf ihrem Strohsack . Wir haben erzählt , wie das junge Mädchen damals jach sich aufrecht setzte , die blonden Haare zurückstrich und die schöne Dame anstarrte ; – damals hatte sich inmitten ihrer verwahrlosten Seele auch etwas mit einem heftigen Sprunge aufgerichtet , und das stand noch aufrecht und starrte nun aus sehnsüchtig funkelnden Augen in eine neue Welt . Nicht eine Bewegung , nicht ein Wort der eleganten Dame war verlorengegangen , und wenn die Tochter Querians den Sinn der Worte nicht begriff , so war es doch schon allein der Ton , der Klang der Stimme , der sie im Tiefsten aufregte und jeder Fiber ihres Wesens ein Mit- und Nachklingen abzwang . [ 343 ] » So möchtest du aussehen ! So möchtest du sprechen ! « In diesen beiden Ausrufen zog sich gierig das bekümmerte Herz Eilikes zusammen , und als nun der alte Pate Scholten polternd nach seinem halben gebratenen Huhn und seinem Topf mit