dem Hasse der Menschen oder dem blinden Verhängnisse , sondern , in gewissen Augenblicken wenigstens , einer eigenen Verschuldung zuschrieb . So mußte es in der Tat sein . Diese mußte teil daran haben . Wenn in des Dichters sonst so hellen Bildern mitunter die Nemesis waltete – wie bisweilen ja auch in der wirklichen Welt , laut dem Sprichworte , die Strafe der Missetat auf dem Fuße folgt – dann versank Don Giulio in Nachdenken , und Ariost vernahm wohl einen erstickten Seufzer . Bei solchen Wahrnehmungen aber hütete er sich , auf ein Gefühl , das er an sich selbst nicht kannte und das ein flüchtiges sein konnte , unzart zu drücken , teils weil er jedes fremde Eingreifen in einen Seelenvorgang als Gewalttat verabscheute , teils auch , weil er sich , leicht beschwingt , wie er war , und immer auf die sonnige Oberfläche der Dinge zurückstrebend , am wenigsten dazu berufen fühlte . Denn der Quell echter Reue , das wußte er , sprudelt in heiligen Tiefen , und nur in der einsamen Stille seines göttlichen Ursprungs waschen sich schuldige Hände und Seelen rein . Ihm aber schauderte vor dem Verharren in solcher gestaltlosen Tiefe . Alles , was er dachte und fühlte , was ihn erschreckte und ergriff , verwandelte sich durch das bildende Vermögen seines Geistes in Körper und Schauspiel und verlor dadurch die Härte und Kraft der Wirkung auf seine Seele . Meister Ludwig trug auf der Tafel seiner offenen Stirn das sittliche Gebot geschrieben , doch allerlei lustiges und luftiges Gesindel tanzte über die helle Wölbung und hauste in den dahinter liegenden geräumigen Kammern , ohne daß der Dichter selbst seine Mieter alle recht gekannt hätte . Auf Don Giulio aber wirkte er wohltätig , und wenn er von ihm schied und der Este ihn begleitete , gingen sie Hand in Hand durch den Platanengang von Pratello , ohne daß der Blinde den Schauenden beneidete , oder dieser jenen bemitleidete , als zwei gute Brüder ; denn die Liebe hatte für den Augenblick jeden Unterschied zwischen ihnen aufgehoben . Mehr Besuche aber noch als von Ariost erhielt Don Giulio von seinem Bruder Don Ferrante . So mischte sich ein dunkles stygisches Gewässer in den hellen Einfluß des Dichters und verwüstete Don Giulios Seele in einer Tiefe , wohin Ariost nicht gelangen konnte . Don Ferrante war ein wunderlicher Zwitter , gemengt aus geistiger Armut und unerschöpflichem Erfindungstriebe . Seine Jugend war unter dem Drucke beständiger Furcht verkrüppelt . Als Kind schon Zeuge unzähliger Intrigen und Komplotte in Ferrara selbst und ängstlicher Zuhörer , sooft noch grausamere Dinge von den anderen italienischen Höfen seiner Zeit berichtet wurden , fühlte er sich von jeher von Schrecknissen umgeben , denen seine unehrliche und machtlose Natur keinen andern Widerstand entgegensetzen konnte , als den der wechselnden Maske und der seltsamsten Erfindungen . Er verleumdete , um der Verleumdung die Spitze zu bieten ; er zettelte kleine Verschwörungen an , um keiner Familienintrige zum Opfer zu fallen . Alles aus geheimer Furcht und ohne Ernst und Folge , außer daß er dabei immer unwahrer und verschrobener wurde . An jenem Abend aber , da derjenige seiner Brüder , gegen den er am wenigsten Mißtrauen hegte , auf schauerliche Art in der Mitte des Hofstaates überfallen und der Augen beraubt wurde , geschah ein Riß in seinem schwachen Geiste , und von nun an stand es ihm fest , daß er selbst , als der gefährlichere der beiden , wie er meinte , einer noch schrecklicheren Vernichtung entgegengehe . Diese krankhafte Angst , die ihm keinen harmlosen Moment mehr gönnte , ihm den Schlaf raubte und ihn jede Speise , jeden Becher beargwohnen ließ , steigerte seine Furcht vor seinen zwei regierenden Brüdern zum verzweiflungsvollen Haß , und er entschloß sich , sie zu entthronen und zu töten . Dazu aber bedurfte er seines geblendeten Bruders . Don Ferrante hatte nämlich die Wahrnehmung gemacht , daß die rechtlose und gerichtlose Blendung Don Giulios gewaltig auf das öffentliche Gefühl gewirkt hatte , nicht zu reden von dem schändlichen , die Einbildungskraft aufregenden Vorgange selbst . Ferrara , auf welchem ein Joch der Knechtschaft und der Befehle unbedingten Schweigens in Staats- und Hofsachen härter als sonst irgendwo in Italien lastete , Ferrara sogar , wo sich freilich dieses Unerhörte zugetragen hatte , geriet in Gärung . Es mußte ein besonderes Verbot erlassen werden , sich um Don Giulio zu kümmern , nach ihm sich zu erkundigen , oder gar sich Pratello zu nähern und seine Gebüsche zu umschleichen . Natürlich geschah es , daß das Bild des Geblendeten in den Gedanken und Gesprächen der Ferraresen sich veredelte und aus dem zügellosen Jüngling , dessen gefährliche Buhlschaften und leichtsinniges Blutvergießen sie früher verwünscht hatten , ein bejammernswertes Opfer , ein edler Märtyrer wurde . Dies merkte Don Ferrante wohl , und da er auch eine starke schauspielerische Ader hatte , sann er sich eine wirkungsvolle Szene aus , welche den Umsturz von Ferrara mit Sicherheit herbeiführen würde . Don Giulio , zu Roß auf einem weißen , von zwei Dienern in Trauer begleiteten Zelter , mit starrenden , leeren Augenhöhlen und einer Leidensmiene ; er selbst daneben , durch die Hinweisung auf die Untat und ihre Straflosigkeit das öffentliche Mitleid aufstachelnd . Einige Einverstandene zu werben , erschien ihm als eine geringe Schwierigkeit , denn das herkömmliche Material eines Aufruhrs in einer kleinen italienischen Tyrannenherrschaft mangelte auch in Ferrara nicht . Über das Weitere war sich Don Ferrante nicht klargeworden ; aber ein schneller Überfall und die Ermordung des Herzogs und des Kardinals erschienen ihm unerläßlich . Mit diesen Ausgeburten seiner Angst und Bosheit verfolgte er täglich den armen Blinden . Dieser aber sträubte sich gegen die Ermordung der Fürsten aus Menschlichkeit und verwarf mit einer edeln Empörung , deren er , solange er nur genoß und schwelgte , niemals fähig gewesen wäre , die ihm angesonnene Rolle eines mitleiderregenden Schauspiels . Er schämte sich , auf den Märkten von