fort , weit , weit fort . Als gäbe dieser Gedanke ihr neue Flügel , lasse sie aber auch jetzt schon nirgends mehr rasten , eilte sie aus der Stube und betrat mechanisch wieder den Kreuzgang . Beim ersten Blick überzeugte sie sich , daß Werner den Garten verlassen hatte . Sie lief rastlos auf und ab , ihr Denken angestrengt auf den einen Punkt gerichtet , wie sie sich Reisemittel verschaffe , bis sie sich todtmüde auf das Postament setzte , das Jahrhunderte lang die Statue der Jungfrau Maria getragen hatte . Sie schloß die Augen und schmiegte sich an das Gemäuer , das eine erfrischende Kühle über ihre brennenden Glieder hauchte . Tiefe Stille herrschte in dem kleinen Winkel , die kein Lüftchen zu stören wagte ; nicht einmal die Ranken des Ginsters bewegten sich , die , droben um die Säulenknäufe gewickelt , ihre Enden muthwillig und frei in der Luft hängen ließen … Nur dann und wann , sobald das junge Mädchen aufzuckte und hastig seine Stellung änderte , ließ sich ein leises Knirschen in der Wand hören , wobei das Postament jedesmal leicht erzitterte . Zu tief in sich selbst versenkt , hatte Magdalene anfänglich dies seltsame Geräusch nicht weiter beachtet ; einmal aber stieß sie heftiger an eine hervorragende Stelle in dem unteren Mauerwerk und wurde in dem Augenblick unter einem widrigen Gekreisch , das aus dem Gemäuer zu kommen schien , sammt dem Postament stark gerüttelt . Das kam ihr grauenhaft vor . Sie sprang auf und floh einige Schritte in den Garten hinaus . Bald aber kam sie zurück . Schien doch die Sonne so lebenswarm und golden herein ; eben flogen die Schwalben , deren Nester an den umgrünten Säulen des Ganges hingen , unbeirrt und fröhlich zwitschernd aus und ein und über die Gartenmauer klang helles Kindergelächter … Sie schämte sich ihres Grauens und fing an , die Sache herzhaft zu untersuchen . Ueber dem Postament , neben einem weit hervortretenden Stein , befand sich eine Art Knauf , rund und massiv , wie man sie noch hier und da an sehr alten Thürschlössern findet . Er war bisher unbemerkt geblieben , weil ihn die Statue vollkommen verdeckt hatte . An diesen Knauf hatte Magdalene mit dem Arm gestoßen … Unwillkürlich fiel ihr die Sage von den zwölf silbernen Aposteln ein , die , einst im Besitz des Klosters , noch in einem untererirdischen Gang desselben liegen sollten . Der Volksmund hatte freilich auch hier nicht verfehlt , schwarze Kettenhunde mit tellergroßen , glühenden Augen bewachend vor den Aus- und Eingang zu placiren und letzteren verschwinden zu lassen , sobald ihn das ungeweihte Auge eines Sterblichen berühre … Wenn nun hier die Lösung dieses Geheimnisses vor ihr lag ? Wenn ihr vielleicht vorbehalten war , jenen Schatz zu heben , von dessen Werth und Größe die Sage Unglaubliches fabelte ? … Welche Genugthuung für sie , wenn sie dann diesen geldstolzen Stadtbewohnern , und vor Allem ihm , diese Silbermassen verschmähend vor die Füße werfen konnte , nichts für sich behaltend , als die Mittel , die es ihr möglich machten , die Stadt verlassen zu können ! … Aber das war ja Alles so märchenhaft lächerlich ! Nur eine aufgeregte Phantasie konnte mitten in die Wirklichkeit solche Lustschlösser zaubern . Trotz dieser Raisonnements des Verstandes faßte Magdalene den Knauf . Nach mehreren vergeblichen Versuchen , ihn umzudrehen , stieß sie ihn endlich mit Gewalt in die Mauer zurück , und siehe da – mehrere Quadersteine , die ohnehin aussahen , als wollten sie jeden Augenblick aus dem Gemäuer herausfallen , schoben sich unter lautem Geräusch , und eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd , langsam vorwärts . Ein breiter Spalt erschien in der Mauer , und nun sah Magdalene , daß die Quadern keineswegs so dick im Durchmesser waren , als von außen schien ; sie waren vielmehr dünn gespalten und geschickt auf einer eichenen Thür befestigt , die sich jetzt ohne Mühe weiter öffnen ließ . Unmittelbar zu Magdalenens Füßen führten acht bis zehn ausgetretene Stufen in die Tiefe . Drunten aber dämmerte es grüngolden , wie wenn die Sonne durch dichtes Laubwerk dringt . Es sah ganz und gar nicht unheimlich aus , und deshalb stieg Magdalene auch rasch entschlossen die Treppe hinab . Unten angelangt , sah sie einen schmalen , ziemlich niedrigen Gang vor sich , der links , dicht an der Decke , schmale , aber lange Oeffnungen hatte , durch welche frische Luft und ein gedämpftes Licht einströmten . Der Gang lief ohne Zweifel parallel mit der Klostermauer droben , die im Verein mit der lebendigen Wand von dichtem Buschwerk dem Auge die Luftlöcher von außen entzog . Der Boden des Ganges war mit einem feinen Saude bedeckt , und an den Wänden saß der Mörtel noch so fest in dem Steingefüge , als seien erst Jahre und nicht Jahrhunderte an ihm vorübergestrichen . Magdalene schritt weiter . Der Gang senkte sich ziemlich steil abwärts und plötzlich that sich zur Rechten des Mädchens ein zweiter Gang auf , der sie in tiefster Finsterniß angähnte . Sie eilte erschrocken vorüber , immer den grünschimmernden Leitsternen folgend , die so tröstlich in den Hauptgang hereinglänzten . Eine Strecke lang jedoch hörten auch diese auf . Eine starke Erschütterung über ihr ließ sie vermuthen , daß sie sich unter einer belebten Straße voll Wagengerassel und Menschenverkehr , wahrscheinlich unter dem Marktplatz , befinde . Der Gang bildete hier eine scharfe Ecke nach rechts , und beim Umbiegen glänzten ihr droben die Lichter wieder entgegen . Magdalene war nun ziemlich lange geschritten , allein nirgends , weder an den Wänden , noch am Boden war eine Spur der Klosterschätze zu entdecken . Ihr Fuß watete in dem weichen , mehlartigen Sande , ohne einen anderen Gegenstand zu berühren , und in den Luftlöchern droben zeigte sich manchmal der schillernde Schuppenleib einer vorüberschlüpfenden Eidechse – das war Alles ! Noch einige Schritte , und sie stand vor einer Thür ,