hausen mußte , das er von Jahr zu Jahr mehr verfallen ließ ... Eines Tages fand man ihn an einem Baum erhängt . Dieser grauenhafte Tod wie auch das gottlose Leben des Selbstmörders gaben nun dem Aberglauben einen weiten Spielraum und machten das Haus in der ganzen Gegend spukhaft . Erben waren nicht da – Käufer fanden sich ebensowenig ; da wurde denn die Mühle nach und nach zur Ruine – ein Schrecken der Erwachsenen und ein Popanz für die Kinder . Marie war , wie gesagt , stehengeblieben und suchte sich des Grauens zu erwehren , das sie so überwältigend packte und alle Vernunftgründe über den Haufen stieß ... Nichts Lebendiges weit und breit – außer dem Rauschen des Wassers kein Laut ringsumher ! Eine kleine Wolke trat in diesem Augenblick vor den Mond und warf zwei riesige Schattenhügel über den First des Hauses und auf die unbelaubten Wipfel der alten Rüstern , an deren einer der Pfaffenmüller sein Leben ausgehaucht hatte ... Doch horch , klang das nicht wie lautes Husten ? ... Jedes weniger Aufgeklärte würde dasselbe nun ohne Zweifel für etwas der Geisterwelt Entstammtes gehalten und höchstwahrscheinlich unter Zähneklappern nichts anderes mehr erwartet haben , als dem irrenden Schatten des gehängten Müllers zu begegnen ... Marie dachte anders . Ihr schien der Husten , der sich eben wiederholte , obgleich er diesmal unterdrückter klang , sehr menschlich zu sein , und ein ganz anderer , vielleicht noch schlimmerer Verdacht stieg in ihr auf – daß wohl schlechte Menschen diese gefürchtete Stelle als Schlupfwinkel benutzen möchten . Diese Annahme schien bestätigt zu werden , denn jetzt hörte sie ganz deutlich sich nähernde Schritte ... Ihre Fassung kehrte zurück , wie es ja häufig geschieht , daß wir angesichts der Gefahr beherzter sind , als wenn wir dieselbe nur vermuten . Marie lief vorwärts , kauerte sich hinter das dichte Gebüsch , welches sie dem Vorübergehenden vollständig verbergen mußte , und bog einige Zweige auseinander , um besser sehen zu können . Sie befand sich der Mühle gerade gegenüber . Das morsche Hoftor , das nur noch in einer Angel hing , ließ sie den ganzen mondbeleuchteten Hofraum überblicken . Altes Gerümpel , verdorbenes Ackergerät , zerbrochene Türen und modernde Holzscheite bedeckten den Boden , und von der Scheuertür grinste eine angenagelte Eule herüber . Es blieb dem jungen Mädchen indes nicht viel Zeit , diese wüste Stätte zu betrachten , denn die Schritte kamen immer näher , und zwar von Ringelshausen her . An dem unregelmäßigen Gang und keuchenden Atem hörte Marie , daß die Person schwer beladen sein mußte ... Kaum atmend blickte sie angestrengt durch die Zweige , denn der Wanderer trat in die Hoftür ... Wer aber beschreibt ihr Erstaunen , als sie Mamsell Dore , des Pfarrers Haushälterin , erkannte ? Die Alte blieb einen Augenblick verschnaufend stehen , sah sich scheu um und ging dann zögernd einige Schritt in den Hof hinein . Sie war in einen großen Mantel gehüllt und trug , wie es schien , eine gewichtige Last auf den Armen . Wieder blieb sie unschlüssig ; da erschien in der Haustür – Maries Überraschung kannte keine Grenzen – der Tischlergesell aus A. , der ihr auf der Chaussee begegnet war . Er winkte Mamsell Dore vertraulich und verschwand mit ihr unter der Tür . Was konnten die beiden an dem verrufenen Orte wollen ? Mamsell Dore , die Anklägerin der Schulmeisterin , deren Schuld sie durchaus beweisen wollte – sie , die Zeter schrie über das kleinste Vergehen , das in der Gemeinde vorkam , traf auf so geheimnisvolle Weise mit einem berüchtigten Menschen in der einsamen Pfaffenmühle zusammen ? Eine seltsame Ahnung überschlich Maries Herz . Sie erhob sich und ging , immer durch das Gebüsch gedeckt , um das Gehöft herum . An der Seite , nach dem Wasser zu , bemerkte sie ein angelehntes Pförtchen – es führte in einen schmalen Gang , durch dessen zerbrochene Fenster jedoch der Mond so hell schien , daß sie ihn ungefährdet betreten konnte . Hier blieb sie einen Augenblick stehen ... Es überrieselte sie eiskalt ... wenn jener schreckliche Mensch ihr hier entgegenträte ? ... Sie horchte ; aber außer dem eintönigen Rauschen des vorbeifließenden Wassers blieb alles totenstill ... Es trieb sie unwiderstehlich vorwärts – weshalb ? Darüber konnte sie sich selbst keine Rechenschaft geben . Ihre Entschlossenheit , ein Grundzug ihres Charakters , ließ sie nicht lange überlegen – sie betrat den Gang und gelangte bald an eine offene Tür , die in einen dunkeln Raum , die Küche , führte . Hier bückte sie sich rasch nieder , denn durch ein Fenster konnte sie in die daranstoßende Stube sehen , in welcher sich die beiden Personen befanden . Auf den Knien rutschend , gelangte sie bis zu dem Fenster , das eigentlich nur noch ein Netz von Bleiringen war , denn die runden Scheiben waren zerschlagen , und nur noch einige grüne Glassplitter starrten aus der Fassung . Das junge Mädchen konnte deutlich hören und sehen , was in der Stube vorging . Mamsell Dore saß erschöpft auf einem Stuhl . Zu ihren Füßen lag ein gefüllter Sack . Aus den grauen Augen der Alten , die rastlos umherirrten , während sie nach Atem rang , sprachen unverkennbar Angst und Furcht ; wenn aber der Mann , der ungeduldig auf und ab lief , ihr den Rücken kehrte , dann blitzten sie auf in Haß und Ingrimm . » Daß du mich bei so hellem Mondschein hierherbestellst « , begann sie endlich , » ist unverantwortlich von dir , Fritz – wie leicht konnte ich gesehen werden . « » Meine Angelegenheiten lassen sich nicht aufschieben , Mutter . « » Mutter ? « flüsterte Marie draußen , über alle Maßen erstaunt und überrascht . » Wenn du meinen Brief ordentlich gelesen hast « , fuhr der Mensch drinnen fort , » so wirst du wissen , daß ich in einigen Tagen auswandern muß ... Ich