“ rief sie , die Hände zusammenschlagend . „ Ja , ja : ‚ Das Wandern ist des Müllers Lust , das Wandern , ‘ “ recitierte sie . „ Mit einer solchen Aeußerung müßte unser Jüngstes nächstens in Moritzens großer Soirée debütieren , Großmama ; da würden sie die Ohren spitzen ! “ Sie blinzelte die alte Dame schadenfroh an , die jedoch ihr Gleichgewicht schon wieder gefunden hatte . „ Ich vertraue dem angeborenen Tact Deiner Schwester , mein Kind , “ sagte sie , ihre Hand nebenbei nun auch dem Doktor zur Begrüßung hinstreckend . Dazu lächelte sie mit jenem feinen Zusammenziehen der Lippen , das nur einen Schein der Zahnspitzen sehen ließ und von welchem man nie wußte , ob es süß oder sauer war . „ Tact , Tact – der wird viel helfen , “ wiederholte Flora , den Kopf spöttisch wiegend . „ Die Müllerreminiszenz ist ihr genau ebenso angeboren . Die gute Lukas hat es eben nicht verstanden , ihr ein wenig Weltklugheit einzupauken – da fehlt ’ s. Uebrigens bin ich wirklich froh , daß Du allein gekommen bist , Käthe ; ich hoffe , es wird sich so besser mit Dir leben lassen , als wenn Du am Rock Deiner alten hausbackenen Gouvernante hängst . “ Käthe hatte das Barett abgenommen ; die schwüle Blumenluft trieb ihr das Blut heiß in die Wangen . Jetzt , mit der dicken , goldbraunen Haarflechte über der Stirn , sah sie noch größer aus . „ Hausbacken ? Meine Doktorin ? “ rief sie lebhaft . „ Eine poesievollere Frau läßt sich nicht denken . “ „ Ei , was Du sagst ! Sie schwärmt wohl den Mond an , schreibt empfindsame Verse ab , etc. Oder dichtet sie gar selbst ? Wie ? “ Das junge Mädchen richtete die glänzenden Augen mit klugem Blicke auf das Gesicht der Spötterin . „ Verse nicht , aber die Manuscripte ihres Mannes schreibt sie ab , weil die Setzer der medicinischen Zeitschrift seine wunderlichen Krakelfüße absolut nicht entziffern können , “ sagte sie nach einem kurzen Moment schweigender Prüfung . „ Sie schreibt auch keine eigenen Verse oder Novellen – dazu fehlt ihr die Zeit , und doch dichtet sie . … Ach , Du lächelst noch genau so wie früher , Flora , so tief und so scharf in den Mundwinkeln , aber das Spottlächeln scheucht mich nicht mehr in die Ecken ; ich habe eine streitbare Ader und behaupte weiter : Sie dichtet doch in der Art und Weise , wie sie das Leben nimmt und ihm stets eine Seite abzugewinnen weiß , von der ein verklärendes Licht ausgeht , wie sie ihr einfaches Heim ausschmückt – aus jedem Eckchen guckt ein schöner Gedanke – und wie sie es unsäglich gemüthlich und doch ästhetisch anregend für ihren braven Mann und mich alten Kindskopf und die wenigen auserwählten Freunde des Hauses zu erhalten versteht . “ In diesem Augenblicke flog ein ganzer Regen von frischen Veilchen gegen die Brust des jungen Mädchens und rieselte auf den Fußboden nieder , „ Bravo , Käthe ! “ rief Henriette . Sie stand im Wintergarten , dicht am Gitter , und preßte die bleichen Hände auf ihre heftig atmende Brust . „ Ich möchte Dir gleich um den Hals fliegen , aber – sieh mich doch an ! – müßte das nicht zum Totlachen sein ? Du , so kerngesund an Leib und Seele , und ich – “ ihre Stimme versagte . Käthe warf das Barett , das sie noch in der Linken hielt , von sich und flog zu ihr . Sie umschlang zärtlich die schwache Gestalt , aber die Thränen des Erbarmens und die Betroffenheit darüber , daß das Gesicht der Schwester „ so entsetzlich abgemagert “ , wurden weislich unterdrückt . Flora biß sich auf die Lippen . „ Das Jüngste “ war nicht nur imposant an Leibesgestalt geworden , es hatte auch in den hellen Augen und auf den Lippen den seltenen Freimut innerer Unabhängigkeit , der manchmal so unbequem werden kann . Ihr kam plötzlich die dunkle Ahnung , als trete mit dem kraftvollen Mädchen dort eine schattenwerfende Gestalt in ihr Leben . … Sie nahm hastig den Hut ab und fuhr mit beiden Händen auflockernd durch die zerdrückten Scheitellöckchen . „ Hast Du das poetische Reisebündelchen da wirklich von Dresden mitgebracht ? “ fragte sie trocken , mit einem blinzelnden Seitenblicke nach dem zusammengeknüpften weißen Tuche am Arme der Angekommenen . Das junge Mädchen löste die verschlungenen Enden und reichte Henriette die Taube hin . „ Ein kleiner Patient , der Dir gehört , “ sagte sie . „ Das arme Ding ist flügellahm geschossen . Es fiel im Schloßmühlenhofe auf das Pflaster . Da war bereits die Einkehr in der Mühle verrathen , allein die Präsidentin schien die letzten Worte ganz zu überhören ; sie zeigte tief empört auf das verwundete Thierchen und sagte , nach dem Kommerzienrate zurückgewendet , mit strafendem Vorwurfe : „ Das ist nun die vierte , Moritz . “ „ Und noch dazu mein Liebling , mein Silberköpfchen ! “ rief Henriette und wischte sich eine Thräne des Schmerzes und der Erbitterung von den Wimpern . Der Kommerzienrat war ganz blaß vor Schreck und Aerger . „ Liebe Großmama , ich bitte Sie dringend , machen Sie mir daraus keinen Vorwurf mehr ! “ rief er fast heftig . „ Ich tue , was möglich ist , um diesen bodenlosen Nichtswürdigkeiten auf die Spur zu kommen und sie zu verhindern , aber der Thäter versteckt sich hinter der Phalanx von zweihundert erbitterten Menschen “ – er zuckte die Achseln – „ da läßt sich gar nichts tun . Ich habe auch deshalb Henriette wiederholt gebeten , ihre Tauben einzuschließen , bis die Aufregung vorüber ist . “ „ Also wir werden in der That die Nachgebenden sein müssen ? Es wird immer besser , “ sagte die alte Dame sehr anzüglich ; sie zog