und – sie wußte selbst nicht weshalb – ihre Hände griffen plötzlich nach dem über den Rücken hinabfallenden Schleier und zogen ihn verhüllend über Busen und Arme . Und dieser Tag , der schwerste und verhängnisvollste ihres ganzen Lebens , er neigte sich endlich auch ; es kam der heißersehnte Moment , wo sie die nach dem Säulengange führende Hauptthür ihrer Gemächer schließen durfte , die sie von allen Bewohnern des Schlosses schied . Sie schickte das harrende Kammermädchen fort , entledigte sich selbst der Brauttoilette und warf einen weißen Schlafrock über . Ruhen konnte sie noch nicht ; sie mußte , so einsam in der Fremde und gequält von schmerzlichem Heimweh , irgend einen mitgebrachten Gegenstand aus der Heimat sehen und berühren ... Mit hastigen Händen öffnete sie einen kleinen Koffer , den man auf ihren Wunsch in den Salon gestellt hatte . Ein Heft mit lateinischen Aufsätzen von ihrer Hand lag obenauf – unwillkürlich zuckte sie empor und warf einen scheuen Blick auf das große Oelbild , das ihr gegenüber hing – ja , das war er , der schöne Mann mit dem Rätselgesicht , das in so jähem Wechsel Feuer und tödliche Kälte , seelenvolle Güte und den beißendsten , verwundenden Spott widerspiegelte ! Ihr graute vor diesen Widersprüchen . Sie rollte hastig das Manuskript zusammen ; nicht einmal diese gemalten Augen durften das Geschriebene sehen . » Mainau wird dir deinen Gelehrtenkram schon austreiben ! « hatte die Gräfin Trachenberg gesagt , und heute abend bei der Tafel hatte er infolge einer lebhaften Debatte über die Frauenemanzipation mit dem ausgesprochensten Abscheu in allen Gebärden geäußert , er wisse nicht , welche Frau er mehr verurteilen solle , diejenige , die aus Eitelkeit und Vergnügungssucht eine schlechte Mutter sei , oder den Blaustrumpf , der seine Kinder aus dem Zimmer jage , um Verse oder gelehrte Aufsätze machen zu können – ein Tintenklecks an einer Frauenhand sei ihm widerwärtiger als ein häßliches Mal . Sie trat an den Schreibtisch , um alle Zeugen ihrer bisherigen geistigen Thätigkeit hineinzuflüchten – er war von Rosenholz , das zierlichste Gebild , das je aus kunstreicher Hand hervorgegangen . Welchen Gedanken hatte wohl » die luftige , flatternde Seele « hier nachgehangen ? ... Der Aufsatz des Tisches wurde beinahe erdrückt durch Nippesfiguren und Gruppen , die fast alle einer mehr oder minder frivolen , ja anstößigen Idee entsprungen waren – wie hatte sich das mit der strengen Frömmigkeit vertragen ? ... Liane zog mit Anstrengung ein Fach auf – es war bis an den Rand gefüllt mit Geldrollen – offenbar ihr stipuliertes Nadelgeld . Erschrocken stieß sie den Kasten wieder zurück und drehte den Schlüssel um – das Geld war begraben . Diese Entdeckung und die mit den unvermeidlichen Jasmindüften beschwerte Zimmerluft trieben sie nach der Glasthür des Nebensalons . Hinter den zugezogenen Vorhängen hatte sie nicht bemerkt , daß draußen der Vollmond am Himmel stand . Sie fuhr zurück , so blendend , so fremdartig lag dieses Schönwerth inmitten felsenzackiger , zum Teil mit dem prächtigsten Hochwald bestandener Berge , die es von allen Seiten umstarrten wie dräuende , ein funkelndes Kleinod hütende Drachenzähne ... Sie trat hinaus unter ein Säulendach – welch ein Kontrast zwischen der modernen inneren Einrichtung der Gemächer und diesen altersgrauen mächtigen Säulenbündeln , die in strenger Schönheit aufstiegen und hoch droben Rundbogen von tadelloser Reinheit scharf in den Mondhimmel schnitten ! Nicht das leiseste Wehen des Nachtwindes strich vorüber , und doch mußte in der höheren Luftregion Bewegung sein - nervenberührend wie die geisterhafte Stimme , die im Glase schläft , zitterte manchmal ein vereinzelter Tonhauch von den Windharfen herüber . In diese feierliche Nachtstille hinein klangen plötzlich fernhereilende Menschentritte , förmlich erschreckend – die junge Frau trat in den Schatten der Pfeiler , während eine Kindergestalt laufend um die nördliche Hausecke kam ; es war Leo . Seine kleinen nackten Füße steckten in Schlafschuhen ; das in sichtlicher Eile übergeworfene grüne Samthöschen hielt er mit beiden Händen , und das spitzenbesetzte Nachthemd fiel von den Schultern offen zurück und ließ das Mondlicht über die kräftige , glänzend weiße nackte Büste des Kindes hinspielen ... Der Kleine sah sich scheu um und lief spornstreichs auf das Drahtgitter zu . Mit einigen raschen lautlosen Schritten stand die junge Frau hinter ihm . » Was thust du hier , Leo ? « fragte sie und hielt ihn fest . Er stieß einen Schreckenslaut aus . » Ah , die neue Mama ! « stammelte er gleich darauf sichtlich erleichtert . » Wirst du ' s dem Großpapa sagen ? « » Wenn du ein Unrecht vorhast , allerdings – « » Nein , Mama , « versicherte er in seinem trotzig festen Tone und schüttelte die verwirrten Locken von der Stirn – er hatte offenbar schon im Bette gelegen . » Ich will Gabriel nur Schokoladefiguren bringen – ich habe sie nicht genommen , ganz gewiß nicht , Mama ! – Herr von Rüdiger hat sie mir bei Tische auf den Teller gelegt . Ich spare sie mir immer ab für Gabriel ; aber früh sind sie nie mehr in meiner Tasche – Fräulein Berger ißt sie zu gern ; sie kaut den ganzen Tag – sie maust , das abscheuliche Ding . « » Wo ist denn dieses Fräulein Berger ? « fragte Liane – die Erzieherin war ihr nach der Trauung vorgestellt worden und hatte ihr einen entschieden ungünstigen Eindruck gemacht . » Pfänderspiele spielt sie im Schulzimmer , und ich darf nicht hinein ; sie hat zugeschlossen , « murrte er . » Sie machen einen greulichen Spektakel , und Punsch trinken sie auch – ich riech ' s durch das Schlüsselloch ... Ich habe Gabriel heute gar nicht mehr sehen dürfen , weil ich zu ungezogen gewesen bin – aber › gute Nacht ‹ werde ich ihm doch wohl sagen dürfen , « stieß er trotzig heraus . » Darf ich , Mama ? Ja ? Darf ich ? « Er bat