auch sein helles Kleidchen war weder zwischen dem Gebüsch , noch in der Laube zu entdecken . Noch kam kein beängstigender Gedanke in Klaudines Seele . Die Kleine stieg ja oft direkt vom Garten aus hinauf in die Glockenstube , um dem Papa ein paar Blumen oder das Schürzchen voll » wunderschöner Steinchen « zu bringen . Klaudine eilte hinauf , aber in dem kühlen und durch die zugezogenen grünen Gardinen verdunkelten Turmgelaß saß ihr Bruder allein am nördlichen Fenster , so vertieft in seine Arbeit , daß er auf ihre Frage hin nur mit einem zerstreuten Blick aufsah , lächelnd den Kopf schüttelte und emsig weiter schrieb . Auch bei Fräulein Lindenmeyer war das Kind nicht , und nun flog die junge Dame angsterfüllt hinaus in den Garten . In der Laube stand der Puppenwagen mit dem geliebten Wickelkind , das Wachsgesicht der Puppe mit der abgenommenen Kinderschürze fürsorglich zugedeckt , aber die kleine Pflegemutter war nicht da . Sie war auch nicht im Kreuzgangwinkel bei den Ziegen und Hühnern , nicht in der Kirchenruine , wo sie sich gern auf dem grünen Rasenboden tummelte und Grasblumen suchte . Alles angstvolle Rufen und Suchen war vergeblich . Da sah sie über die Zauntür hinweg drüben auf der Fahrstraße eine rotglühende Pfingstrose liegen , und jetzt wußte sie , daß das Kind , einen Strauß in der Hand , aus dem Garten gelaufen war . Ohne sich zu besinnen , eilte sie hinaus , die Straße entlang . Öde , totenstill streckte sich die weiße Weglinie vor ihr hin . Seit die Eisenbahnschienen in ziemlicher Nähe vorüberliefen , war diese Verkehrsader fast ganz unterbunden , nur selten unterbrach Rädergeroll die Waldstille – ein Überfahren des Kindes war mithin nicht zu befürchten . Die Kleine mochte übrigens Heinemanns Beete arg geplündert haben , jedenfalls konnte das Händchen die Blumen auf die Dauer nicht fassen , denn da und dort bezeichnete eine verstreute Nachtviole oder ein Jasminzweig den Weg , den sie genommen hatte . Sie mußte schon seit geraumer Zeit ausmarschiert sein , wenigstens erschien Klaudine die Strecke schier endlos , die sie bereits zurückgelegt hatte , Angsttränen füllten ihre Augen und das Herz klopfte ihr zum Zerspringen . Zuletzt fand sie den Hut des geliebten Puppenlenchen , und zwar nahe dem Dickicht , das die Fahrstraße begrenzte . Ihr Puls stockte bei dem Gedanken , daß das Kind in den Wald eingedrungen sei und angstvoll umherirre , und schon wollte sie die Stimme zu lautem Rufen erheben , als Kindergeschwätz , in das sich eine männliche Stimme mischte , zu ihr drang . Unwillkürlich preßte sie die Hände gegen die fliegende Brust und horchte . Ja , das war Baron Lothar , der eben sprach , und das Kind war bei ihm und schon nach wenigen eilenden Schritten weiter taten sich die grünen Wände vor ihr auf und sie sah die Sprechenden herankommen . Baron Lothar führte mit der Linken sein Pferd am Zügel , und auf dem rechten Arm trug er die kleine Entlaufene . Der runde Hut hing ihr im Nacken , und das dichte Blondhaar fiel wirr und tief in die Stirn und an den erhitzten Bäckchen herab . Sie mochte ihre Heldentat bereits schwer , unter heißen Tränen , gebüßt haben , denn sie sah sehr verweint aus , aber ihr Lenchen hatte sie auch in ihrer Herzensangst und Ratlosigkeit nicht preisgegeben , sie hielt die Puppe krampfhaft fest an ihrer Brust . Sie schrie auf , als sie die Tante so plötzlich auf sich zukommen sah . » Ich wollte der Erdbeerdame Blümchen bringen und das datierte so lange , ach , so lange ! Und Lenchen hat ihren neuen Hut verloren , Tante ! « rief sie ihr entgegen und löste das linke Ärmchen von ihres Trägers Nacken , als wolle sie schleunigst wieder unter den Schutz der Pflegerin flüchten , aber er hielt sie fest . » Du bleibst jetzt bei mir , Kind ! « gebot er . Sie duckte sich wie ein erschrockenes Vögelchen und sah scheu in das bärtige Antlitz dicht neben dem ihren . Der gebieterische Ton war ihr neu . » Das hast du zu verantworten , kleine Ausreißerin ! « fuhr er zu dem Kinde fort , während sein Blick das tieferregte Gesicht , die tränenverschleierten Augen der schönen Hofdame ausdrucksvoll streifte . Sie stand nun vor ihnen und rang vergebens nach Atem und einem Wort des Dankes . » Und nun möchtest du mir auch noch schleunigst den Laufpaß geben und fragst nicht , ob die Arme da dich auch tragen können ? Denn laufen kannst du ja absolut nicht mit deinen todmüden Beinchen ! Nein , nein , lassen Sie ! « wehrte er ab , als Klaudine in der Tat die Arme hob , ihm die Bürde abzunehmen . » Ist ' s doch kaum , als sei mir eine Grasmücke auf den Arm geflogen ! Komm , Kindchen , gib nur deinen Arm wieder her und sieh mich nicht so scheu an – hast dich ja vorhin auch nicht vor meinem Bart gefürchtet ! Sieh , wie brav mein Fuchs mit mir geht und sich führen läßt ! . . . Und da ist ja wohl auch der unglückliche Hut , um den du so bittere Tränen vergossen hast ? « Die Kleine lachte glückselig auf , als Klaudine das Hütchen auf den Puppenkopf drückte und es wieder festband . Baron Lothar sah unverwandt auf die zwei schlanken Hände , die in nächster Nähe vor seinen Augen hantierten . Ein breiter schwärzlicher Streifen zog sich um Daumen und Zeigefinger der Rechten . » › Rußflecken beschimpfen nicht ' ‹ , sagt mein alter Heinemann « , stammelte sie , unter seinen Blicken errötend , und ließ schleunigst die Hände von der gebundenen Schleife sinken . » Nein , sie beschimpfen nicht . Aber daß sie in der Tat vorhanden sind ! Wäre wirklich kein dienstbarer Geist im Eulenhaus zu finden , der Ihnen