Ihnen … Aber ich weiß , daß Sie dem Alten , der allwöchentlich sein Almosen bei der Hofrätin Falk holt , mit liebenswürdigem Lächeln seine kindischen Fragen beantworten und in unerschöpflicher Geduld sein Klagen anhören und ihn zu trösten suchen ; ich weiß , daß Sie die seltene Gabe haben , in verbindlicher und schmeichelhafter Weise zuzuhören , wenn die alten Freunde Ihrer Tante sprechen , und stets schlagfertig und mit Geist zu antworten wissen , sobald Sie in das Gespräch gezogen werden ; ich weiß ferner , daß Sie Ihre Umgebung voll sprudelnden Muthwillens necken , und daß Sie lachen , so lieblich und herzerquickend lachen können , wie ein Kind , das noch keinen Raum hat für Haß und dergleichen unselige Dinge . Ich weiß … doch wozu noch fernere Beweise ! Es genügt , zu wissen , daß Sie dies Alles vor mir zu verleugnen suchen . … Noch halte ich den glücklichen Wahn fest , ja , ich bin selbst bewußt genug , zu denken , daß diese Unfreundlichkeit nur in dem leidigen Dorn ’ schen Familienzwist wurzelt . … Ich sah Sie auf den Berg gehen und bin Ihnen gefolgt , um Sie daran zu erinnern , daß ich noch eine Frage gut habe ; lassen Sie mich dieselbe in eine Bitte umwandeln : Uebernehmen Sie die Vermittlung zwischen der Hofrätin Falk und mir und bewirken Sie eine mir sehr wünschenswer te Aussöhnung . “ Er hatte in sehr ernstem , nachdrücklichem Ton gesprochen , und es kam ihr vor , als sei sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben mit allem Recht und in sehr beschämender Weise gescholten worden … Aber wer war es , der sich unterstand , sie zur Rechenschaft zu ziehen für ihr Benehmen ? Seine Beweisführung erschreckte und verdroß sie zugleich ; wie kam er dazu , alles das zu wissen ? Hatte er sich unterfangen , Erkundigungen über sie einzuziehen ? … Und nun fußte er gar auch noch auf diesem unehrenhaften Spionirsystem und appellirte im Hinblick auf seine Aushorchereien an ihre menschenfreundlichen Gesinnungen ! … Wieder trat Tante Bärbchens Warnung vor ihre Seele und die Gestalt der geheimnißvollen Unbekannten schwebte mahnend an ihr vorüber … Sie warf den Kopf zurück mit jener allerliebsten Bewegung , die Trotz und Opposition in jeder Linie ausdrückte ; dabei vermied sie jedoch wohlweislich , in das Gesicht des „ unberufenen Moralpredigers “ zu sehen , und somit entging ihr das entzückte Lächeln , das einen Moment seine Lippen umspielte . Um ihm zu beweisen , daß sie seinem „ großmütigen “ Auftrag sehr wenig Gewicht beilege , schlug sie geflissentlich einen leichten Ton an , und es erfüllte sie mit großer Genugtuung , daß ihr sogar , diesen durchdringenden Augen gegenüber , eine Beimischung von Ironie vortrefflich gelang , indem sie entgegnete : „ Zu dieser Mission gehört ein mutiges Herz . Bei Ihren eben entwickelten merkwürdigen Kenntnissen aber sollten Sie vor Allem wissen , daß ich ganz und gar nicht tapfer bin , und z. B. ein entsetzliches Grauen vor allen Fehlbitten habe … Es ist sehr unhöflich von mir , Ihre Appellation an die Höflichkeit meines Herzens zurückzuweisen , ich sehe das ein ; aber ich weiß auch , daß ich vor Tante Bärbchen nicht einmal Ihren Namen , geschweige denn die Bitte um Vergeben und Vergessen aussprechen darf . “ „ Wer spricht auch von Vergeben und Bitten ! … Wie das herb und verletzend klingt ! “ unterbrach er sie rauh und auflodernd . Mit derselben Anstrengung jedoch , wie neulich beim ersten Begegnen , suchte er seiner Aufregung Herr zu werden ; nach einem einmaligen raschen Auf- und Abschreiten blieb er mit verschränkten Armen vor dem jungen Mädchen stehen . „ Man ruft Sie Lilli , “ sagte er gepreßt , „ selbst die harte , schwerfällige Stimme der Hofrätin Falk klingt mir sympathischer , wenn sie diese zwei weichen , süßen Klänge ausspricht … Wer das Wesen sieht , dem dieser Ruf gilt , der möchte an ein Blumendasein denken , das geschaffen ist zur Freude und erquickenden Augenweide der Menschen … Sie lieben offenbar dergleichen poetische Illusionen nicht , denn Sie bieten geflissentlich Alles auf , mir dieselben zu rauben … oder sollten Sie wissen , daß gerade in dieser Opposition , in dem Contrast zwischen einem kindlich zarten Aeußeren und einer stets verneinenden , trotzigen Seele Gefahren für Andere liegen , und – doch nein , nein , “ unterbrach er sich selbst in einem eigentümlich reuevollen Ton , als habe er ihr einen schweren Verdacht abzubitten . Lilli hatte jedoch seine letzten Worte gar nicht verstanden ; so scharf und durchdringend auch ihr Denken war , hier , wo die Erfahrung hauptsächlich das Verständniß herbeiführen mußte , genügte es nicht ; ihre Gesinnungen waren zu rein und unschuldig , und deshalb ahnte sie nicht einmal , daß er sich in seiner Gereiztheit hatte hinreißen lassen , sie der Koketterie zu beschuldigen . Er hatte sich abgewendet und schwieg einen Moment . „ Also förmlich verfehmt und verpönt ist mein unglücklicher Name da drunten ? “ frug er endlich mit bitterer Ironie , während seine Hand nach dem Haus der Hofrätin deutete . „ Die alte Frau sollte doch bedenken , daß wir von einem Stamme sind , daß sie einst den Namen getragen hat , den ich führe . “ „ Sie vergessen , daß auch dieses Band nicht mehr existirt – Sie sind von Adel . “ Bei diesem Einwurf des jungen Mädchens , der ziemlich herb klang , wandte er überrascht den Kopf und sah sie durchdringend an , aber gleich darauf erschien jenes sarkastische , überlegene Lächeln in seinem Gesicht , das stets ein Gemisch von Verdruß und Beschämung in ihr hervorrief . „ Die Hofrätin Falk hat mir allerdings noch sehr wenig Veranlassung gegeben , eine ganz besonders hohe Meinung von ihr zu gewinnen , “ entgegnete er , „ allein zu ihrer Ehre will ich trotzdem gern