einen Menschen verrückt machen , rätselhaftes Geschöpf . Wer hat Dich diesen Blick gelehrt , diesen Blick einer schönen Seele , die ein böser Zauberer in den Leib eines Koboldes gebannt ? Gott weiß , was aus Dir noch wird ! — Du willst mich also nicht mithaben ? Nein ? Fürchtest Du Dich denn nicht ? Kopf ­ schütteln , nichts als Kopfschütteln ! So geh ’ — ich kann Dich nicht zwingen ! Leb ’ wohl denn ! “ — er reichte ihr die Hand ; sie ergriff dieselbe hastig , drückte sie mit leidenschaftlicher Innigkeit und lief , so schnell sie ihre Füße trugen , querfeldein . Johannes ließ sie einen Vorsprung gewinnen und folgte ihr dann in einiger Entfernung , er wollte das hilflose Kind nicht den Weg ganz allein machen lassen . Sie lief , ohne sich umzusehen , als hätte sie Flügel , aber Johannes bemerkte , daß sie unterwegs das Buch mehrmals küßte und wie ein lebendiges Wesen ans Herz preßte . Als endlich Ernestinens Haus sichtbar wurde , blieb er stehen : „ Gott sei dem Manne gnädig , der die einmal zur Frau bekommt ! “ dachte er und kehrte langsam um . — Ernestine trat klopfenden Herzens in den Garten ihrer freudlosen Heimat ein . Mit mürrischem Gesichte öffnete ihr eine Magd . „ Du kommst spät ! So bist Du aber , erst wolltest Du nicht hin , und nun mochtest Du wieder nicht nach Hause . Immer was Anderes tun , als Du sollst , das ist so Deine Art. “ Ernestine erwiderte nichts . „ Kann ich noch was zu essen haben ? “ fragte sie kurz . „ Zu essen ? Na , auch noch ! Soll ich vielleicht für Dich um zehn Uhr Nachts in den Stall gehen und eine Kuh melken , — wo soll ich denn was hernehmen ? Du weißt doch , daß ich keine Schlüssel habe ! “ „ Ist denn Frau Gedike zu Bett ? “ „ Wenn Du nicht so dumm wärest , hättest Du Dir das denken können . “ „ Mich hungert aber ! “ „ Das geschieht Dir ganz recht , hättest Du Dich dort satt gegessen , — sie werden Dir wohl was gegeben haben in der langen Zeit . “ Ernestine schwieg und ging mit der Magd in die Stube , wo sie schnell ihren zerrissenen Hut in der Kom ­ mode verbarg . „ Ich habe nasse Füße “ , sagte sie fröstelnd , „ geben Sie mir trockene Strümpfe . “ „ Natürlich — wirst wieder in einer Pfütze herumgeplatscht sein und dann soll man in später Nacht noch Wäsche herausreißen . Mach ’ , daß Du ins Bett kommst , jetzt zieht man keine frischen Strümpfe mehr an . Gute Nacht , — ich will jetzt endlich auch zur Ruhe . “ — Damit ging die Magd mit dem trüben Talglicht , das sie hatte , und ließ Ernestine in dem vom Monde matt erhellten Zimmer allein . In dem Kinde grub und nagte schon wieder wie ein verborgener Maulwurf der unterdrückte Zorn über die Grobheit der Dirne . Alles , was sie soeben erlebt hatte , verschwand mit seinem ganzen Zauber vor der rohen Berührung . Dem ersten Hauch einer warmen großen Seele , der die ihre angeweht , hatte sich diese geöffnet wie die Knospe dem Frühlingsatem — der Frost , der nun hineinfiel , tat doppelt weh . — Sie war wieder das alte , verlassene , mißhandelte Kind , dessen Mark und Blut aufgezehrt ward von ohnmächtigem Grimm gegen seine Peiniger . Hatte sie denn die letzte Stunde wirklich erlebt ? Hatte denn wirklich ein Mensch so gut zu ihr gesprochen und noch dazu einer , der schöner und besser war als Alle ? Sie griff hastig nach dem Buche wie nach einem Talisman , es war noch da — war nicht verschwunden — sie hatte Alles in Wirklichkeit erlebt . Und doch war sie gegen den guten , guten Herrn eigensinnig und bös gewesen und hatte es ihm nicht gesagt , wie dankbar sie ihm sei , und er mußte sie nun auch verabscheuen , — es war gar nicht anders möglich . Sie erkannte jetzt , daß sie , um die Achtung eines Menschen wie Johannes zu gewinnen , ganz anders werden mußte . — Wie ? das konnte sie sich selbst nicht sagen , — aber es wallte plötzlich ein unnennbares Etwas in ihrer kleinen Brust auf , das sie über sich selbst hinaushob . Sie blickte mit kindlichem Verlangen zum Himmel und betete : „ Lieber Gott , laß mich gut werden ! “ Dann drückte sie wieder das Buch ans Herz , es war ja ihr kostbarstes Besitztum , ihr erster Freund und der Wunsch erfaßte sie mächtig , heute noch zu sehen , was ihr denn dieser Freund erzählen werde ! Aber im Mondschein konnte sie doch nicht lesen , Licht durfte sie sich nicht ver ­ schaffen , sie schlief bei Frau Gedike , die hätte ihr das Lesen in der Nacht ausgetrieben . Ratlos stand sie da und blickte schmerzlich auf den schönen Einband mit seinen rätselhaften Figuren nieder . Da fiel ihr ein , daß bei ihrem Vater immer eine Nachtlampe brenne ; — das war ein glücklicher Umstand , er mußte benutzt werden . Sie zog mit großer Anstrengung die nassen Stiefelchen herunter und schlich auf den Strümpfen sachte in Hartwichs Zimmer . Der Kranke lag auf dem Rücken und schlief fest . Er schnarchte und röchelte so stark , daß es dem Kinde fast unheimlich wurde , aber es machte sie noch sicherer in ihrem Vorhaben und ermutigt schlüpfte sie am Bette vorbei . Sie setzte sich behutsam hin , öffnete in heißer Spannung das Buch , wendete leise , leise die Blätter um und suchte natürlich zuerst die Geschichte , welche Johannes ihr genannt . Das Buch entielt die reizenden wehmütigen Märchen des nordischen Dichters