schaute hinaus . Oben angelangt , setzten sich die Pferde wieder in Trab . Der junge Offizier sah Licht schimmern durch die Läden des Mayschen Hauses , beim Oberförster war alles dunkel – natürlich saß er bei der Braut ! Heinz biß sich auf die Lippen , daß es schmerzte . Der hätte ebensogut eine Kindermagd heiraten können , weiter suchte er doch nichts , und diese reizende kluge süße Aenne vergräbt sich in solche Prosa ! Und er , er sollte hier bleiben und das mit ansehen , wie der plumpe Gesell ihr den Staub von den Schmetterlingsflügeln streift und sie in eine häßliche Puppe zurückverwandelt , die dumpf hinleben muß in dem ewigen Einerlei seines mit Kindergeschrei erfüllten Hauses ? Nie – nie ! Nun hielt der Wagen vor dem Eingang des Schlosses und die Baronin verließ , von Heinz unterstützt , das Gefährt . Mit einem sehr kühlen Kopfnicken verabschiedete sie denselben im Treppenhause des zweiten Stockes , und er stieg die dritte Treppe empor , um sein Zimmer aufzusuchen an dessen Schwelle ihn der Bursche empfing . Es war behaglich warm in dem riesenhaften , ziemlich schmucklose Raum , und auf dem Tische brodelte der kleine Alfenidkessel neben der Arrakflasche und dem Punschglas . „ Briefe gekommen ? “ „ Zu Befehl , Herr Lieutenant ! “ Er trat an den Tisch und betrachtete ein großes graues Couvert , das in ungelenken Schriftzügen seine Adresse trug . Es hatte ihn , dem Vermerk nach , zuerst in seiner Garnison gesucht und war dann hierher nachgesendet worden . Aus Berlin ? Was mochte das sein ? – „ Ich danke , Scholze , “ sagte er dann , „ ich gehe nachher noch zur Frau Baronin hinunter , mache den Waffenrock zurecht ! Dann warf er sich in einen der mit grün und weiß gestreiftem Kattun bezogenen Fauteuils nahe der Lampe und erbrach das Schreiben . [ 059 ] „ Gnädigster Herr Leutnant ! “ begann er mühsam zu entziffern . „ Besinnen sich gnädigster Herr Leutnant noch auf die dicke Marien ? Ich habe Ihnen doch so oft als kleinen Jung ’ die Butterstullen gemacht zum Schulfrühstück und auch Bratäpfels in Winterabends in die Kochmaschine und haben Sie doch immer viel auf mir gehalten dazumal . Auch was die liebe gnädige verstorbene Frau Mama ist , hat mir immer so gern gehabt bis zu ihrem Ende , was nun doch so rasch gekommen ist . Gnädiger Herr Leutnant , wir sind , mein Mann und ich , tief betrübt und es ist gewiß keine Unbescheidenheit , wenn ich in die Trauertage mit eine kleine Frage hervortrete , es ist man weil davon sehr viel abhängen thut für meinen Mann und mir , und weil wir doch fünf Kinder haben und August , was der Aelteste ist , Oktober in die Lehre kommen soll bei Schuster Finken in die Nollendorferstraße , wo seine Kundschaft ist . – Nun geht unser Grünkeller mit Bier und Butter jawoll ganz gut , aber die Zinsen von die gnädige Frau Rätin können wir doch nicht gut entbehren , indem daß dieselbigen nun schon anderthalb Jahre nicht bezahlt sind . Ich habe nicht gewagt , gnädige Frau von Kerkow dran zu erinnern , weil ich weiß , daß sie ihre alte unterthänigste Dienerin nicht vergißt , nu aberst jetzt , wo ihr der Tod so rasch genaht ist , möchte ich doch fragen , ob gnädige Frau vielleicht etwas hinterlassen hat über Rückzahlung der 1500 Mark , was unser Gespartes ist und die ausständigen Zinsen . Ich bitte Herrn Leutnant vielemal zu verzeihen und die Briefe , worin gnädige Frau uns bat , sie das Geld zu borgen lege ich mit bei im unterthänigsten Vertrauen und der Bitte , wenn ’ s möglich wäre und es Herrn Leutnant und dem gnädigen Fräulein keine Ungelegenheit macht , uns doch gütigst zurückzugeben indem wir es doch sehr nötig haben . Mit unterthänigstem Gruß Ihre Dienerin Marie Schulze geb . Artner . “ Ganz mechanisch nahm er den Brief seiner Mutter und entfaltete ihn .. „ Liebe Marie ! In größter augenblicklicher Verlegenheit wende ich mich an Dich , treue Seele , und bitte Dich und Deinen Mann , mir fünfhundert Mark zu leihen zu fünf Prozent . Ich kann Dir nicht sagen – weshalb oder wozu , und verspreche , daß ich es pünktlich am nächsten ersten Januar wieder zurückzahle . Immer Deine , Dir sehr zugethane Bertha von Kerkow . Dann noch ein Brief . Jetzt sind es tausend Mark , die die Mutter haben will uud die ihr die treue Seele giebt , das ehemalige Dienstmädchen , das sich bei harter Arbeit groschen- und sechserweise das Sümmchen zusammengespart hat – – . Mein Gott , das hatte er doch nicht gedacht ! Stand es denn so furchtbar mit der alten Frau Und wozu hatte sie denn – ? Er sah auf das Datum des letzten Briefes und eine jähe Blutwelle stieg ihm zu Kopfe . Ja , das war vor drei Jahren gewesen , als er Schulden halber – recht thörichte leichtsinnige Schulden , die einzigen , die er auf solche Weise gemacht ! – sich an die Mutter wandte und sie bat , ihm jene mythenhaften fünfhuudert Thaler zu schicken , die ihm zur Konfirmation ein Pate geschenkt hatte , und die ihm immer als starker Trost im Hintergrunde erschienen , wenn er einmal ein bißchen über die Stränge schlug . Na , schlimmsten Falles nehme ich die fünfhundert Dhaler vom Onkel Heinrich , hatte er sich stets vorgeredet . Ja , damals hatte er das Geld verlangt und auch bekommen , aber – es war längst nicht mehr dagewesen , in irgend einer Not hatte es die Mutter wohl verbraucht für sich und die Schwestern . Arme Mutter – was mochte sie gelitten haben ! Sie hatte geborgt , geborgt von der ehemaligen Köchin ! Ja , die muß alles wieder erhalten – freilich – sofort ! Er würde an