jetzt sitzst Du hier und liest , anstatt der alten Muhme da unten ein Bissel zu helfen . Du weißt doch , es ist heut Donnerstag , wo Pastors kommen ; die Dörte ist rein verbost wegen der Schelte , die sie gekriegt hat , und die Mine muckscht zur Gesellschaft mit ; hättest wohl mal helfen können die Tauben zurechtmachen , oder die Spargel schälen – das ist gar nicht leicht , und Du brauchst ’ s für den künftigen Hausstand , denn wo die Frau wirthschaftet , da wächst der Speck am Balken . Aber es ist doch eine Freude , wie Du es hübsch hier hast , “ unterbrach sie sich , indem sie den anmuthigen Raum musterte , der mit seinen weiß lackirten , von blau und weiß gestreiftem Kattun überzogenen Möbeln und den duftigen Fenstervorhängen sich so recht wie ein Mädchenstübchen ausnahm . „ Und schau , wie das Myrthenstöckchen jetzt treibt ! Ja , dabei fällt mir auch ein , was ich hier oben wollte . Da hat Dir die Nelly was Geschriebenes geschickt ; der Heinrich brachte es mit . “ Sie nahm [ 707 ] ein Briefchen aus der leinenen Tasche , die sie unter der Schürze trug , und reichte es der Liese , die es rasch öffnete und las . „ Denk Dir , Muhme , “ rief sie überrascht , „ auf dem Schlosse bekommen sie Besuch ! Nelly freut sich schrecklich : eine Cousine ist es , Blanka von Derenberg , und Army kommt auch auf Urlaub , und ich soll sie dann recht oft besuchen . “ „ So ? “ fragte die alte Frau . „ Ja , die Nelly schreibt , sie hätte es mir selbst erzählt , sie habe aber keine Zeit heut zu kommen , denn sie müsse helfen die Zimmer in Stand setzen . “ „ Sie haben ’ s gewiß eben erst erfahren ? “ meinte die alte Frau . „ Ach nein , “ sagte Liesel , „ der Army ist ja deswegen hier gewesen , schreibt die Nelly . “ „ Der Army ist hier gewesen ? “ fragte die Muhme und sah erstaunt zu dem jungen Mädchen hinüber , das plötzlich dunkelroth geworden war ; „ wann denn ? “ „ An Nelly ’ s Geburtstage , “ klang es leise zurück . „ Ei sieh einmal ! Und davon hast Du kein Wort erzählt , Liesel ? Du sagst mir doch sonst Alles ! “ Es klang etwas wie Angst aus der Stimme der Alten . „ Sag einmal , Liesel , warum hast ’ s verschwiegen ? “ fragte sie dann rasch noch einmal . „ Weil ich es nicht wieder hören mochte , wenn Du sagst , er sei stolz und hoffährtig geworden – “ „ Und warum willst Du das nicht hören , Liesel ? “ „ Weil es nicht wahr ist , weil er nur nicht Zeit gehabt hat – sonst wäre er gekommen . “ Sie brach plötzlich in Weinen aus ; die ganze getäuschte Erwartung von gestern floß mit diesen bittern Thränen aus dem Herzen des jungen Mädchens . „ Aber Liesel , meine Güte , was soll denn das heißen ? Bist gar nicht gescheidt , daß Du um so etwas weinst ! Was um Alles in der Welt geht Dich der Army an ? “ Die alte Frau sprach ärgerlich , aber man merkte es ihr an , es war auf einmal eine Centnerlast auf ihr Herz gefallen . „ Ich meinte , es könnte Dir ganz gleichgültig sein , “ fuhr sie fort , „ was ich vom Army rede . Deine Wege und seine Wege laufen nicht mehr neben einander wie in Eurer Kindheit ; er ist jetzt ein großer Herr und Du bist ein erwachsenes Mädchen – was soll man davon denken , daß Du so anfängst zu weinen ? “ Lieschen aber warf sich der alten Frau um den Hals . „ Ach , Muhme , sei nicht böse ! “ schluchzte sie , „ es ist recht kindisch von mir , aber ich kann ’ s nun einmal nicht hören , wenn Du über die im Schlosse redest ; sieh , wir haben immer so hübsch zusammen gespielt , und es kommt mir immer vor , als wischtest Du unbarmherzig die schönen Erinnerungen aus , wenn Du auf Nelly und Army böse bist . “ Die Muhme schüttelte den Kopf . „ Kind , “ sagte sie dann , „ wenn Du wüßtest , was für bitteres Leid von da droben über unser Haus gekommen ist ! “ „ Können denn aber Army und Nelly etwas dafür ? “ „ Nein – aber – “ „ Du sagst doch selbst immer , man soll seinen Feinden vergeben . “ „ Es ist richtig , aber es vergißt sich ein Unrecht zu schwer , wenn ’ s einem so nahe ging , wie – “ „ Ach , laß doch gut sein , Muhme ! “ bat Lieschen schmeichelnd und sah unter Thränen lächelnd in ihr Gesicht ; „ ich will nicht wieder so dumm weinen , aber gelt , Du schiltst auch nicht mehr ? Ich komme jetzt auch mit hinunter und helf Dir die Tauben schön braun und knusprig braten , wie sie der Vater gern ißt . Ja ? Und hast Du schon Radieschen aus dem Garten geholt oder soll ich es thun ? “ Sie bat und schmeichelte so lange , bis die Alte ihr einen Kuß auf den Mund drückte , und als sie dann über den dämmrigen Vorsaal des obern Stockes schritten , auf welchem mächtige alte Wäsch- und Kleiderschränke standen , schaute die Muhme unwillkürlich zu einer der Thüren hinüber , und ein banger Seufzer begleitete den Blick . „ Das ist der Lisett ihr Stübel gewesen , “ sagte sie mit einen gewissen Nachdruck im Tone . Das junge Mädchen nickte und sprang eilig die Treppe hinunter