Motiv des Hirten aus Wagners » Tristan und Isolde « an . Da fuhr Herr Carovius empor wie gestochen und rief aus : » Laß doch den faulen Zauber , ich glaub ihn dir ja doch nicht . « » Wie meinst du das , Schwager ? « fragte Andreas Döderlein mit schmerzlich geneigtem Kopf . » Willst du mich vielleicht über diesen Brunnenvergifter belehren ? « rief Herr Carovius aus , und sein Gesicht zeigte eine Bosheit wie das eines Buckligen , wenn man auf seinen Buckel deutet ; » weiß der Herr Professor vielleicht genauer als ich , wer er ist , dieser Richard Wagner , dieser Komödiant , dieser Jud ' , der sich als germanischer Messias kostümiert , dieser Kakophoniker , dieser Verballhornist , dieser Höfling , dieser Pulcinell , der sich lustig macht über das ganze genasführte deutsche Reich und Europa ? Ja , ja , belehre mich nur , da bin ich , da sitz ich , nur Mut , nur Mut ! « Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und lachte in asthmatisch keuchenden Stößen , wobei er die Hände auf dem Bauch ruhen ließ . Andreas Döderlein erhob sich zu seiner Größe , wippte auf den Fußspitzen und blickte auf Carovius herunter wie auf einen Floh , den man zwischen zwei Fingernägeln zerquetschen kann . » Ei , ei , « sagte er , » wie interessant ! So wahr ich lebe , du bist eine interessante Erscheinung , Schwager Carovius , Aber wenn man mir alles Gold der Welt böte , ich möchte nicht so ... interessant sein . Ich nicht . Und du , Margaret , möchtest du so interessant sein ? « Es war etwas Zermalmendes in dieser Überlegenheit , und das Gelächter des Herrn Carovius verlor sich in ein gurgelndes Gekicher . Er riß die Augen hinter den Zwickergläsern auf und ähnelte einem jener fratzenhaften Wasserspeier , die man an alten Brunnen sieht . Margaret aber , die Scheue , die nie sprach , ohne sich kleiner zu machen und die Hände zu verbergen , sah hilflos vom Bruder zum Gatten und schlug die Blicke nieder vor beiden . War es Haß , was Herr Carovius gegen Andreas Döderlein empfand ? Es war mehr als Haß . Es war eine vipernhafte Erbitterung , mit der er an ihn dachte , an seinen Namen , an sein Weib , an sein Kind , an den dicken Trauring an seinem Finger und an die Gallertmasse seines dicken Halses . Seit jenem Abend besuchte er die Schwester nicht mehr , und wenn Margaret sich ein Herz faßte und zu ihm kam , behandelte er sie mit verbissener Geringschätzung . Da ließ sie ihn und ging an seiner Tür vorüber . Als das Kind geboren wurde und die Magd ihm die Nachricht brachte , schielte er in die Ecke und kicherte . » Ich laß gratulieren , « sagte er , » es ist gut , daß sich die Döderleins fortpflanzen , da stirbt das Pläsier in der Welt nicht aus . « Mit den Jahren kam es , daß die kleine Dorothea sich manchmal auf der Stiege herumtrieb oder am Ziehbrunnen im Hofe saß . Da schaffte Herr Carovius einen bösen Hund an , der den Namen Cäsar erhielt . Cäsar lag an der Kette , aber sein Geknurr und seine tückischen Augen flößten dem Kinde Furcht ein , und es mied die häuslichen Spielplätze . An einem Geburtstag des Herrn Carovius erschien , nach Jahren wieder , Margaret mit ihrem vierjährigen Töchterchen , und Dorothea sagte ein Gedicht auf , das sie zu diesem Zweck hatte lernen müssen . Carovius schüttelte sich vor Lachen , als er das puppenhaft herausstaffierte und geziert redende Mädchen sah . » Meiner Treu , « rief er , » ich hätte nie geglaubt , daß so eine kleine Kröte schon so wacker quaken kann . « Obwohl er von Frauen so wenig wußte , daß es schauerlich gewesen wäre , den Umfang dieses Nichtwissens auszumessen , spürte er doch , während Margarets Antlitz strahlte , eine Lebensenttäuschung in ihr , die sich betäuben wollte und die ihn entzückte . 4 Um jene Zeit starb der Oberoffizial Becker , der seit achtundzwanzig Jahren den zweiten Stock bewohnt hatte , und als neue Mietspartei zog Doktor Benda mit seiner Mutter ins Haus . Carovius erzählte das Ereignis am Stammtisch , und man konnte ihm dort verschiedenes über die Herkunft und das Leben Bendas berichten . Es wurde gesagt , daß die Familie früher reich gewesen , dieses Reichtums im Jahr des großen Krachs verlustig gegangen und nun auf eine mäßige Wohlhabenheit beschränkt war . Bendas Vater habe sich damals erschossen , wurde gesagt , und seine Mutter habe ihn nach den Hochschulen begleitet , an denen er studiert . Der Fiskalrat Korn wollte gehört haben , daß er trotz seiner Jugend schon bedeutende wissenschaftliche Arbeiten auf biologischem Gebiet geliefert , daß ihn dies aber nicht ans Ziel geführt habe . An welches Ziel ? wurde gefragt . Nun , er habe nach der Professur gestrebt , und dem sei man entgegengetreten . Warum denn entgegengetreten ? Nun , man werde doch nicht ohne weiters einem Juden das Lehramt an einer Universität übertragen , das verstehe sich doch von selbst . Das verstehe sich allerdings von selbst , meinte Herr Carovius , obschon dieser Benda durchaus nicht wie ein Jude aussehe , eher wie ein Holländer , ein ziemlich fetter Holländer . Er sei zwar nicht ganz blond , aber auch nicht ganz schwarz , und seine Nase sei so gerade wie ein Lineal . Eben , das sei ja der neue jüdische Kniff , antwortete der Assessor und tat einen gewaltigen Schluck aus seinem Maßkrug ; in alten Zeiten hätten sie den gelben Fleck getragen hätten Geiernasen gehabt und Haare wie die Buschmänner ; heute sei kein Christenmensch mehr sicher , daß er nicht dem einen oder dem andern gelegentlich mal aufsitze . Dem wurde