Kopf gedrängt standen sie hier : Bettler , Vagabunden , Zuhälter und Dirnen , Trunkenbolde und Lumpensammler , und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst . - Und dann erzählte ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus , wo jetzt die beiden Musikanten sitzen , gerade unter dem Krönungsbilde Seiner Majestät des Kaisers , seine Lebensgeschichte : - wie er sich emporgerungen , den Doktortitel erworben und später Rektor magnificus geworden war . Wenn er zu der Stelle kam , wo er mit dem Busch Rosen in der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat , - zur Feier ihres Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis jener Stunde , da er dereinst um sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war , - da versagte ihm jedesmal die Stimme , und weinend sank er am Tisch zusammen . Dann geschah es wohl zuweilen , daß irgendein liederliches Frauenzimmer ihm verschämt und heimlich , damit es keiner sehen sollte , eine halbwelke Blume auf die Hand legte . Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner . Zum Weinen sind diese Menschen zu hart , aber an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten unsicher die Finger . Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der Moldau . Er wird , denke ich , erfroren sein . Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir . Das » Bataillon « hatte sich fast zerfleischt , um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten . Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat : in den Händen das purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen in unabsehbarer Reihe - - das » Bataillon « barfuß , schmutzstarrend , zerlumpt und zerfetzt . Einer von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher : Leib , Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden . So erwiesen sie ihm die letzte Ehre . Auf seinem Grabe , draußen im Friedhof , steht ein weißer Stein , darein sind drei Figuren gemeißelt : Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei Räubern . Von unbekannter Hand gestiftet . Man munkelt , Dr. Hulberts Frau habe das Denkmal errichtet . - - - - - - - - - - Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen , danach bekommt jeder vom » Bataillon « mittags beim » Loisitschek « umsonst eine Suppe ; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den Ketten , und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller . Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer großen , blechernen Spritze die Brühe hinein und , wenn sich einer nicht ausweisen kann als » vom Bataillon « , so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurück . Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch die ganze Welt . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie . Die letzten Sätze , die Zwakh gesprochen , wehten über mein Bewußtsein hinweg . Ich sah noch , wie er seine Hände bewegte , um das Vor- und Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen , dann jagten die Bilder , die sich rings um uns abrollten , so rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorüber , daß ich in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk . Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden . Oben auf der Estrade : dutzende Herren in schwarzen Fräcken . Weiße Manschetten , blitzende Ringe . Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren . Im Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern . Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas hinauf . Ich sah : er konnte sich kaum aufrecht halten . Auch Jaromir war da und schaute unverwandt hinauf , mit dem Rücken dicht , ganz dicht , an der Seitenwand , als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen . Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne : der Wirt mußte ihnen etwas zugerufen haben , was sie erschreckt hatte . Die Musik spielte noch , aber leise ; sie traute sich nicht mehr recht . Sie zitterte ; man fühlte es deutlich . Und doch lag der Ausdruck hämischer wilder Freude in dem Gesicht des Wirtes . - - - - In der Eingangstür steht mit einem Mal der Polizeikommissär in Uniform . Er hatte die Arme ausgebreitet , um niemand hinauszulassen . Hinter ihm ein Kriminalschutzmann . » Wird also doch hier getanzt ? Trotz Verbotes ? Ich sperre die Spelunke . Sie kommen mit , Wirt ! Und was hier ist , marsch auf die Wachstube ! « Es klingt wie Kommandos . Der Vierschrötige gibt keine Antwort , aber das hämische Grinsen bleibt in seinen Zügen . Bloß starrer ist es geworden . Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch . Auch die Harfe zieht den Schwanz ein . Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen : sie glotzen erwartungsvoll hinauf auf die Estrade . Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen herab und geht langsam auf den Kommissär zu . Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den heranschlendernden schwarzen Lackschuhen . Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben und läßt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füßen und wieder zurückschweifen . Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das Geländer gebeugt und verbeißen das Lachen hinter ihren grauseidenen Taschentüchern . Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem Mädchen , das unter ihm lehnt , seinen Zigarettenstummel ins Haar . Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit immerwährend