lieb , wegen Papa ? « Und sie beugte sich vor , sah Sophie flehend und schmeichelnd in die Augen und küßte ihr dann plötzlich die Hand . » Gewiß . Nicht nur wegen Ihres Vaters . Um Ihrer selbst willen , « sagte Sophie gerührt . » Sehen Sie mich als Ihre mütterliche Freundin an . Wie gern will ich Ihnen helfen , das Leben zu nehmen . « » Das Leben zu nehmen « ... wiederholte sie nachdenklich und wußte nicht , was sie aus dem Wort machen sollte . » Könnte ich Ihnen doch eine Pflicht geben , eine Arbeit zeigen , einen Inhalt ... « Tulla faltete die Hände an der Tischkante und schüttelte im rötlichen Schein der Hängelampe ihren Kopf . » Hoffnungslos , « sagte sie mit dem anmutigsten Ausdruck , » kein Talent ! Fiffi will noch Kunstgeschichte treiben und später Kritiken schreiben und vielleicht Novellen . Lille hat ' ne Stimme , hoch wie ' ne Flöte - ich find ' ja , sie singt oft falsch , aber sie weiß kolossal Bescheid , wie all die großen Sängerinnen es eigentlich machen sollten . Ich kann nichts . Ja , wissen Sie , wenn ich eine ganz kleine Schwester hätte - das wäre reizend . Nicht ? Lille und Fiffi lachten sich halbtot , als ich das neulich mal sagte , und Fiffi schrie ... « Sie schwieg und wurde rot . Diese gräßliche Fiffi hatte erklärt , das sei » Mutterschaftsinstinkt « , so ' n Wunsch . - Nein , solche unpassende Aeußerung konnte sie nicht erzählen . Etwas scheu sah sie zu Raspe hinüber . Und da sah sie einen Blick voll leuchtender Wärme und Güte . Das machte sie ganz verwirrt vor Glück . Ein wunderbares Schweigen breitete sich aus . Es schien ganz voll von den herrlichsten Ahnungen . Das junge Mädchen wagte kaum zu atmen und hörte nur ihr Herz klopfen - ganz geschwinde - ganz geschwinde - als eilten alle Schläge einer unnennbaren Seligkeit entgegen . Sie sprang auf . Sie mußte jemand liebhaben , greifbar mit Küssen und Umarmung . Und deshalb fiel sie der Frau um den Hals , die ihre mütterliche Freundin sein wollte , und rief : » Papa müßte bei uns sein . « Dafür war die Frau ihr dankbar aus Herzensgrund . An dem dunklen Kopf vorbei suchte sie mit fragendem Blick das Gesicht ihres Sohnes . Und sie fand auf den sonst so beherrschten , männlichen Zügen einen Ausdruck von Weichheit und Feierstimmung , daß ihr beinahe ebenso bewegt zumute ward wie diesem aufgeregten Kinde . Ein wenig später mußte Frau Sophie leider daran erinnern , daß es gleich halb zehn sei , und daß sie durchaus wünsche , Tulla treffe noch vor zehn Uhr zu Hause ein , ganz gleich , ob dort jemand ihr Ausbleiben bemerke oder nicht . - Tulla erhob keine Einwendungen . Mit vollkommenem Gehorsam brach sie sogleich auf . Sie nahm mit leidenschaftlichen Dankesbezeigungen Abschied und bat , vor der Abreise nach Hamburg noch einmal vorsprechen zu dürfen . Auf dem Korridor nickte sie sehr freundlich der scharf aufmerkenden , diplomatisch dreinschauenden Therese zu , denn sie hatte gesehen , daß die ältliche Person hier eine Vertrauensstellung einnahm . Und in ihr war eine Stimmung , die sie antrieb , sogar der Dienerin den Hof zu machen . Gleich nachdem die beiden jungen Menschen die Wohnung verlassen hatten , lief die Mutter ans Fenster . Sie riß es auf , sie beugte sich in die Nacht hinaus . Der Schneeatem , der ihr kalt und klar ins Gesicht hauchte , ließ sie nicht frösteln . Wie aus der Vogelperspektive sah sie ' s : Da unten ging ein hoher Mann in stolzer , ruhiger Haltung , und neben ihm , mit ihrem breiten Hut , von dem noch rückwärts der schwere Krepp herabwallte , das schlanke Mädchen . Eigentlich konnte man die Wirkung ihrer Gestalten von hier oben durchaus nicht beurteilen . Aber Sophie dachte entzückt : sie sehen großartig nebeneinander aus . Auch als sie das Fenster wieder geschlossen hatte , weil sich die Davongehenden in der Straßenperspektive zwischen anderen Passanten verloren , auch da sah Sophie die beiden noch im Geist immer vor sich und sah sie mit zärtlichem Lächeln wie etwas schon Vereintes . Denn eine wundervolle Hoffnung war in ihr groß geworden , so jäh in die Höhe gestiegen wie die Pflanzen , die indische Fakire binnen wenig Stunden unter mystischen Verschwörungen aus einem Samenkorn hervorschießen lassen . Ihr heißer Wunsch war der Zauberer , der diesen herrlich grünenden Hoffnungsbaum so märchenhaft wachsen ließ , und Myrtenzweige durchrankten ihn . Sie war eine Mutter , die kraft ihres unvergessenen Weibtums alle Wonnen und Leiden junger Liebe nachempfinden konnte . Viel mehr als nachempfinden : für und mit ihrem Sohn sie selbst erleben - mit jedem Nerv spürend , was in diesen jungen Herzen vorging - . Und sie dachte inbrünstig : möchten sie sich finden ! Den Sohn verheiratet zu sehen und das Kind des verlorenen Freundes als Tochter in ihre Arme nehmen zu dürfen , war ihre dringliche Sehnsucht . Vergangenheit und Zukunft genoß ihre Phantasie . Sophie sah sich wieder als junge Frau , nach rasch ernüchtertem Liebeswahn bestrebt , doch noch irgendwie sich ein wenig Glück aufzubauen . Ihr Trost waren ihre beiden Knaben und das Leben mit ihnen in der stillen Zartheit der Natur . Wie liebten sie den tiefschattigen Garten , der sich an das Herrenhaus schloß . Auf den Treppenstufen seines Giebels saßen im Herbst die Raben , und wenn Allert sie zählen wollte , flogen sie schon , ehe die Zählung begonnen war , hinüber zu den drei Pappeln , die mitten auf dem Rasen im Garten standen . Sie liebten auch den Graben , dessen Wasser man nicht fließen sah , und der zwischen Krauseminze und Vergißmeinnicht stand . Ein Brett , auf Pflöcken ruhend , ragte über ihn hinaus