Völkerwanderung . Bei Morgengrauen schon dirigierte Kuang yin den Aufbruch der Kulis , die in Karren , auf Maultieren und den eigenen Rücken alles das hinausschaffen mußten , was fremde Herrschaften für einen Landaufenthalt nun einmal unentbehrlich erachten . Und das war nicht eben wenig . Dann folgten Koch und Boys , und da kein Bediensteter in China so arm ist , daß er nicht einen ärmeren Verwandten hätte , der für ihn gegen kleinstes Entgelt seine rechtmäßige Arbeit täte , so waren sie wiederum begleitet von ihren Klienten . Es war ein ganzer Troß ! Vorräte an Konserven und Getränken mußten mitgenommen werden und auch Körbe voll erregt schnatterndem und gackerndem Geflügel , um nicht auf das Geringe angewiesen zu sein , was etwa von den die seltene Konjunktur ausnutzenden Dorfbewohnern draußen gegen phantastische Preise zu haben sein würde . Im Maultierkarren fuhr dann Madame Angèle samt Tin chau , einer Handnähmaschine und den tausenderlei Dingen , die der Taitai im letzten Augenblick noch als unumgänglich notwendig erschienen waren . Später setzte sich der Ta-jen in Bewegung , d.h. eigentlich taten das die Kulis , die schwingenden Schritts seine grüne Sänfte trugen ; er selbst saß feierlich ernst darinnen , wie es einem Mann in Amt und Würden zukommt . Den Schluß endlich bildete die Taitai selbst zu Pferde und begleitet von etlichen jungen Herren , die nun mal wie alles übrige zu den lang gewohnten Lebensrequisiten gehörten und wie diese , solange sie vorhanden waren , nicht sehr beachtet , sondern als selbstverständlich hingenommen wurden , abwesend jedoch nicht leicht zu missen waren . Es war eine Erlösung , aus der Stadt der tausend üblen Düfte herauszukommen . Kaum hatte man sich durch das wirre Gewühl von Menschen und Tieren hindurchgequetscht , das sich in den tiefen Toren der dräuenden Stadtmauer staute , so atmete man erleichtert eine reinere Luft . Grün lag die wohlbebaute Ebene , die vieltausendste Ernte in stets erneuter Geduld auf fettem Boden tragend und nährend . Und mochte der Kaiser Kwang Hsü es nun mit der Partei des Nordens oder Südens halten , sicher schien , daß dem Himmel die Opfer seines kaiserlichen Sohnes in diesem Jahre wohlgefällig gewesen waren , denn er hatte rechtzeitig den nötigen Regen gesandt , und überall trieb und sproß es , und in den endlosen Hirsefeldern drängten sich dicht die hohen , starken Halme . - Allerwärts sah man Leute arbeiten , und ihre nackten , gebräunten Oberkörper glänzten in der Sonne . Kräftigeren Baues waren sie als die in der dunstenden Stadt zusammengepferchten und auch von freundlichharmloserer Gemütsart schienen sie zu sein , denn statt Schimpfworte riefen sie den Fremden den üblichen chinesischen Tagesgruß entgegen : » Habt Ihr Reis gegessen ? « Grau lagen die Dörfer inmitten der wogenden Felder ; viel reinlicher als die große Residenzstadt waren sie , und die langen Ranken der Kürbisse umspannen schmückend das Gemäuer . Die Schönheit der Ebene aber bildeten die zahllosen Haine alter Bäume , die verstreut in ihr lagen . Sie kennzeichneten stets einen Begräbnisplatz . Und Tschun dachte bei ihrem Anblick : Wir Chinesen wohnen doch eigentlich viel schöner und geräumiger nach unserem Tode , als solange wir lebendig sind . Auch wird uns gelehrt , die Rücksicht auf einen Toten stets der Sorge für einen Lebenden voranzustellen . Aber vielleicht ist das sehr weise , denn das Totsein dauert ja so viel länger . Der Tempel » der unendlichen Stille « , den die Taitai gewählt , gehörte zu den vielen , die die frommen Kaiser der Ming-Dynastie und die ihnen folgenden ersten Tatarenherrscher allerwärts in den waldigen Schluchten der westlichen Berge errichtet haben . Mit ihren grünen oder goldgelben Kacheldächern und purpurn getünchten Mauern liegen sie wie bunte Ostereier versteckt zwischen dem hellen Laub der geschwätzig säuselnden Pappeln und dem dunklen Grün der ernsten , stillen Zedern . Zwei große steinerne Ungeheuer hüteten den Eingang mit einem jahrhundertalten Grinsen . Dahinter stiegen Terrassen empor , auf denen die Klosterbauten , die weiten Hallen der verschiedenen Götter , die Glockenhäuser und der eigentliche Buddhatempel sich erhoben . Gekrönt war das Ganze mit einer schneeigen Pagode , dem Grabdenkmal eines besonders heiligen Abtes . Von dort oben plätscherte eine Quelle herab , die auf den verschiedenen Abstufungen zwischen seltsam geformtem Grottengestein Teiche bildete und den Ankommenden den lang entbehrten Klang fließenden Wassers zur Begrüßung entgegensandte . Für die fremden Herrschaften waren Priesterzellen und verschiedene Pavillons gemietet worden , und diese sonst asketischer Weltabgewandtheit geweihten Räume hatten die Boys mit flinken Fingern schon ganz verwandelt und zu einem einzigartigen , halb chinesisch-kuriosen , halb modern-europäischen Aufenthaltsort gestaltet , nicht unwürdig der schönen und so gar nicht asketischen Frau , die hier nun ihren Einzug hielt . Der Koch hatte sich sein Reich bereits eingerichtet , wo er auf einem primitiven Backsteinherd und unter dem Schutz eines Bildes des Küchengottes alle die Gerichte und Saucen herstellen würde , deren Rezepte ein vor vielen Jahren von einem Gesandten importierter französischer Koch den Pekinger Köchen als kostbares Vermächtnis hinterlassen hat . Auch Madame Angèle hatte sich in einer Mönchszelle niedergelassen , Modebilder und Schnittmuster an die Wände geheftet und die Nähmaschine aufgestellt , die nun eine recht weltliche Begleitung schnurren würde zu dem Knarren der Gebetstrommel und den Gesängen der Priester . Denn , neben all diesen zufälligen und vorübergehenden , waren da ja auch noch die rechtmäßigen , bleibenden Bewohner des Klosters » zur unendlichen Stille « . Ihr gelehrter Abt weilte freilich meist in Peking , war aber jetzt für den Sommer auch wieder zurückgekehrt , angezogen vielleicht durch die Gegenwart der alten Kaiserin im nahen Sommerpalast . Die übrigen Priester sah man mit geschorenen Häuptern und altem Wachs gleichenden Gesichtern in ihren blauen oder gelbbraunen Gewändern leise über die Steinhallen der weiten Höfe gleiten . Am Eingang der dämmernden Hallen standen sie bisweilen , traumverloren lehnend an einer der wuchtigen Lacksäulen , die das schwere bemalte Gebälk und die hohen , geschwungenen Dächer tragen . Und