Aufgabe riesengroß und wie unerklimmbar vor ihr auf . Ihre Aufgabe ? Wußte sie sie denn ? Ohne ein deutliches Lebens- oder gar Berufsprogramm zu haben , fühlte sie doch , daß es irgendwo in der Zeit ein Feld gab , auf dem sie und gerade sie ihre Kräfte auszubreiten hätte . Wie dunkle , durch Jahrhunderte vorbereitete Erfahrungen , drängten Erkenntnisse durch sie ans Licht , - wollten durch sie Gestalt bekommen . Olga war in der verflossenen Nacht durch jene unerwartete und außergewöhnliche Begegnung an das schmerzlichste Erlebnis ihrer Jugend erinnert worden . Diese » Jugend « schien für sie selbst hinter ihr zu liegen , und , was das Seltsame war , sie beklagte das nicht . Denn ihr war , als hätte sie sich all ihre » Jugend « hindurch gegen niederziehende , schwerlastende Mächte zur Wehr gesetzt , als hätte sie ihre ganze , junge Kraft gegen den Druck eines dunklen Schicksals stemmen müssen , bis es endlich , endlich ein wenig lichter und freier um sie geworden war . Aber an solchen Tagen wie dieser , - den sie bis zum späten Nachmittag in ihrem Zimmer verbrachte , abwechselnd mit der Ordnung ihrer letzten Gepäckstücke beschäftigt , dann wieder auf das harte , steiflehnige Sofa ausgestreckt und von trübem Erinnern schattenhaft umwebt , - an solchen Tagen rückten Bilder aus ihrer Jugend dicht an ihre Seele . Sie sah sich wieder , in dem grauen , alten Haus mit den steinernen Treppen , den fleckigen Wänden und den tiefen , düsteren Zimmern , in die die Sonne nie recht hineinfiel , deren Fenster nach Norden auf den Ringplatz hinaus und auf den schmutzigen Hof gerichtet waren , der vier Hausmauern mit Mühe auseinander zu zwängen schien . Und dieses Haus stand in einer Provinzstadt , die der Himmel niemals blau und fröhlich belichtete , in der die Luft zumeist feucht und scharf in die Kehle kroch , wenn man auf die Straße trat , - auf diese meist ungepflasterten Wege , wo der Fuß im nassen Kot einsank . Dieses Städtchen , mit seinen kurzen , dampfend heißen Sommern , seinem langen , naßkalten , stürmischen Herbst und den eisigen , dunklen Wintertagen war ihre Heimat . Hohe Schlote , mit langen , im Sturm zur Seite gebogenen Fahnen von schwarzem Qualm , stiegen ringsherum auf . Kohle und Eisenerz wurden da zutage gebracht und in den Hütten schlackenfrei gemacht ; schwarz berußte , zerlumpte Gestalten , die beim Ertönen des schrillen Signals der Arbeitspause aus den Toren der Industriewerke herausströmten , überfüllten die Stadt ; außer der zumeist slawischen Arbeiterbevölkerung waren die Juden da . Es schien , als wären es zwei verschiedene Stämme der Rasse , die hier vertreten waren . Neben den langen , hageren Gestalten , mit schwarzen Ohrlöckchen und gebogenen Rücken , scharfen Hakennasen und vorspringendem Kinn , steckten auch sehr blonde , sehr blauäugige Leute im Kaftan , bei denen nur der charakteristische Gesichtsausdruck , ihr bewegliches Mienen- und Händespiel die immer wiederkehrenden Vorstellungen ihrer Schicht verrieten und die Verwandtschaft mit ihren dunkelhaarigen Brüdern zum Ausdruck brachten . Die Juden hielten den Handel , besonders den Pferdehandel , der hier betrieben wurde , in den Händen ; und dann die Schänken . Und diese Branntweinschänken waren jeden Abend überfüllt , und der grellbeleuchtete Ringplatz und die große » Breslauerstraße « hatten ihren Korso von betrunkenen Arbeitern , die von früh gealterten Weibern , mit verzehrten Elendsgesichtern , in ihre Behausung gezogen wurden . Zwischen dieser Masse von Juden und Arbeitern verschwanden fast die anderen Einwohner dieser Stadt . Es waren da noch ein paar alte , polnische Familien und einige Verwaltungsbeamte ; auch ein Bataillon Infanterie lag da , dessen Offiziere ihr Dasein hier als Verbannung trugen . Als Abwechselung gab es im Frühling große Pferdemärkte . Dann waren alle Quartiere voll besetzt , und die große Wiese vor der Stadt , die im Winter als Eisbahn diente , sowie der Ringplatz selbst waren dann voll von langmähnigen , zu Koppeln zusammengeschirrten Rossen , deren Gestampfe und Gewieher die Luft erfüllte . Olgas Vater gehörte immerhin zu den Honoratioren der Stadt . Er hatte die Fremde kennen gelernt , hatte in Deutschland » konditioniert « , lange in Breslau gearbeitet , bis er das Geschäft , das samt dem Haus seit mehreren Generationen seiner Familie gehörte , übernahm . Den Jargon seiner Heimat hatte er auch in der Fremde nicht verloren , wohl aber die zelotische Gesinnung , die er vielleicht nie stark besessen hatte . Er lebte zwar » rituell « , aber ohne die fanatische Anteilnahme an den » Bräuchen « , die noch seine Eltern mit eiserner Strenge befolgt hatten . Er trug den Kaftan aus Bequemlichkeit im Geschäft , legte aber den » europäischen « schwarzen Rock an , wenn er beim » Doktor « oder beim » K.K. Stationsvorstand « zur Tarokpartie eingeladen war . Er galt als ein Mensch , mit dem sich ein vernünftiges Wort reden ließ , und war besonders dafür bekannt , geleistete Dienste munifizent zu entlohnen . Seine Kinder ließ der alte Diamant die besten Schulen besuchen , die hier zur Verfügung standen . Stanislaus absolvierte das Realgymnasium und dann einen Handelskursus . Zum Militär kam er nicht , und so nahm ihn der Alte dann gleich ins Geschäft . Seine Flucht nach Berlin beschloß seine geschäftliche Tätigkeit . Erst hatte der Alte gehofft , er werde dort , von der Entbehrung gezwungen , einen kaufmännischen Posten annehmen und dann eines Tages wiederkommen , um sein eigener Herr zu sein . Aber als der Sohn durchaus vom » Kommerziellen « nichts hören wollte , sich in eine armselige Stube einsperrte und da mit erstaunlicher Beharrlichkeit Bogen um Bogen beschrieb , - Tagesfragen mit besonderer Betrachtung ihres ursächlichen Wesens für die Zeitungen bearbeitete , dann sich weiter wagte und Probleme von längerer Dauer und weiterem Interesse auf seine Art , die den Gegenstand geduldig und scharf bis an seine