wie zögernd . » Aber es ist nicht das allein . Die Wahrheit zu sagen , in meinem augenblicklichen Seelenzustand spielt diese Sache eine verhältnismäßig geringfügige Rolle . Ich will mich nicht besser machen , als ich bin . Besser ... ! Wär ich dann besser ... ? « Er lachte kurz , dann sprach er weiter . » Sehen Sie , gestern dacht ich auch noch , es wäre alles mögliche zusammen , was mich so niederdrückt . Aber heute hab ich wieder einmal einen untrüglichen Beweis dafür erhalten , daß mich ganz nichtige , ja läppische Dinge tiefer berühren , als sehr wesentliche , wie zum Beispiel die Erkrankung meines Vaters . Widerwärtig , was ? « Georg sah vor sich hin . Warum begleit ' ich ihn eigentlich , dachte er , und warum findet er es ganz selbstverständlich ? Heinrich sprach weiter mit zusammengepreßten Zähnen und mit überflüssig heftigem Ton : » Heute Nachmittag hab ich nämlich zwei Briefe bekommen . Zwei Briefe , ja ... einen von meiner Mutter , die gestern meinen Vater in der Anstalt besucht hat . Dieser Brief enthielt die Nachricht , daß es ihm schlecht geht , sehr schlecht ; kurz und gut , es wird wohl nicht lange mehr dauern . « Er atmete tief auf . » Und natürlich hängt da noch allerlei daran , wie Sie sich denken können . Schwierigkeiten verschiedener Art , Sorgen für meine Mutter und meine Schwester , für mich . Und nun denken Sie ; zugleich mit diesem Brief kam ein anderer , der gar nichts von Bedeutung enthielt , so zu sagen . Ein Brief von einer Person , die mir zwei Jahre hindurch nahe stand . Und in diesem Brief war eine Stelle , die mir ein bißchen verdächtig erschien . Eine einzige Stelle ... Sonst war dieser Brief , wie alle Briefe dieser Person sind , sehr liebevoll , sehr nett ... Und jetzt stellen Sie sich vor , den ganzen Tag verfolgt mich , peinigt mich die Erinnerung an diese eine verdächtige Stelle , die ein anderer überhaupt nicht bemerkt hätte . Ich denke nicht an meinen Vater , der im Irrenhaus ist , nicht an meine Mutter , meine Schwester , die verzweifeln , nur an diese unbedeutende Stelle in diesem dummen Brief eines durchaus nicht hervorragenden Frauenzimmers . Die frißt alles in mir auf , macht mich unfähig zu fühlen wie ein Sohn , wie ein Mensch ... Ist es nicht scheußlich ? « Befremdet hörte Georg zu . Es erschien ihm sonderbar , wie dieser schweigsame , verdüsterte Mensch sich ihm , dem flüchtig Bekannten , mit einem Male aufschloß , und er konnte sich dieser unerwarteten Offenheit gegenüber einer peinlichen Verlegenheit nicht erwehren . Auch hatte er nicht den Eindruck , daß er diese Geständnisse einer besonderen Sympathie Heinrichs verdankte , sondern spürte darin eher einen Mangel an Takt , eine gewisse Unfähigkeit der Selbstbeherrschung , irgend etwas wofür ihm das Wort » schlechte Erziehung « , das er schon irgend einmal war es nicht von Hofrat Wilt ? auf Heinrich anwenden gehört hatte , sehr bezeichnend erschien . Sie gingen eben am Burgtor vorüber . Ein sternenloser Himmel lag über der stummen Stadt . Durch die Bäume des Volksgartens rauschte es leise , irgendwoher drang das Geräusch eines rollenden Wagens , der sich entfernte . Da Heinrich wieder schwieg , blieb Georg stehen und sagte in möglichst freundlichem Tone : » Nun muß ich mich doch von Ihnen verabschieden , lieber Herr Bermann . « » O « , rief Heinrich , » jetzt merk ich erst , daß Sie mich ein ganzes Stück begleitet haben und ich erzähl Ihnen oder vielmehr mir in Ihrer Gegenwart , taktloserweise lauter Geschichten , die Sie nicht im geringsten interessieren können ... verzeihen Sie . « » Was gibts da zu verzeihen « , erwiderte Georg leise , kam sich gegenüber dieser Selbstanklage Heinrichs ein wenig wie ertappt vor und reichte ihm die Hand . Heinrich nahm sie , sagte » auf Wiedersehen , lieber Baron « , und als hielte er plötzlich jedes weitere Wort für eine Zudringlichkeit , entfernte er sich eilig . Georg sah ihm nach , mit Teilnahme und Widerwillen zugleich , und eine plötzliche freie , beinahe glückliche Stimmung kam über ihn , in der er sich jung , sorgenlos und zu der schönsten Zukunft bestimmt erschien . Er freute sich auf den Winter , der vor der Türe war . Alles mögliche stand in Aussicht . Arbeit , Unterhaltung , Zärtlichkeit , und es war im Grunde gleichgültig , von wo alle diese Freuden kommen mochten . Bei der Oper zögerte er einen Augenblick . Wenn er durch die Paulanergasse nach Hause ging , so bedeutete es keinen beträchtlichen Umweg . Er lächelte in der Erinnerung an Fensterpromenaden früherer Jahre . Nicht fern von hier lag die Straße , wo er manche Nacht zu einem Fenster aufgeblickt hatte , hinter dessen Vorhängen sich Marianne zu zeigen pflegte , wenn ihr Gatte eingeschlafen war . Diese Frau , die stets mit Gefahren spielte , an deren Ernst sie selbst nicht glaubte , war Georg nie wirklich wert gewesen ... Eine andre Erinnerung , ferner als diese , war um viel holdseliger . In Florenz , als siebzehnjähriger Jüngling war er manche Nacht vor dem Fenster eines schönen Mädchens auf und abgegangen , des ersten weiblichen Wesens , das sich ihm , dem Unberührten , als Jungfrau gegeben hatte . Und er dachte der Stunde , an der er die Geliebte am Arm des Bräutigams zum Altar hatte schreiten sehen , wo der Priester die Ehe einsegnen sollte , des Blicks , den sie unter dem weißen Schleier zu ewigem Abschied ihm herüber gesandt hatte ... Er war am Ziele . Nur an den beiden Enden der kurzen Gasse brannten noch die Laternen , so daß er dem Hause gegenüber völlig im Dunkel stand . Das Fenster von Annas Zimmer war offen