war ; da erst atmeten sie auf . Nun erzählte Gerold hastig von der Schrift des Narrenstudenten , die er im Geschütt aufgefunden . Gesima schnupfte wegwerfend : » Ein grausiger Mensch ! ißt Froschschenkel und gekochte Schnecken ! Wäre er nur ertrunken ! Frau Balsiger mag ihn , ich nicht . « » Ja , aber wie kommen wir denn eigentlich aus dem Wald ? « Das lustige Klingeln eines Fuhrwerks wies ihnen die Richtung , und früher als sie gehofft hatten , mündeten sie wieder in den lichten Tag und das freundliche Leben . » Aber mit dir gehe ich nie mehr von der Landstraße ab « , schmälte Gesima , » eher lasse ich mich von der Sonne rösten . Du magst mich dann meinetwegen als Krebspastetchen verspeisen « . Es war ein förmliches Auftauen an Leib und Seele , das sie wollüstig überkam in dem heißen Sonnenfang der Landstraße , nach dem fröstelnden Schauder des finstern Stromgrabes , und der neuerwachende Mut heischte , als Antwort auf die erlittenen Schrecknisse und Bangnisse , das Plaudern . Die jüngsterlebten Ferienwonnen schilderten sie einander ; Gerold die Herrlichkeiten des ungebundenen Schweifens über die Triften , die Abenteuer in Wald und Feld , in Dorf und Stall , Gesima das stille Vergnügen in den kunstseligen Gemächern der Familie Balsiger , von den Bildsäulen im Treppenhause erzählend , von den Gemälden an den Wänden , von den Schränken voller Prachtbilderbücher , von dem Musikspiel nach dem Nachtessen , mit Frau Balsiger am Klavier , Herrn Balsiger am Geigenpult , und zuweilen komme auch der Pfarrer mit dem Cello . Allein Gerold hörte längst nicht mehr zu ; über ihrem gleichförmigen wohllautenden Kanarienvogelgezwitscher waren seine Gedanken unvermerkt nach den Wolken ausgewandert , und an ihrer Stelle erschienen allerhand flüchtige Träumereien , die sich allmählich zu einem einzigen Lieblingstraum verklärten , seinem Traum , den er beständig im Herzen hegte : Er sah sich als Anführer der sämtlichen schweizerischen Kadetten , in einer fürchterlichen Schlacht gegen die verbündeten Kadetten Europas kämpfend ; die Kanonen donnerten , der Pulverrauch dampfte , daß einem vor Wonne Hören und Sehen verging . Schon war der Sieg entschieden , der Feind floh , sämtliche Kanonen im Stich lassend , siehe , da stürzte der Obergeneral der feindlichen Kadetten , ein engelschöner Knabe in weißer Uniform mit goldener Schärpe und goldgestickten Aufschlägen , verwundet vom Pferde . Er , rücksichtslos durch Freund und Feind sich Bahn brechend , stürmisch zu ihm hin , half ihm , sich aufrichten , tröstete ihn liebreich , nahm ihm sein Ehrenwort ab und versprach ihm Pflege und großmütige Behandlung . Und süß war der Dankesblick aus den blauen Augen des schönen Gefangenen . Da stupfte ihn Gesima : » Was sinnierst du ? « Errötend wachte er hernieder . Er solle ihr lieber von Aarmünsterburg erzählen , begehrte sie , als so langweilig stumm neben ihr einherzuziehen . Also erzählte er ihr von Aarmünsterburg , ohne Plan und Wahl , was ihm gerade zunächst einfiel . Sonst verabscheute er zwar Aarmünsterburg , denn es war ja die Schulstadt , gehässig , mürrisch und zänkisch , voller Aufgaben , Zeugnisse , Vorwürfe und Nachsitzen , aber merkwürdig , heute , in der Abwesenheit , als er die Stadt jemand anders schilderte , erschien ihm das nämliche , was er im wirklichen Leben haßte , teilnahmswürdig und erwünscht . Und da sie seiner Rede aufmerksam lauschte , wurde er allgemach redselig . Gesima wünschte zu erfahren , wie es in einem Theater zugehe , und ob er schon einmal in einer Oper gewesen sei . Ah ! da leuchteten seine Augen . In der Regimentstochter war er gewesen . Und nun schilderte er ihr begeistert die unermeßliche Fülle von Herrlichkeiten , die er in der Regimentstochter geschaut und gehört : das Orchester mit seinen abenteuerlichen Instrumenten , die Bühne mit dem Vorhang und den wechselnden Szenen , erzählte ihr den ganzen Hergang der Geschichte , sang ihr die lieblichen Melodien vor und kam dermaßen in Eifer , daß er selber gestikulierte und schauspielerte und gar nicht mehr wußte , wo er war . Während dessen sah ihn Gesima unverwandt an , mit großen , starren , glänzenden Augen , mitgenießend und mitgerissen , die geschilderten Herrlichkeiten anstaunend und mehr noch seine Begeisterung , dieses Lodern einer fremden Feuerkraft aus Seelengegenden , von welchen ihrem jungen kleinen Mädchenherzen bisher noch keine Ahnung geflüstert hatte . Mit einem Sehnsuchtseufzer berichtete er dann in überschwenglicher Ekstase von Marie , der Regimentstochter in Person , der entzückenden Heldin der Oper . Ein Mädchen , so grundverschieden von den gemeinen Alltagsmädchen wie ein Engel von einem sündigen Menschen . Heldenhaft , mutig und tapfer in Gebärde , Blick und Gang , militärisch keck und frisch , in einer Art Uniformröckchen , ein Fäßchen angebunden , grüßend wie ein Soldat , und schön , schön ! Eine farbige Schärpe um die Schultern , ein kleines feines Mäulchen und prachtvolle Augenbrauen , die sie zuweilen zornig zusammenzog ; und wo sie auch ging und was sie auch tat , immer schwebte ein unnennbarer Glanz um sie herum , der sie von allen andern Menschen auf der Bühne unterschied . Und wie sie singen konnte ! viel lieblicher und höher als die übrigen , das trillerte nur so heraus . Aber das Aller-allerherrlichste war doch , wenn sie mit dem Fuß stampfte und dazu fluchte : » Sapperment « , » Sapperlot « , » Sackerlot « , einmal sogar » Donnerwetter « . » Ich kann auch Sapperment sagen « , flüsterte Gesima wehmütig und neidisch . » Du ? « und betrachtete sie , als ob sie ihm Petri wunderbaren Fischzug verspräche . Und als sie wirklich laut und deutlich Sapperment rief und mit dem Fuß dazu stampfte , jubelte er hoch auf , umschlang sie mit den Armen und quetschte sie einige Male . Plötzlich ließ er sie los , sah scharf in die Ferne , wo er