1888 Vor allem will ich Sie beruhigen , daß weder meine Mutter noch Detlev etwas von unsren Gesprächen gehört haben - sie schalt nur , daß ich zu viel mit Ihnen getanzt hätte . - Herrgott , wenn sie wüßte , daß ich jetzt an Sie schreibe - es ist bald fünf Uhr , unten auf der Straße rasseln schon Milchwagen , ich liebe nichts mehr , als so eine Nacht durch aufzubleiben , und heute wäre es mir unmöglich gewesen zu schlafen . Es kommt mir wie ein Wunder vor , daß ich nun wirklich einen Menschen gefunden habe , dem ich alles sagen kann und der mein Freund sein will . Sie machen sich ja keinen Begriff davon , wie allein ich war und wie todunglücklich ich mich von jeher zu Hause gefühlt habe , besonders in diesem letzten Jahr , wo auch Detlev mir immer fremder wurde . Sie wollten mir das nicht recht glauben , aber es ist wirklich so : meine Mutter sieht es nicht gerne , wenn ich viel mit ihm zusammen bin . Sie hat ihm das Versprechen abgenommen , mich keine modernen Bücher lesen zu lassen und mich mit seinem Verkehr nicht in Berührung zu bringen . Nur unter der Bedingung darf ich mit ihm ausgehen , die Eltern sind ja schon außer sich , daß er so in all diese Sachen hineingekommen ist und mit freidenkenden Menschen verkehrt . Aber Sie können sich vorstellen , wie mir dabei zumut war , wenn er mir von Ihnen und den andern erzählte , wie von einer Welt , die mir immer verschlossen bleiben sollte . Dann fand ich eines Tages auf seinem Schreibtisch » Brand « und » Peer Gynt « und nahm es mir herüber . Ganze Tage habe ich darüber zugebracht und konnte weder essen noch schlafen , nur immer wieder lesen , sowie ich allein war . Es kam mir vor , als ob jedes Wort für mich geschrieben wäre , ich wußte mit einemmal , daß es keine unmöglichen Hirngespinste waren , mit denen ich kämpfte , - wenn sich alles in mir sträubte gegen das Leben , das man mir aufzwingen will . Früher empfand ich es immer als eine Art Unrecht gegen meine Eltern , mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun , aber nun ging es mir plötzlich auf , daß jeder ein unveräußerliches Recht an sein Ich und sein eigenes Leben hat . Wissen Sie die Stelle : das Eine darfst du nie verschenken , - dein Selbst , dein Ich , den heilgen Dom - du darfst ' s nicht binden - nicht es lenken - nicht hemmen seines Lebens Strom - Er rauscht dahin und strömt und schwillt : - bis er im Meer die Sehnsucht stillt . Wenn Sie erst mein ganzes , bisheriges Leben kennen , werden Sie begreifen , was für einen überwältigenden Eindruck das auf mich machte , als ob plötzlich etwas Erlösendes durchbräche , wo früher eine dumpfe , undurchdringliche Masse war . Und dabei muß ich immer wieder an den großen Krummen im » Peer Gynt « denken , wie er im Nebel auf ihn losschlägt und nicht durchkann , und der Krumme antwortet : » Geh herum . « Aber wo er hinkommt , ist wieder dasselbe da und ruft : » Geh herum ! « Zuerst hab ' ich das alles ganz allein durchlebt , aber es hätte mich einfach erstickt , ich mußte mit Detlev davon sprechen . Und da kamen wir uns wieder so viel näher , er hat mir dann auch die andern Bücher gegeben , und was waren das für Stunden , wenn wir zusammen darüber sprachen . Er arbeitet abends immer in meinem Zimmer , und da reden wir oft die ganze Zeit von alledem . Dann erzählte er mir auch von Ihnen , und ich versuchte , ihm das Verantwortungsgefühl auszureden , weil ich Sie so gerne kennenlernen wollte . Als ich Sie ein paarmal gesehen hatte , wußte ich ja gleich , daß wir uns verstehen würden . Und wie Detlev es dann durchsetzte , daß ich zu dem Tanzabend mitdurfte - sehen Sie , da hatte ich das Gefühl , als ob etwas Entscheidendes kommen müßte , jetzt oder nie . Sonst wäre es wieder an mir vorbeigegangen , und ich hätte in dem alten Elend weiterleben müssen . - Und nun ist es wirklich geschehen - als ich hinter Mama und Detlev nach Hause ging mit Ihrem Brief in der Tasche , dachte ich immer nur : jetzt kann kommen , was will , das können sie mir doch nicht mehr nehmen . Daß wir uns öfter sehen , wird allerdings schwierig sein , ich weiß schon gar nicht , wie ich immer zur Post kommen soll , um Ihre Briefe abzuholen - also wenn möglich , Mittwoch im Dom , die Tür beim Turm ist ja immer offen . Und nun leben Sie wohl - es kommt mir vor , als ob ich Ihnen so viel zu sagen hätte , daß es nie ein Ende nimmt . 8. März , nachmittags Eben komme ich von unsrer so schmählich zerrissenen Zusammenkunft im Dom zurück . Der Schrecken sitzt mir noch in allen Gliedern . Gott im Himmel , wenn mein Vater uns gesehen hätte - ich hätte mir auch denken können , daß er unserm Besuch die Kirchen zeigen würde . Und was der Kirchendiener wohl gedacht hat , als wir auf allen vieren zwischen den Bänken durchliefen . Es war eine gute Idee von Ihnen , denn sonst hätten sie uns sicher gesehen . Aber es war doch schön , daß wir uns wenigstens so lange in Ruhe unterhalten konnten . Glauben Sie nur nicht , daß ich Ihnen unsre häuslichen Verhältnisse übertrieben habe . - Seit wir hier sind , habe ich mit Mühe erreicht , daß ich den ganzen Tag in meinem Zimmer sein kann und nicht mehr nähen muß .