diese Hirnanatomie ist so schwer ! Die westliche Sonne sticht wie ein blinkender Dolch zum Fenster herein . Auf dem weißen Papier der Zeichnung , des Buches , auf dem Tischtuch , der Zimmerwand erscheinen blutige Flecken . Einen Augenblick ausruhen ! Josefine faltet die Hände über dem Scheitel und lehnt sich zurück . Nicht schläfrig ist sie , aber erregt , zerstreut , mit Herzklopfen und brennenden Augen . Ach , die Sonne ! wenn sie nur einmal erst unterginge ! Das ganze Limmattal schimmert in rotviolettem Nebel , und die Strahlen zielen nach allem Glänzenden im Zimmer . Auf den Balkon hinaus mit dem Buch ! Sein Asphaltboden ist weich von der Hitze , der Stuhl bohrt Löcher hinein . Die bunten Wicken aus dem Garten duften zu stark . Es ist beklommener hier als in den Zimmern , der Föhn hat eine dumpfe Schwüle zurückgelassen . Kaum ist die Sonne hinab , so steht schon der Mond auf dem Berg , ein großer , runder Märchenmond zwischen den runden Obstbaumwipfeln . Er steht da , aber er scheint noch nicht . Heuschrecken zirpen laut . Heuduft steigt von den Matten auf . Am Ütli brennen Feuer im Walde . Josefine lehnt einen Augenblick am Balkongitter und blickt hinaus . Schön und friedlich ! Schon blinkt der Abendstern . Schnell ! schnell wieder an die Arbeit ! Was zauderst du müßig ! was träumst du ! Es gibt noch ganze Bände durchzulesen . Alles muß repetiert werden . Du stehst ja vor dem Examen . Wie hell der Mond jetzt scheint . Man könnte dabei lesen . Und es wetterleuchtet wieder , so wie gestern und die ganze Woche . Der Himmel öffnet Lichttore und zeigt seine verschlossene Herrlichkeit . Stehst du noch immer da , Josefine ? Die Lampe angezündet - vielleicht auch eine Zigarette , denn die Mücken sind zudringlich hier draußen . Sie sitzt bei der Lampe , raucht und liest . Eine Fledermaus raschelt am Weinlaub - nun ist sie auf dem Balkon und umschwebt lautlos die Studierende . Eine zweite , dritte , vierte , fünfte folgt . Wie kleine Gespenster kreisen sie um den energischen Jünglingskopf mit dem kurzgeschnittenen Haar und der einen Locke auf der gefurchten Stirn . Josefine blickt zerstreut dem schwebenden Schattenreigen zu . So still alles rundum . Und sie so allein , so fern von all den ihrigen , so abgetrennt . Ganz unpersönlich kommt sie sich selber vor , ganz ohne Zusammenhang mit anderen Menschen . So , als könnte nicht Freud , nicht Leid sie mehr berühren . Die Hand , die das Buch hält , wird schlaff . Wie im Traum sieht sie die Hand an mit dem Finger , an dem der Trauring zu groß geworden ist . War ich einmal eine Frau ? Liebte Rosen , Spitzen und Parfums ? Liebte Küsse und Bonbons und bunte Fächer ? Ich ? Es kann wohl nicht sein ! Sie lächelt flüchtig , zuckt verachtend die Schultern , wirft die Zigarette fort und vertieft sich in ihr Buch . Physiologische Chemie diesmal . Noch viel schwerer als Hirnanatomie . Aber sie rückt sich dabei bequem zusammen . Ich werde doch können , was jeder Bub da kann ? ich werde mich doch nicht von den Buben beschämen lassen ? ermuntert sie sich . Hell scheint der Mond ; nicht mehr so groß wie im Aufgang , aber in klarem Silbergrau . Die Blumen duften , lautlos schweben die Fledermäuse - Josefine studiert . Wie gut das ist , so allein zu sein ! wie wohltuend diese Einsamkeit . Alles schläft ein , was quält und stört , und nur das reine , blaue Flämmchen Intelligenz brennt still in diesem stillgewordenen Hause . Josefine schrak auf . Stürmisch und anhaltend ertönte die elektrische Glocke der Haustür , die sie schon seit einer Stunde geschlossen hatte . » Wer ist da ? « rief Josefine vom Balkon zu der vom Mondlicht hell beschienenen schwarzen Gestalt hinab , die auf der Haustreppe stand . » Depesche ! « scholl es zurück . Bei dem Schein des Mondes , der den weißen Gartenhag in ein Kirchhofsgitter verwandelte , las Josefine : Ninina schwer erkrankt . Keine Hoffnung . Dein Vater . Mit schweren Füßen stieg Josefine die Treppe wieder hinauf . Es war aber noch kaum Schmerz , was sie empfand , nur eine dumpfe Mattigkeit und Verstörung . Sie kam in das erste Zimmer und erschrak vor dem hellen Mondschein ; als sei etwas Unheimliches in ihrer Abwesenheit eingedrungen . In allen Zimmern schien der Mond , in allen Zimmern webte etwas Unheimliches , Drohendes . Auf dem Balkon schwebte immer noch der Fledermausreigen um die brennende , von keinem Luftzug gestörte Lampe . Ein Kranz von toten Nachtschmetterlingen lag auf dem Tisch um die Lampe her und auf dem aufgeschlagenen Buch . Alles sah so fremd , so verändert aus , wie erstorben . Der Gedanke , daß ihre stille Arbeit hier nun plötzlich zu Ende sei , ergriff Josefine mit schmerzlicher Heftigkeit . » Keine Ruhe , « murmelte sie , » keine Ruhe ! « Plötzlich sah sie Nininas zartes Köpfchen vor sich in der Luft . Die Augen waren geschlossen , die Lippen welk . Sie starrte auf das Bild . » Nini ! « stammelte sie zärtlich , » Nini ! « dringend , bittend . Sie sprang auf , blickte wild um sich , aber ihre Augen blieben trocken . » Keine Hoffnung ? keine Hoffnung ? « Sie lief durch all die leeren Zimmer , hob die gefalteten Hände empor und stöhnte : » Nini ! keine Hoffnung ! Nini ! « Dann wollte sie es plötzlich nicht glauben , suchte das Telegramm , fand es nicht , fand es zuletzt und las mit stieren Augen den Aufgabeort : Camischolas . Sie ging auf den Balkon , schlug die Bücher zu und löschte die Lampe . Aber weiß und geisterhaft leuchtete