» Atelier « gingen , das heut als Weihnachtszimmer diente , wurde ihnen beiden doch bitter weh ums Herz und schluchzend sanken sie einander in die Arme . Lena war , wie immer , zuerst getröstet . Sie betrachtete die Geschenke und machte eine kleine spöttische Bemerkung über Kriegers für ihren Geschmack allzu praktische Weihnachtsgabe . Dann griff sie nach seinem Brief , der an beide Schwestern gerichtet war . Sie studierte lange daran herum und legte ihn dann scheinbar unbefriedigt bei Seite . Zu Lotte sagte sie nur : » Frau Krieger kränkelt und Onkel Fritz in Anklam ist gestorben . « Da Lotte keine Anstalten machte , gleich selbst zu lesen , nahm Lena den Brief noch einmal auf , und mit einer unwilligen Kopfbewegung begann sie die folgende Stelle vorzulesen : » Je länger Ihr fort seid , desto mehr bedrückt es mich , dass ich Eurem Vater nicht viel entschiedener abgeredet habe , Euch ziehen zu lassen . Alle Zeitungen sind voll von dem Elend alleinstehender armer Mädchen , einer gewissen Art von Elend , von dem Ihr ja , Gott sei Dank , keine Ahnung habt . Die Statistik über Arbeitsangebot und Nachfrage beweist ausserdem immer aufs neue , dass der Zuzug der Arbeitsuchenden ausser allem Verhältnis zu der Möglichkeit steht , einem jeden Zugezogenen ausreichende Arbeit zu gewähren . Ich beunruhige mich sehr um Euch , auch die Mutter . Du , Lena , hast ja inzwischen Deine Anstellung erhalten und könntest am Ende , wenn Du Dich in einer Familie einlogiertest wie Deine Freundin Marie , ganz gut mit Deinen Tagegeldern auskommen . Mit Schaudern aber denke ich daran , wie sauer es Euch werden muss , einen Hausstand zu erhalten . Lotte wird bei der Arbeit , die sie dazu leisten muss , ihre zarte Gesundheit völlig ruinieren . Vielleicht , Lotte , würdest Du Dich entschliessen , wieder nach Hause zu kommen . Du wirst Dir ja nun , nach einem Vierteljahr , ziemlich klar darüber sein , wie es sich mit der Kundschaft macht . Hier sollte Dir eine reichlich auskömmliche garantiert sein , wenn Du Dich entschlössest zurückzukommen . Was Deinen Vater betrifft , so wird natürlich kein Mensch von Dir verlangen , dass Du bei Karsten mit ihm wohnen sollst . Das ist auch gar nicht nötig , Du weisst , meine Mutter hat Platz genug in ihrer Wohnung und würde Dich gern bei sich aufnehmen . Ueberlegt Euch meinen Vorschlag . Auch für Lena wäre es vielleicht besser , sie käme zurück - « Lena warf noch einmal ebenso unwillig den Kopf zurück , wie sie es gethan , als sie die Stelle vorzulesen begonnen . » Was sich Franz nur denkt ! Zurückgehen wie ein paar dumme Göhren und sich von dem ganzen Nest auslachen lassen . Zu dumm ! « » Franz meint es gut ! « » Nun , so geh doch Du ! « Lotte schüttelte mit abweisender Miene und mit ins Leere starrenden Augen den Kopf . » Nein - nie - nie ! « » Gott sei Dank , dass Du vernünftig bist . Ich hatte schon die grösste Angst , Du würdest darauf reinfallen . Berlin wieder verlassen , welch ein Gedanke ! Das schöne , wundervolle Berlin ! Ich werde Franz ordentlich den Standpunkt klar machen . Er thut ja gerade , als ob wir rein gar nichts wüssten und könnten und nur gerade hier sässen , um aufs Verhungern und Verkommen zu warten . « Dann flog ein triumphierendes Lächeln über Lenas frisches Gesicht . » Wenn er erst von meinem Umgang mit Oberstleutnants hört , wird er wohl andere Saiten aufziehen . « Dabei sprang sie auf und biss in ein grosses Stück des würzigen Weihnachtsgebäckes , das Franz Kriegers bekrittelter Sendung beigelegen hatte . Behaglich knabbernd erbat sie dann des Vaters Brief von Lotte . Der war ebenso sorglos und egoistisch , als Franz Kriegers besorgt und selbstlos geklungen hatte . Er schrieb , dass es ihm bei Karsten dauernd vortrefflich ergehe . Bei Eintritt der rauhen Witterung habe ihn sein Beinstumpf zwar wieder geschmerzt und gezwickt , jetzt sei aber alles wieder gut . Karsten heize ordentlich ein und sein Stübchen sei so ruhig und mollig , wie er es das ganze Leben nicht gekannt , das Essen vortrefflich und Karsten sein Korn eine honorige Nummer . Ihnen beiden ginge es ja , wie es scheine , auch vortrefflich . Ein grosses Weihnachtsgeschenk dürften sie nicht von ihm erwarten . Seine Pension reichte ja man gerade für sein Auskommen aus . Zu Weihnachten oder zu Neujahr würde sich der Klockower hoffentlich anständig erweisen und ihm den blauen Lappen wieder zukommen lassen . Wenn dann die Mädchen mal auf Besuch nach Haus kämen , würde er ihnen ein anständiges Geschenk machen . Dass er die Mutter oder seine Töchter entbehre , davon schrieb er kein Wort . Schweigsam legte Lena des Vaters Brief wieder auf den Weihnachtstisch zurück . Sie hatte es sich lange abgewöhnt , über seine Eigenheiten zu sprechen . Von der Jerusalemer Kirche schlug es Acht . » Jetzt musst Du rumgehen , Lotte , es ist die allerhöchste Zeit , ich will nun auch aufbrechen , ich habe so wie so noch einen weiten Weg bis zu Maries Tante . « Sie löschten den Weihnachtsbaum aus . Dann machten sie sich schnell zurecht und gingen zusammen die Treppe hinunter und über den stillen Hof . Vor der Thür trennten sich ihre Wege . Lotte ging rechts die paar Häuser zu Frau Wohlgebrecht hinauf , Lena suchte die nächste Pferdebahnhaltestelle auf . - Frau Wohlgebrecht hatte die Thür schon in der Hand . » Endlich , endlich , Kindchen ! Der Gerhart ist heute wie ein kleiner Junge , er kann den Aufbau nicht erwarten . Na , viel kriegt er nicht . Immer dasselbe : drei Oberhemden und ein Vierteldutzend Strümpfe . Sauber und adrett muss der Mensch sich halten , selbst