der Gerichtssäle verschlossen bleiben ? Mittelmäßige Begabung ist kein Anlaß , um den Frauen bevorzugte Plätze in der Arena des Lebenskampfes einzuräumen , es giebt schon mittelmäßige Männer genug . Wozu also das Geschrei ? Um des Geschreis willen . Hose oder Rock ? Es lebe die Abwechslung und der Männerschneider ! Hildegard schlief ein . 11 Am andern Morgen erwartete sie unruhig das Eintreffen des Briefboten . Er kam nicht . Sie ging aus , kehrte wieder , ging nochmals aus , und fand noch immer keine Nachricht von Hause . Quälender Hunger begann sich ihrer zu bemächtigen , aber nochmehr bittere Angst . Nicht ihret- und ihrer Zukunft wegen . Um den Mann , den sie in kühler Gleichgültigkeit verlassen hatte , weil ihr das Leben an seiner Seite zu wenig interessant erschienen war . Wenn das Weib nur aufrichtig gegen sich wäre , dachte sie , wie viele Trennungen , die unter hochtrabenden Gründen eingeleitet werden , haben in dem einfachen Gelangweiltsein der Frau ihren wahren Grund . Und wie sie jetzt an ihn dachte , der immer so schweigsam gewesen war , und immer in heimlicher thätiger Liebe für sie geschafft und gewirkt hatte , zu stolz , um sie in den Bestrebungen , die sie immer weiter von ihm entfernten , zu hindern , zu einfältig und schlicht , um ihr das Ergebnis ihres törichten Beginnens vorauszusagen , da fühlte sie ein tiefe , unaussprechliche Sehnsucht nach ihm in sich erwachen . Sie rief sich sein Äußeres ins Gedächtnis , die schlichte Gestalt mit dem hellbraunen Haar und den verschlossenen ernsten Zügen , die ein paar ruhiger dunkelblauer Augen beherrschte . Sie hatte in spätern Jahren sein Angesicht banal gefunden , weil keine große Lebendigkeit sein Mienenspiel wechseln ließ , jetzt , wo sie den Untergrund seines Wesens zu ahnen begann , erschien ihr dieses Gesicht in seiner männlichen Ruhe sympathisch , ja liebenswert . Warum nur Trennung oder Tod zum Erkennen des Zweiten nötig ist ? Sie stieg unzählige Male an diesem Tag die Treppe hinab , um im Freien ihrer Unruhe einigermaßen Herr zu werden . Gegen Abend ging sie nach einem Leihamt und lieh sich Geld auf ihre Uhr . Dann setzte sie sich in eine Konditorei und griff zu den Zeitungen . Ein Referat über den gestrigen Frauenabend fesselte bald ihre Aufmerksamkeit . » Ein Flor reizender Damen « hieß es darin , » hatte sich versammelt . Die Palme des Abends errang Fräulein Buturund , deren allerliebster Lockenkopf kaum die ernsten Gedanken erraten läßt , die in ihm wohnen . Auch Frau Tini Großens junonische Gestalt fehlte nicht . « In kurzen Sätzen war das Hauptsächliche ihrer Rede wiederholt . » Frau Sanghausen entzückte die Versammlung wie immer durch die Musik ihres Organs . In der ersten Sitzreihe sah man die allerliebsten Fräulein von Rotmüller . Auch Frau Baronin von Wallfred , bekannt durch die exklusive Vornehmheit ihrer Toiletten , erblickten wir . « In diesem scherzhaften Plauderton gings weiter . Also so ernst nahm man die Frauenrechtlerinnen ! Man sprach von ihren hübschen Gesichtern und ihren Toiletten . Hildegard griff zu einer andern Zeitung . Auch hier derselbe Ton in der Erwähnung des Frauenabends . Die hübsche X. und die reizende Y. Auch ein dritter Bericht lautete nicht anders . Hildegard fühlte Röte in ihre Wangen steigen . So wenig Enthusiasmus sie auch jetzt mehr der ganzen Frauenbewegung entgegenbrachte , so fühlte sie als Weib sich doch über den überlegenen Ton gekränkt , womit man ihre Mitschwestern abfertigte . Wie kleine Pensionsgänse , dachte sie ärgerlich . Wo fiele es z.B. einem Berichterstatter ein , die Gesichter und Anzüge der Herren im Reichstag zu schildern . » Der reizende Miquel stellte den Antrag « oder : » Bamberger trug wieder einen seiner bekannten eleganten Anzüge « oder : » von Kardorffs liebliches Organ schmeichelte sich in die Herzen der Zuhörer « . Hildegard schob die Zeitungen weg , bezahlte und ging hinaus . Ein kühler Wind fegte durch die Straßen , der Herbst kündigte sein Nahen an . Ein von Stunde zu Stunde sich steigerndes Bangen bemächtigte sich der jungen Frau ; die Einsamkeit , die große Erweckerin , hatte sie in ihre Arme genommen . Das meist ganz irrig angeschaute Ideal der unzufriedenen Frau aus dem geistigen Mittelstande hatte sich bei näherer Betrachtung als große hübsche Wachspuppe gezeigt . Es war kein Leben , keine Entwickelung in ihm . Die Männer bekriegten es nicht einmal , sie begegneten ihm scherzhaft . Und die Frauen ? Glaubten sie im letzten Grunde das , von dem sie in so tönender Uberzeugung sprachen ? War es ihnen nicht eigentlich mehr um eine Abwechslung , eine » Zerstreuung « zu thun ? Mehrere , deren Privatinteressen vielleicht durch einige Veränderungen z.B. des Gesetzbuches gefördert worden wären , wünschten diese lebhaft . Aber aus rein idealen Gründen , ohne Seitenblick auf die Förderung des eigenen Interesses , stand wol keine der Frauen in der Bewegung . So entpuppte sich ein Ideal Hildegards . Und das andere : die Freiheit ? Sie grübelte darüber nach . Was bedeutet dieser Begriff für die Frau ? Ist nicht die Liebe und das Opfer ihre Freiheit ? Ohne diese beiden zu leben , heißt für sie : Verbannung , Trostlosigkeit , Öde . Manches Weib erkennt dies erst zu spät , wenn sein Irrtum die Wege zerstört hat , die nach der Heimat ihres Glückes : dem Herzen des Mannes geführt haben . Hildegard zitterte davor , daß vielleicht auch sie zu diesen Verspäteten gehöre . Und dann fiel ihr ein , wie unschlau die meisten Männer seien . Weshalb schicken sie nicht die unzufriedene Frau für ein Jahr oder länger fort ? Weshalb widerstreben sie den romanhaften Wünschen und Plänen der Gattin ? Ließen sie sie doch ziehen ! Gäbe es ein besseres Mittel , sie schleunigst zurückkehren zu machen ? .... Der Mann kann nicht so viel reden wie die Frau , deshalb ist er