deutlich vorschwebte , obwohl seine Verwegenheit nicht bis zur Phantasmagorie einer Drucklegung ging . Sie sollte sich direkt in Wopfs Ehebette abspielen . Girlinger hatte Einwendungen dagegen , vornehmlich vom Standpunkte der Bühnenmöglichkeit aus . Aber da kam er bei Stilpe übel an : - Bühne ! ? Du sagst Bühne ! Was geht mich denn die Bühne an ? Ich pfeife auf die Bühne . Glaubst Du , ich will mich neben Herrn Blumenthal stellen ? - Nein , aber neben Schiller . - Ach , Schiller ! Dieses » Ach , Schiller ! « ist um die Zeit , in der Stilpe sein Wopf-Drama plante , auch sonst noch manchmal ausgesprochen worden . Wer es mit dem Phonographen aufgefangen hätte , könnte sich heute damit auf den Jahrmärkten hören lassen . Übrigens war der Deklamator Stilpen in erster Linie doch nicht als dramatischer Held , sondern als zahlungsfähiger Bücherkäufer wichtig . Zwar , er zahlte niederträchtige Preise und verdiente schon deshalb , dramatisch als Hahnrei angemacht zu werden , aber er nahm wenigstens Alles , und in schwierigen Augenblicken gab er auch Vorschüsse auf später zu verkaufende Bücher . - Nächstes Ostern brauche ich meinen alten Cicero nicht mehr ; können Sie mir 1 Mark 50 drauf geben ? Der Deklamator durchblätterte das dicke Buch und blies seinen Tabaksrauch wie desinfizierend hinein . - Quousque tandem , Catilina , abutere patientia nostra ! Haben wir auch gelesen ! Wie lange noch , Herr Liebknecht , wollen Sie uns mit Ihren Reden mopfen ? Fünfundsiebzig Fenge Herr Stilpe . - Nee , mein Lieber , eine Mark doch mindestens . Der Schmöker kostet neu ja fünfe , und er sieht doch noch ganz jungfräulich aus . - Fünfundsiebzig Fenge , Herr Stilpe ! Und übrigens : Wenn Sie nu sitzen bleiben und die Catilinarischen noch ein Jahr lesen müssen ? - Na , hören Sie mal , das find ich stark ! Sie halten mich wohl für ein Kameel ? Also gut , her mit den fünfundsiebzig , Sie Jude . Der Deklamator zog seinen Beutel und fischte das Geld heraus . Dann notierte er sich das Geschäft in sein Notizbuch , wo eine Seite in tadelloser Rundschrift überschrieben war : Herr Stilpe . Leider hielt die Bibliothek der Jugendzeit nicht lange vor , und es war das Bücherverkaufen überhaupt ein etwas bedenkliches Geschäft , weil Stilpe dabei doch zuweilen den Deklamationen des Herrn Wopf unterlag und für seine alten Bücher andre mit in Zahlung nahm . Zwar verkaufte er die gewöhnlich ein paar Wochen später zurück , aber es versteht sich , daß ihm der Deklamator nicht so viel zahlte , wie er sich hatte zahlen lassen . - Se machen ze viel Randbemerkungen in de Bücher , Herr Stilpe . Und , sehn Se , wenn de Marginalien auch sehr geistreich sin , wie z.B. hier gleich zweimal hintereinander : Quatsch ! Quatsch ! , so verliern Se de Bücher doch dadurch an Wert . - Was ! ? Warten Sie nur , Herr Wopf , warten Sie nur ! Wenn ich mal berühmt bin , dann verdienen Sie ein Vermögen mit meinen Autogrammen . Ich sage Ihnen : Heben Sie sich die Bücher auf ! - Sie närrscher Kunde ! Wenn Se nu aber nich berihmt wer ' n ? - : Schon Manchen sah ich mit erhobnem Haupt Im Lenz der Jugend mit den Sternen spielen , Der , als das Alter ihm den Kranz entlaubt , Froh war , nach Kegeln auf der Bahn zu zielen . Schie ' m Se Kegel , Herr Stilpe ? Das is enne sehr gesunde Übung ! - Nee , aber fünf Mark können Sie mir pumpen . Der Deklamator zog sein Notizbuch : Sehn Se mal her , Herr Stilpe : Jetzt ha ' m Se schon acht Mark und fuffz ' g Fenge prae ! Jede Nacht treim ich , Se blei ' m m ' r sitz ' n. Nee , pumpen kann ich Se nischt . Also mußte Stilpe auf Anderes denken . Ein Glück , daß er nicht ohne Erfindungsgabe war . Bald wurde für ein Ehrengeschenk zum Doktorjubiläum des Ordinarius gesammelt . Dann hatte er eine Fensterscheibe in der Klasse zerschlagen . Sehr oft drängte es ihn , eine Klassikervorstellung im Theater zu besuchen . Ein Kamerad war gestorben , ein sehr guter Freund von ihm : Da mußte ein Kranz her . Unendlich häufig mußten Bücher gebunden , Hefte gekauft , neue Schulausgaben angeschafft werden . Aus Versehen hatte er Tinte über den Atlas eines Nachbars gegossen . Ein ekliger Kerl , wie der war , wollte er ihn ersetzt haben . Es war erstaunlich , wie leicht ihm die Lügen fielen . Er schmückte sie sogar mit ersichtlichem Vergnügen novellistisch aus . Erzählte z.B. die ganze Lebensgeschichte des jubilanten Ordinarius , ahmte ihn nach , führte eine ganze Komödie von ihm auf - Alles freieste Erfindung ; und das Ehepaar Wiehr wollte sich ausschütten vor Lachen . Aber auch diese kleinen Mittel halfen nicht auf die Dauer . Stilpe starrte ins Leere und fand nichts . Da überfiel ihn ein Gedanke , vor dem er selber erschrak : Die Ladenkasse ... - Aber nein , pfui Teufel , das ist ja eine Gemeinheit ! Weg damit ! Lieber diese Sumpfereien da sein lassen . Es ist überhaupt widerlich ... Lieber arbeiten ! ... Wieder mehr mit Girlinger disputieren ! ... Ja , und endlich das Drama schreiben ! ! ... Und gleich holte er ein Heft aus dem Schubkasten und schrieb darüber : Der Hahnrei Sittentragödie in ... Ja , wieviel Akte mache ich ! ? Natürlich nicht fünf ! Denn das ist banal . Vielleicht vier ? Vier ? Bei dem Stoff ? Nein ! sechs Akte ! Also : in 6 Akten Und nun die Personen : Schopf , ein buckliger Antiquar Clara , seine Frau Walter Wild , ein berühmter Journalist Wen denn noch ? Girlinger ?