und verächtlich es in deinem Oberlehrers-Ohre klingen mag , ich halt es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit einer kleinen Schneiderin , die schon um acht Uhr früh kommt und eine merkwürdige Hof- und Hinterstubenatmosphäre mit ins Haus bringt und zum zweiten Frühstück ein Brötchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka kriegt . Das alles widersteht mir im höchsten Maße ; je weniger ich davon sehe , desto besser . Ich find es ungemein reizend , wenn so die kleinen Brillanten im Ohre blitzen , etwa wie bei meiner Schwiegermama in spe ... Sich einschränken , ach , ich kenne das Lied , das immer gesungen und immer gepredigt wird , aber wenn ich bei Papa die dicken Bücher abstäube , drin niemand hineinsieht , auch er selber nicht , und wenn dann die Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen Manne , dem Schutzmann , erzählt , und daß er , wenn er noch lebte , jetzt ein Revier hätte , denn Madai hätte große Stücke auf ihn gehalten , und wenn sie dann zuletzt sagt : Aber , Corinnchen , ich habe ja noch gar nicht mal gefragt , was wir morgen essen wollen ... ? Die Teltower sind jetzt so schlecht und eigentlich alle schon madig , und ich möchte dir vorschlagen , Wellfleisch und Wruken , das aß Schmolke auch immer so gern - ja , Marcell , in solchem Augenblicke wird mir immer ganz sonderbar zumut , und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Mal als der Rettungsanker meines Lebens oder , wenn du willst , wie das aufzusetzende große Marssegel , das bestimmt ist , mich bei gutem Wind an ferne , glückliche Küsten zu führen . « » Oder , wenn es stürmt , dein Lebensglück zum Scheitern zu bringen . « » Warten wir ' s ab , Marcell . « Und bei diesen Worten bogen sie , von der Alten Leipziger Straße her , in Raules Hof ein , von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstraße führte . Sechstes Kapitel Um dieselbe Stunde , wo man sich bei Treibels vom Diner erhob , begann Professor Schmidts » Abend « . Dieser » Abend « , auch wohl Kränzchen genannt , versammelte , wenn man vollzählig war , um einen runden Tisch und eine mit einem roten Schleier versehene Moderateurlampe sieben Gymnasiallehrer , von denen die meisten den Professortitel führten . Außer unserem Freunde Schmidt waren es noch folgende : Friedrich Distelkamp , emeritierter Gymnasialdirektor , Senior des Kreises ; nach ihm die Professoren Rindfleisch und Hannibal Kuh , zu welchen beiden sich noch Oberlehrer Immanuel Schultze gesellte , sämtlich vom Großen-Kurfürsten-Gymnasium . Den Schluß machte Doktor Charles Etienne , Freund und Studiengenosse Marcells , zur Zeit französischer Lehrer an einem vornehmen Mädchenpensionat , und endlich Zeichenlehrer Friedeberg , dem , vor ein paar Jahren erst - niemand wußte recht warum und woher - , der die Mehrheit des Kreises auszeichnende Professortitel angeflogen war , übrigens ohne sein Ansehen zu heben . Er wurde vielmehr , nach wie vor , für nicht ganz voll angesehen , und eine Zeitlang war aufs ernsthafteste die Rede davon gewesen , ihn , wie sein Hauptgegner Immanuel Schultze vorgeschlagen , aus ihrem Kreise » herauszugraulen « , was unser Wilibald Schmidt indessen mit der Bemerkung bekämpft hatte , daß Friedeberg , trotz seiner wissenschaftlichen Nichtzugehörigkeit , eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für ihren » Abend « habe . » Seht , lieben Freunde « , so etwa waren seine Worte gewesen , » wenn wir unter uns sind , so folgen wir unseren Auseinandersetzungen eigentlich immer nur aus Rücksicht und Artigkeit und leben dabei mehr oder weniger der Überzeugung , alles , was seitens des anderen gesagt wurde , viel besser oder - wenn wir bescheiden sind - wenigstens ebensogut sagen zu können . Und das lähmt immer . Ich für mein Teil wenigstens bekenne offen , daß ich , wenn ich mit meinem Vortrage gerade an der Reihe war , das Gefühl eines gewissen Unbehagens , ja zuzeiten einer geradezu hochgradigen Beklemmung nie ganz losgeworden bin . Und in einem so bedrängten Augenblicke seh ich dann unseren immer zu spät kommenden Friedeberg eintreten , verlegen lächelnd natürlich , und empfinde sofort , wie meiner Seele die Flügel wieder wachsen ; ich spreche freier , intuitiver , klarer , denn ich habe wieder ein Publikum , wenn auch nur ein ganz kleines . Ein andächtiger Zuhörer , anscheinend so wenig , ist doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel . « Auf diese warme Verteidigung Wilibald Schmidts hin war Friedeberg dem Kreise verblieben . Schmidt durfte sich überhaupt als die Seele des Kränzchens betrachten , dessen Namensgebung : » Die sieben Waisen Griechenlands « , ebenfalls auf ihn zurückzuführen war . Immanuel Schultze , meist in der Opposition und außerdem ein Gottfried-Keller-Schwärmer , hatte seinerseits » Das Fähnlein der sieben Aufrechten « vorgeschlagen , war aber damit nicht durchgedrungen , weil , wie Schmidt betonte , diese Bezeichnung einer Entlehnung gleichgekommen wäre . » Die sieben Waisen « klängen freilich ebenfalls entlehnt , aber das sei bloß Ohr- und Sinnestäuschung ; das » a « , worauf es recht eigentlich ankomme , verändere nicht nur mit einem Schlage die ganze Situation , sondern erziele sogar den denkbar höchsten Standpunkt , den der Selbstironie . Wie sich von selbst versteht , zerfiel die Gesellschaft , wie jede Vereinigung der Art , in fast ebenso viele Parteien , wie sie Mitglieder zählte , und nur dem Umstande , daß die drei vom Großen-Kurfürsten-Gymnasium , außer der Zusammengehörigkeit , die diese gemeinschaftliche Stellung gab , auch noch verwandt und verschwägert waren ( Kuh war Schwager , Immanuel Schultze Schwiegersohn von Rindfleisch ) , nur diesem Umstande war es zuzuschreiben , daß die vier anderen , und zwar aus einer Art Selbsterhaltungstrieb , ebenfalls eine Gruppe bildeten und bei Beschlußfassungen meist zusammengingen . Hinsichtlich Schmidts und Distelkamps konnte