boshafter und drohender Blick . Aber der ihre hielt ihn im Bann . Stolz und kalt ruhte er auf ihm , und er murmelte verwirrt : » Frau Gräfin . « Sie kam regelmäßig , aber nicht an bestimmten Tagen , wöchentlich zweimal , auf der Rückkehr von ihren Gängen durch das Dorf . Dort hatte sie die Armen und Kranken besucht , war wohl auch in die Schule getreten und hatte einer Unterrichtsstunde beigewohnt . Sie hatte getadelt , gelobt , mit vollen Händen gegeben und mit alledem nur eine Einführung ihrer Schwiegermutter aufrechterhalten - nicht ganz in deren Sinn jedoch . Gräfin Agathe hatte von den Leuten , denen sie Hilfe angedeihen ließ , eine Gegenleistung gefordert : » Du bekommst das unter der Bedingung , fortan das Wirtshaus zu meiden . - Du bekommst jenes unter der Bedingung , daß du von heut ab deine religiösen Verpflichtungen pünktlich erfüllst . « Maria hingegen stellte nicht nur keine Bedingungen , sie lehnte sogar den Dank ab , dessen meist überschwengliche Äußerungen ihr widerstrebten . So verstimmte sie die Geistlichen und die Lehrer , die gewohnt gewesen waren , ihren Teil von der gräflichen Wohltätigkeit mittelbar einzuheimsen , und entwertete ihre Geschenke bei den Empfängern . - Wie hoch soll denn angeschlagen werden , was umsonst zu haben ist ? » Mit einer Hand geben und die andere zum Nehmen ausstrecken « , sagte Maria zu Hermann , » ekelt mich an . « » Das versteh ich nicht « , entgegnete er . » Was diesen Menschen vor allem anderen fehlt , was ihnen vor allem anderen beigebracht werden muß , ist das Pflichtgefühl . Mit Wohltaten wirst du es nicht wecken . « » Wecke ich es , wenn ich ihnen einen Handel vorschlage , einen Tausch ? « » Viel eher . Wenn du einem anderen Gutes tust und zum Preis dafür verlangst , daß auch er etwas Gutes tue , kannst du damit einen Begriff von Billigkeit in ihm erwecken , eine Ahnung dessen , was Pflicht ist . Und wenn du das getan , hast du ihm unendlich mehr genützt als durch momentane Linderung seines Elends . « Sie mußte das gelten lassen und tat es gern . Es freute sie , von ihm überwiesen zu werden , sich seiner größeren Erfahrung zu beugen , seine schlichte Lebensweisheit anzuerkennen . Ein schönes Leben ließ sich an seiner Seite führen , ein tätiges und hilfreiches Leben . Für alles fand sich Zeit darin , auch für die Pflege ihrer geliebten Kunst . Im Spätsommer sollte Graf Wolfsberg zu längerem Aufenthalt bei seinen Kindern eintreffen . Kurz vor dem Tage jedoch , an dem sie ihn erwarteten , kam seine Absage . Er hatte die vorläufige Vertretung eines hohen Herrn an einem fremden Hofe übernehmen und den Besuch in Dornach auf ein Vierteljahr hinausschieben müssen . Der Gleichmut , mit dem Maria diese Nachricht empfing , setzte Hermann in Erstaunen , wie schon längst das Schweigen , das sie seit ihrer Verheiratung über Alma Tessin beobachtete . Ein Brief von ihrer einst besten Freundin , den er selbst ihr gebracht hatte , war unbeantwortet geblieben . Hermann fragte nicht warum . Er wollte seiner Frau eine peinliche Erörterung ersparen ; es lag ja klar am Tage : der Zufall , den die Blinden blind nennen , hatte hier gewaltet und Maria in Kenntnis von Dingen gesetzt , die ihr bisher sorgfältig verborgen worden . Der Herbst kam , die Weihnachtszeit rückte heran . Schnee und Eis bedeckten die Wiesen und die Weiher , die Natur war tot - scheintot . Unter dem Herzen Marias aber regte sich ein neues Leben und strebte frisch und kräftig dem Tageslicht entgegen . 8 Ein banger Tag in Dornach . Die stattliche Frau , die seit einer Woche im Schloß wohnte , der die Mahlzeiten auf ihrem Zimmer serviert wurden und die zum Verdruß des Kellermeisters mittags und abends eine Flasche Bordeaux vertilgte , weilte seit zwei Uhr nachts am Bette der Gräfin . Auf dem Bahnhofe wartete eine Equipage die Ankunft des Schnellzugs aus Wien ab , mit dem der Herr Professor ankommen sollte . Der Herr Doktor hatte sich in Lisettens jungfräulichem Gemache etabliert , und wenn sich ein Geräusch auf dem Gange vernehmen ließ , trat er hinaus und sprach zu dem etwa Vorbeikommenden : » Ich bin hier - daß Sie ' s wissen - für den Fall , daß ein Arzt nötig wäre , daß Sie wissen , wo er zu finden ist . « Niemand hörte auf ihn , er war ganz uninteressant . Die gespannte Aufmerksamkeit richtete sich ausschließlich auf die Frauen , denen Gelegenheit zu irgendeiner Handreichung in der Nähe der Wochenstube gegeben war . Am Nachmittage mußte Hermann sich ' s gefallen lassen , vom Schmerzenslager seiner Frau , an dessen Ende er mit verstörtem Gesichte stand , durch Base Wilhelmine entfernt zu werden . Jetzt waren sie in seinem Schreibzimmer , sein Vetter und er . Wilhelm hatte mitten auf dem Diwan Platz genommen , sich vorgebeugt und beschäftigte sich damit , seine dicken roten Finger knacken zu machen . Hermann ging rastlos neben dem Bücherschrank , der die Längenwand einnahm , auf und ab und pfiff entsetzlich falsch oder versank in ein düsteres Schweigen oder pflanzte sich vor Wilhelm hin und starrte ihn an . Die Dämmerung war eingebrochen , der Kammerdiener erschien . » Was willst du ? « fragte sein Herr . » Die Lampe anzünden . « » Wir brauchen keine Lampe « , brachte Hermann mühselig hervor , und Wilhelm dachte : Dem armen Kerl ist das Weinen nah . » Heute « , sagte er nach einer Pause , » haben wir drei Marder in der Falle gefangen « , worauf sein Vetter erwiderte : » Wieviel Uhr ist es ? « » Fünf hat ' s just geschlagen . « » Dann muß ja um Gottes willen der Professor schon hier sein .