vor Unwillen die Faust gegen Pavel erhob : » Was tust ? was fälle dir ein - Spitzbube ? « Pavel deutete ruhig nach der Schnur des Lüsters : » Wenn das Strickerl reißt , ist sie ja tot « , sprach er . » Esel ! Esel ! - fort ! hinaus ! « rief Habrecht , und der Junge gehorchte , ohne mit Abschiednehmen Zeit zu verlieren . Die Baronin beruhigte sich allmählich und sagte : » Er ist blitzdumm , aber er hat wenigstens eine gute Absicht gehabt . « » Das weiß Gott « , rief der Lehrer , » - wenn Euer Gnaden nur nicht so erschrocken wären ! « » Ach was ! Daran liege nichts . « Sie zog das Taschentuch und drückte es an ihre Stirn . » Viel schlimmer ist , viel schlimmer , daß ich einmal wieder inkonsequent gewesen bin ... Wie oft habe ich mir vorgenommen : Es bleibe dabei , meine Milada darf ihren Bruder nicht mehr sehen - und jetzt schicke ich ihn selbst zu ihr ! ... Keine Willenskraft mehr , keine Energie - der geringste Anlaß , und - mein festester Vorsatz ist wie weggeblasen . « » Kommt vom Alter , Euer Gnaden « , fiel Habrecht in liebenswürdig entschuldigendem Tone ein - » da können Euer Gnaden nichts dafür ... Der Mensch ändere sich . Bedenken nur , Euer Gnaden ! auch die Zähne , mit denen man in der Jugend die härtesten Nüsse knacke , beißt man sich im Alter an einer Brotrinde aus . « » Ein unappetitlicher Vergleich « , erwiderte die Baronin ; » verschonen Sie mich , Schullehrer , mit so unappetitlichen Vergleichen . « 7 In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag schloß Pavel kein Auge . Er lag wie in Fieberhitze und meinte immer , jetzt und jetzt komme jemand , ihm den Brief abzufordern , den ihm die Baronin am Abend überschickt hatte und der ihm Einlaß ins Kloster verschaffen sollte . Sie konnte sich ' s anders überlegt , ihre Güte konnte sie gereut haben ... Pavel kauerte sich zusammen auf seiner elenden Lagerstätte und faßte wilde Entschlüsse für den Fall , daß seine Besorgnisse in Erfüllung gehen sollten Indessen graute der Morgen , und Pavels eigene Hirngespinste blieben seine einzigen Bedränger . Dennoch verließ die Unruhe ihn nicht . Schon um vier Uhr stand er am Brunnen und wusch sich vom Kopf bis zu den Füßen , zog Hemd und Hose an und den Rock , der eine bedeutende Verschönerung erfahren hatte . Auf dessen schleißigster Stelle , gerade über dem Herzen , prangte ein bunter Flicken , ein handgroßes Stück Zeug , das beim Zuschneiden von Vinskas neuem Leibchen übriggeblieben war . Pavel nahm sich vor , es herabzutrennen und der kleinen Milada zu schenken , wenn es ihr so gut gefiele wie ihm . Und so zog er rüstig und freudig aus und begegnete keiner lebenden Seele im ganzen Dorf . An der Mauer des Schloßgartens schlüpfte er besonders eilig vorbei , und nun ging ' s bergab und bergauf , immer mit der stillen Besorgnis : Wenn mir nur keiner nachläuft , um mich zurückzurufen . Auf der Höhe angelangt , von welcher aus er vor fast zwei Jahren dem Wagen nachgeblickt , der seine Schwester entführte , atmete er freier . Er besann sich , wie schön er damals die Türme der Stadt hatte glänzen gesehen . Heute lagerten Herbstnebel über ihnen und verbargen sie seinen Augen . Und auf dem Feld , das zu jener Zeit im Grün der jungen Halme geprangt , lagen große harte Schollen , vom Pfluge umgelegt , dessen Schaufel einen Metallglanz auf ihnen hinterlassen hatte . Er schritt weiter , verlor sein Ziel oft aus den Augen , verfolgte es aber mit dem Instinkt eines Tieres ; es fiel ihm nicht ein , daß er ' s verfehlen könnte . Drei Stunden war er gewandert , da hörte er zum ersten Male deutlich den Schlag der Uhr von einem der Kirchtürme schallen und langte bald darauf bei den kleinen Häuschen der Vorstadt an . Die Brücke , von welcher er oft sprechen gehört hatte , lag vor ihm , und unter ihr rauschte ein so gewaltiges Wasser , wie er nicht gewußt hatte , daß es auf Erden gibt . Und das Wunder , das er anstaunt , Milada sieht es alle Tage , denkt Pavel ; und Stolz auf die Schwester und Ehrfurcht vor ihr ergreifen ihn . Am Brückenpfeiler sitzt ein altes Weib und hat Äpfel feil . Gewiß ißt Milada Äpfel noch ebenso gern wie früher - wie wär ' s , wenn er ihr ein paar mitbrächte ? Die Hökerin kehrt ihm den Rücken zu ; sie kramt eben in ihrer Vorratskiste ; ihr ein paar Äpfel wegzumausen wär eine kleine Kunst ... Soll er ? soll er nicht ? - Eine innere Stimme warnt ihn : Gestohlenes Gut taugt nicht mehr für Milada ... Er steht und zaudert . Da wendet sich die Alte , sieht ihn , rühmt ihre Ware und lädt ihn zum Kaufe ein . » Ich hab kein Geld « , sagt Pavel zögernd . Mit der Freundlichkeit der Hökerin ist es sogleich vorbei , und ihre Aufforderung lautet jetzt : » Wenn du kein Geld hast , so pack dich ! « Das ist wieder gewohnter Klang , Pavel fühlt sich angeheimelt , er fragt nun fast zutraulich nach dem nächsten Weg zum Fräuleinstift . » Was willst du im Fräuleinstift ? « brummt das Weib . » Wärst gestern gekommen . Am Samstag wird dort ausgeteilt . « Pavel lügt , er weiß selbst nicht warum , und behauptet , das sei ihm wohl bekannt , wiederholt seine Erkundigung und wandelt , nachdem er sie erhalten , einem Hause zu , das sich wie eine riesige gelbgetünchte Schachtel am Ende des Platzes erhebt . Es hat auffallend kleine Fenster und an