müssen . Und das war er nicht ... Wer so rein und kindlich an der Tête dieses Zuges gehen und die Harmonika blasen konnte , konnte kein Verräter sein . Und sie bückte sich wieder , um ( zum wievielsten Male ! ) an einer Wiesenranunkel die Blätter und die Chancen ihres Glücks zu zählen . Neuntes Kapitel Löbbekes Kaffeehaus Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten zwei Stunden nichts verändert , mit alleiniger Ausnahme der Sperlinge , die jetzt , statt auf dem Straßendamm , in den verschnittenen Linden saßen und quirilierten . Aber niemand achtete dieser Musik , am wenigsten van der Straaten , der eben Melanies Arm in den Elimars gelegt und sich selbst an die Spitze des Zuges gesetzt hatte . » Attention ! « rief er und bückte sich , um sich ohne Fährlichkeit durch das niedrige Türjoch hindurchzuzwängen . Und alles folgte seinem Rat und Beispiel . Drinnen waren ein paar absteigende Stufen , weil der Flur um ein erhebliches niedriger lag als die Straße draußen , weshalb denn auch den Eintretenden eine dumpfe Kellerluft entgegenkam , von der es schwer zu sagen war , ob sie durch ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann oder verlor . In der Mitte des Flurs sah man nach rechts hin eine Nische mit Herd und Rauchfang , einer kleinen Schiffsküche nicht unähnlich , während von links her ein Schanktisch um mehrere Fuß vorsprang . Dahinter ein sogenanntes » Schapp « , in dem oben Teller und Tassen und unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen . Zwischen Tisch und Schapp aber thronte die Herrin dieser Dominien , eine große , starke Blondine von Mitte Dreißig , die man ohne weiteres als eine Schönheit hätte hinnehmen müssen , wenn nicht ihre Augen gewesen wären . Und doch waren es eigentlich schöne Augen , an denen in Wahrheit nichts auszusetzen war , als daß sie sich daran gewöhnt hatten , alle Männer in zwei Klassen zu teilen , in solche , denen sie zuzwinkerten : » Wir treffen uns noch « , und in solche , denen sie spöttisch nachriefen : » Wir kennen euch besser « . Alles aber , was in diese zwei Klassen nicht hineinpaßte , war nur Gegenstand für Mitleid und Achselzucken . Es muß leider gesagt werden , daß auch van der Straaten von diesem Achselzucken betroffen wurde . Nicht seiner Jahre halber , im Gegenteil , sie wußte Jahre zu schätzen , nein , einzig und allein , weil er von alter Zeit her die Schwäche hatte , sich à tout prix populär machen zu wollen . Und das war der Blondine das Verächtlichste von allem . Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere Hoftür , und dahinter kam ein Garten , drin , um kümmerliche Bäume herum , ein Dutzend grüngestrichene Tische mit schrägangelehnten Stühlen von derselben Farbe standen . Rechts lief eine Kegelbahn , deren vorderstes unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich bis an die Straße reichte . Van der Straaten wies ironischen Tons auf all diese Herrlichkeiten hin , verbreitete sich über die Vorzüge anspruchslos gebliebener Nationalitäten und stieg dann eine kleine Schrägung nieder , die , von dem Sommergarten aus , auf einen großen , am Spreeufer sich hinziehenden und nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte . An einer der offenen Stellen desselben rückte die Gesellschaft zwei , drei Tische zusammen und hatte nun einen schmalen , zerbrechlichen Wassersteg und links davon ein festgeankertes , aber schon dem Nachbarhause zugehöriges Floß vor sich , an das die kleinen Spreedampfer anzulegen pflegten . Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen , um als Fremder den Blick auf die Stadt frei zu haben , die , flußabwärts , im rot- und golddurchglühten Dunst eines heißen Sommertages dalag . Elimar und Gabler aber waren auf den Wassersteg hinausgetreten . Alles freute sich des Bildes , und van der Straaten sagte : » Sieh , Melanie . Die Schloßkuppel . Sieht sie nicht aus wie Santa Maria Saluta ? « » Salutè « , verbesserte Melanie , mit Akzentuierung der letzten Silbe . » Gut , gut . Also Salutè « , wiederholte van der Straaten , indem er jetzt auch seinerseits das e betonte . » Meinetwegen . Ich prätendiere nicht , der alte Sprachenkardinal zu sein , dessen Namen ich vergessen habe . Salus , salutis , vierte Deklination , oder dritte , das genügt mir vollkommen . Und Salutà oder Salutè macht mir keinen Unterschied . Freilich muß ich sagen , so wenig zuverlässig die lieben Italiener in allem sind , so wenig sind sie ' s auch in ihren Endsilben . Mal a , mal e. Aber lassen wir die Sprachstudien , und studieren wir lieber die Speisekarte . Die Speisekarte , die hier natürlich von Mund zu Mund vermittelt wird , eine Tatsache , bei der ich mich jeder blonden Erinnerung entschlage . Nicht wahr , Anastasia ? He ? « » Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen « , antwortete Anastasia pikiert . » Ich glaube nicht , daß sich eine Speisekarte von Mund zu Mund vermitteln läßt . « » Es käm auf einen Versuch an , und ich für meinen Teil wollte mich zu Lösung der Aufgabe verpflichten . Aber erst wenn Luna herauf ist und ihr Antlitz wieder keusch hinter Wolkenschleiern birgt . Bis dahin muß es bleiben , und bis dahin sei Friede zwischen uns . Und nun , Arnold , ernenn ich dich , in deiner Eigenschaft als Gabler , zum Erbküchenmeister und lege vertrauensvoll unser leibliches Wohl in deine Hände . « » Was ich dankbarst akzeptiere « , bemerkte dieser , » immer vorausgesetzt , daß du mir , um mit unsrem leider abwesenden Freunde Gryczinski zu sprechen , einige Direktiven erteilen willst . « » Gerne , gerne « , sagte van der Straaten . » Nun denn , so beginne . « » Gut . So proponier ich Aal und Gurkensalat ... Zugestanden ? « » Ja «