Juden von Barnow sind » Chassidim « , Mucker und Schwärmer , wilde , phantastische Fanatiker , die zwischen grausamer Aszese und üppiger Schwelgerei seltsam hin und her schwanken . Sie halten sich - daher ihr Name - für die » Begnadeten « unter den Juden , weil ihnen andere tiefere Quellen der Offenbarung fließen : jene der » Kaballa « , namentlich des Buches » Sohar « . In Buczacz hingegen wohnen » Misnagdim « , harte , nüchterne Leute , die vor allem die Bibel ehren , den Talmud aber nur insoweit , als er die Bibel erläutert , wie denn überhaupt die Geltung dieses Konversationslexikons bei keiner Sekte eine bindende ist , ja nicht einmal sein kann , weil es nicht viele Fragen gibt , über die der Talmud nicht sehr verschiedene Ansichten enthielte . Praktische , kühle Menschen , leben die Misnagdim schlecht und recht den Gesetzen ihres Glaubens nach , halten aber die zehn Gebote für wichtiger als alles andere , erklären sich die Wunder in möglichst natürlicher Art , sind jedoch im übrigen jeder überflüssigen Grübelei abgeneigt . Jedes Gleichnis hinkt , vielleicht darf hier gleichwohl an den Gegensatz zwischen den protestantischen » Stillen im Lande « und den Rationalisten derselben Konfession erinnert werden - es ist aber eben nur ein entfernt ähnliches Verhältnis . Da der Glaube der Juden des Ostens in allen Stücken das belebende Moment ist , der Urquell und Endzweck allen Strebens , so sind die Juden von Barnow und die von Buczacz in der Tat grundverschieden . In Barnow wird viel gefastet , aber auch viel gezecht , in Buczacz bewegt sich das Leben in gemessenem , einförmigem Geleise ; in Barnow wird den lieben , langen Tag über gelehrte Dinge disputiert und nur in den Zwischenpausen gearbeitet oder gewuchert , die Buczaczer widmen sich dem Handwerk und Handel ; der Fleiß , die bürgerliche Ehrenhaftigkeit sind größer , die Achtung vor geistiger Tätigkeit und die Opferfreudigkeit für Armut und Gelehrsamkeit geringer . Die Barnower sind exzentrisch und leidenschaftlich , die Buczaczer gelten als harte , berechnende Menschen . Die gleiche Frömmigkeit und der gleiche Druck von außen machen freilich diese Verschiedenheit dem flüchtigen Blick unkenntlich ; der Pole oder Ruthene merkt es kaum , daß in Buczacz eine andere geistige Atmosphäre herrscht , als in den übrigen Städtchen des Kreises , wie auch dem schlesischen Wasserpolaken der Unterschied zwischen einem Herrnhuterorte und einer protestantischen Industriestadt nicht ganz klar ist . Der Kundige kann ihn freilich nicht übersehen . Auf diese Eigenschaften der » Misnagdim « baute die Rosel Kurländer ihre Hoffnung . Wenn ein Gast irgendwo schlecht bewirtet worden ist , so sagen die Leute in Podolien : » Man hat ihn aufgenommen wie die Buczaczer einen Schnorrer . « Diese nüchternen Leute haben einen Abscheu gegen alle unsteten Lumpen , auch wenn diese sehr fromm sind und lustige Geschichten erzählen . Hier konnte der Knabe , rechnete die kluge Frau , am leichtesten Verachtung jenes Lebens lernen , zu welchem ihn geheimnisvoll die Stimme des Blutes zog . Sie gab ihn in das beste Cheder zu Buczacz , das ein gutmütiger , wohlbeleibter Mann leitete , Simon Baumgrün . Simon prügelte nicht gern , weil er dabei in Hitze kam , auch begnügte er sich mit drei bis vier Stunden täglichen Unterrichts . Der gravitätische , unbehilfliche Mann ward von seinen Schülern aufrichtig geliebt , weil sie herausfühlten , daß er sie liebte . Auch unser » Pojaz « machte da wohl im Grunde seines Herzens keine Ausnahme , aber er offenbarte diese Liebe in recht eigener Weise ... In den ersten Wochen ging freilich alles gut . Der Schmerz der Trennung war leicht verwunden ; die fremde Umgebung beschäftigte den Knaben . Zwar kamen ihm die Leute von Buczacz langweiliger vor als jene der Heimat , dafür war ' s aber bei Simon Baumgrün besser als bei Elias Wohlgeruch . Aber der gute Simon hatte ein komisches Äußere und das nährte den Dämon , der in dem hastigen Buben hauste . Sender äffte dem Lehrer nach , erst heimlich , dann offen , er tat ihm tausend Streiche an . Wenn Simon in seiner Dose statt seines » gemischten Ungarischen « Sand fand , wenn er sich nicht wieder vom Sessel erheben konnte , weil dieser mit Leim bestrichen war , wenn er statt des Taschentuchs einen Kinderstrumpf hervorzog , wenn er statt des guten alten Moldauers , welcher zu seiner Labe bereit stand , den sauersten Essig zu kosten bekam - der » Pojaz « hatte es verschuldet , dies und noch viel mehr . Denn nur während des Unterrichts war der Lehrer der Gegenstand seiner Vergnügungen , für den Rest des Tages die ganze Gemeinde . Noch heute erzählen die Leute von Buczacz , halb ärgerlich , halb belustigt , tausend Streiche von dem Kobold , der drei Jahre in ihrer Mitte gehaust . Da kamen einmal in der Frühe jene Männer und Weiber , die regelmäßig in der Lotterie zu spielen pflegten , unter großem Freudengejohle vor der Türe des Kollektanten zusammen und jeder versicherte , Gerson , der Kollektant , sei gestern abend bei ihm gewesen und habe ihn aufgefordert , morgen früh einen großen Gewinn zu erheben . Als ihrer immer mehr zusammenkamen , alle mit gleich strahlenden Gesichtern , da ward ihnen die Sache doch etwas bedenklich . » Gerson hat sich vielleicht geirrt « , meinte wohl der und jener , aber jeder war überzeugt , der Irrtum beziehe sich auf des Nachbars Gewinst . Endlich begannen sie unwillig an der verschlossenen Ladentür zu pochen . » Gerson , mach auf ! Gerson , mein Geld ! « Und sie wurden immer ungestümer , bis endlich das Weib des Kollektanten erstaunt öffnete . » Es hat ja diese Woche niemand gewonnen « , versicherte sie , » und eben darum ist mein Mann , weil ohnehin nichts zu tun war , gestern nachmittag nach Kolomea gefahren ! « »