worden und hatte den Abschied genommen . Er vertrat in diesem Kreise , neben dem Schulzen Kniehase , der heute zufällig ausgeblieben war , die Traditionen der preußischen Armee , kontrollierte den Kaiser Napoleon , malte seine Schlachten auf den Tisch und hielt die Ansicht aufrecht , daß Jena , » wo wir den Sieg ja schon in Händen hatten « , nur durch einen Schabernack verlorengegangen sei . Das volle Gegenteil von Kümmeritz war Anderthalbbauer Kallies , ein schmalschultriger , langaufgeschossener Mann . Geistig regsam , aber schwach und widerstandslos von Charakter , mußte er es sich gefallen lassen , geneckt und gehänselt zu werden , wozu schon , alles andere unerwogen , sein Beiname herauszufordern schien . Er war nämlich , als er kaum laufen konnte , in eine große Rahmbutte oder Sahnenschüssel gefallen und hieß seitdem in sehr bezeichnender Weise » Sahnepott « . Denn es war ihm sein lebelang etwas Milchernes geblieben . Alle fünf dampften jetzt aus langen holländischen Pfeifen ; neben jedem lag ein Zündspan . Kallies hatte das Wort . Aus allem ging hervor , daß eben ein anderer Gast , ein Reisender , ein Kaufmann , wie es schien , das Zimmer verlassen haben mußte . » Immer , wenn ich ihn so stehen sehe « , sagte Kallies mit Wichtigkeit , » fällt mir sein Vater , der alte Tiegel-Schultze , ein ; der stand auch immer so da , mit beiden Händen in den Hosentaschen , und war auch so ein schnackscher Kerl und sah aus , als hätt er den Gottseibeiuns beim Dreikart betrogen . Scharwenka , du mußt ja den alten Tiegel-Schultze auch noch gekannt haben . « Scharwenka nickte ; Kümmeritz aber , der eben eine neugestopfte Pfeife anrauchte , sprach in kurzen Pausen vor sich hin : » Tiegel-Schultze ? Soll mich das Wetter , wenn ich den Namen all mein Lebtag gehört habe . Und bin doch auch ein Hohen-Vietzer Kind . « » Das war , als du bei den Soldaten warst , Kümmeritz . So um die achtziger Jahre . Nachher war Tiegel-Schultze tot , wenn er überhaupt gestorben ist . « Kümmeritz , der wenigstens einen Teil seines wendischen Aberglaubens bei den Soldaten gelassen hatte , schmunzelte vor sich hin und sagte dann : » Sahnepott , keine Dummheiten . Immer räsonabel . Wer tot ist , ist tot . Spuken kann er ; aber sterben muß er . Warum hieß er Tiegel-Schultze ? « » Er hieß Schultze . Aber alle Welt nannt ihn Tiegel-Schultze . Ich bin oft bei ihm gewesen , wenn ich ihm den Rübsen brachte . Immer bar Geld . Die Schwedter sagten : Der hat gut bezahlen . Er stand dann hinterm Tisch , immer die Hände in den Hosen , und sah einen so verflixt an , daß man ganz irre wurde . Aber nie kein Handel . Scharwenka , das mußt du ja wissen . « Scharwenka nickte wieder . Sahnepott fuhr fort : » Die Comptoirstube sah aus wie ein Gefängnis , hoch , weiß und Eisenstangen am Fenster . Nichts war drin als drei Wandbretter , und auf den Brettern standen viele hundert Tiegel , große und kleine , irdene und tönerne , darum hieß er Tiegel-Schultze . Ein paar sahen schwarz aus und waren aus Kohle geschnitten . « » War er denn ein Schmelzer , ein Goldmacher ? « » Das war er , und für den Schwedter Markgrafen hat er manchen blanken Klumpen ausgeschmolzen . Als aber der Markgraf dachte , er könnt es nun selber und hätte Schultzen alles abgesehen , da wollt er ihn beiseite schaffen , lud ihn aufs Schloß , suchte Streit mit ihm und feuerte die beiden Läufe seines Suhler Doppelgewehrs auf ihn ab , die mit zwei goldenen Zwickeln geladen waren . Es waren solche , wie die pohlschen Edelleute an ihren Röcken tragen . Tiegel- aber lachte , fing die beiden Zwickel mit seiner Linken auf , denn er war eine Linkepoot , zeigte sie dem Markgrafen und sagte : Die trag ich nun zum Andenken an meinen gnädigen Herrn . « Es war ersichtlich , daß Kallies , der jetzt volles Fahrwasser unterm Kiel hatte , den Zeitpunkt für gekommen hielt , sich über das Geschlecht der Tiegel-Schultzen , über Raps , Goldmachen und die Undankbarkeit des Schwedter Markgrafen des weiteren verbreiten zu dürfen . Aber ehe es geschehen konnte , trat ein neuer Gast ein , der nun der Unterhaltung eine andere Wendung gab . Der Neueintretende war der Müller Miekley , dem die Öl- und Schneidemühle am Südende des Dorfes zugehörte . Er war unter Mittelstatur , trug einen hellgrauen Rock und hatte in seinem Gesicht jenen eigentümlichen Ausdruck , den man bei fast allen Landleuten findet , die innerhalb der religiösen Kontroverse stehen , Sektierer sind oder es werden wollen . Wo geistige Arbeit von Jugend auf ihre Züge in das Antlitz schreibt , da ist der Sektiererzug nur ein Zug unter anderen Zügen , einer unter vielen , in deren Gesamtheit er wie verlorengehen oder doch übersehen werden kann ; bei Landleuten aber tritt er ganz unverkennbar hervor , und um so mehr , je weniger er die Herrschaft zu teilen hat . Dieser Sektiererzug , in dem sich Sinnlichkeit und Entsagung , Hochmut und Demut mischen , lag auch in Müller Miekley ausgesprochen , der im übrigen ein gewissenhafter Mann war , auf Hausehre hielt und sich der besonderen Protektion Tante Schorlemmers zu erfreuen hatte . Es konnte dies geschehen , ohne nach irgendeiner Seite hin Anstoß zu geben , da Miekley nicht eigentlich aus der Landeskirche ausgetreten war , vielmehr regelmäßig die Predigten Seidentopfs hörte und nur alle Vierteljahr einmal aus dem » tieferen Quell « des Kandidaten Uhlenhorst schöpfte , wenn dieser , das Bruch und die Neumark bereisend , in Hohen-Sathen alle Konventikler von diesseits und jenseits der Oder um sich versammelte . Das war denn freilich ein Fest- und Ehrentag . Alles