war ein Kamerad , ein Freund , ja , ein Blutsfreund , von welchem die Schmähung wenn nicht ausgegangen , so doch erweislich nachgesprochen worden war . Die Brüder stritten sich um den Vorzug der rächenden Hand ; sie losten , ein jeder mit dem heimlichen Vorbehalt , für den Rächer einzutreten , wenn er unterliegen sollte . Die blutige Reihenfolge wurde ihnen erspart ; der das Los zog , war Joachim , noch ein Jüngling ; doch hielt er sein Mannesrecht fest gegen den Widerspruch der Männer und führte es durch als ein Mann . Der Beleidiger fiel ; aber auch dem Rächer war eine Kugel in die Brust gedrungen , die er nach langen Jahren mit in das Grab genommen hat . Als er von seinem schweren Krankenlager erstand , war die Hartensteinsche Blüte auf seinem Antlitz einer Marmorblässe gewichen , und durch sein blondes Lockenhaar zogen sich weiße Silberfäden ; ein Leidensmerkmal , aber ein adelndes ; ein Merkmal der Wandlung , die auch in der Seele des Jünglings sich vollzogen hatte und die , wie tief Erinnerung und Gegenwart drücken mochten , bei einem Hartenstein eine sonderbare genannt werden mußte . Nur der älteste der Brüder , der gegenwärtige General , blieb im Dienst der reorganisierten vaterländischen Armee . Die beiden mittleren suchten in der Fremde einen Platz , auf welchem sie sich früher als jene mit dem Überwältiger messen durften . Joachim ging nach Königsberg und studierte Theologie ; unter den Armen der Ärmste , unter den Eifrigen der Eifrigste . Er war noch nicht großjährig , als er , anhebend mit den Wunden und der Schmach des Vaterlandes , die lange Reihe jener Erdenmächte hatte kennen lernen , mit denen im Ringkampf der Mensch zum Gottesleugner oder zum Heilandsjünger wird . Er hatte seine geistlichen Prüfungen eben zurückgelegt , als in seiner unmittelbaren Umgebung die bahnbrechende Erhebung ihren Ausgang nahm . Auch Joachim griff wieder zu dem Schwert . Seine beiden Brüder waren in Österreich und Spanien gefallen ; nur der älteste und jüngste der Söhne des unglücklichen Obersten von 1806 erlebten den Tag der Befreiung , beide mit den höchsten Zeichen der Tapferkeit auf der Brust . Als Kameraden im Yorckschen Korps hatte der Rittmeister von Hartenstein den freiwilligen Jäger Blümel wiedergefunden , dem er schon während seiner Studienzeit in Königsberg flüchtig begegnet war ; und da nach dem Frieden die Pfarrstelle in Werben neu zu besetzen stand , machte er deren Patron , seinen Bruder , auf diesen treupreußischen Mann als den geeignetsten Seelsorger in der jüngsterworbenen , noch zweifelhaften Provinz aufmerksam . Auch er selbst kehrte von der Fahne zur Kanzel zurück ; sein Sinn war aber nicht derart gerichtet , um sich in einer stillen Landpfarre , wenn auch warm und behaglich einzunisten ; und bald genug fand er denn auch den Wirkungskreis , in welchem sein Name , seine bedeutende Erscheinung , eine ungemeine Rednergabe und vor allem sein Temperament und Wille zur völligen Geltung kommen durften . Als Oberdomprediger und Propst in einer provinziellen Hauptstadt , als Doktor der Theologie , dessen Ehrendiplom die Universität jener Stadt ihm verliehen hatte , als ein Magnat der Kanzelberedsamkeit , würde die höchste Würde seines Standes , die eines Generalsuperintendenten oder protestantischen Bischofs , ihm nicht entgangen sein , wenn nicht auf neuem Gebiet die alte kampfesmutige Ader seines Geschlechtes in ihm entzündet worden wäre . Er hatte auf das lutherische Bekenntnis geschworen und sein Versöhnung suchender reformierter König durch Einführung der Union ein Scharmützel der Geister heraufbeschworen , als eine von dessen Haupttriebfedern der Propst von Hartenstein sich erwies . Er war der Erste und Oberste von denen , welche sich der neuen Ordnung widersetzten . Seine Hartnäckigkeit kostete ihm die glänzendste Perspektive . Was fragte er danach ? Sie konnte , ja , sie mußte ihm sein gegenwärtiges Amt kosten . Was verschlug es ihm ? Er wäre Reiseprediger , Agitator geworden , ein zum Märtyrer berufener Streiter für seines Gottes Ehr . Der eigenartig strenge Zauber seiner Persönlichkeit und Begabung hatte ihm in weiten Kreisen Anhang erworben ; selbstverständlich auch Gegner und Spötter . » Viel Feind , viel Ehr , « sagte Joachim von Hartenstein und sagten seine Getreuen . Die Frauen zumal schwärmten für ihn wie für einen neuen Propheten . Der dreifältige Ritter der Geburt , des Schwertes und des heiligen Worts würde nicht vergebens die Hand nach den glänzendsten Erbtöchtern seiner Provinz haben ausstrecken dürfen , und er hatte in frühreifer Jugend als stark empfänglich für Frauenhuld gegolten . Dennoch dachte er an eine Verheiratung erst nach dem Tode seiner Mutter , die er als treuester Sohn unter seinen Schutz genommen hatte ; und wenn bei seiner Wahl die Stimme des Herzens sich auch mit weltlicher Zweckmäßigkeit verband , für den Entschluß gaben den Ausschlag das Pflichtgebot eines lutherischen Bekenners und der starke Hartensteinsche Stammessinn , da in Hilmar , seinem einzigen Neffen , das alte Geschlecht voraussichtlich nicht in ruhmwürdiger Weise seinen Abschluß gefunden haben würde . Die Erkorene war ein blutjunges Fräulein , Schwestertochter seiner Schwägerin , in deren Hause sie , frühverwaist , heranwuchs . Der General und seine Gattin sollen sich mit der Hoffnung getragen haben , durch Ottiliens liebliche Sanftmut dem unbotmäßigen Sinne ihres Sohnes einen Zügel angelegt , gleichzeitig aber auch das Stammgut des gemeinschaftlichen Großvaters von Werben durch das Erbteil der Waise der Familie erhalten zu sehen . Ebenso ging die Rede , daß der Vetter dem Bäschen überaus hold , das Bäschen dem Vetter mindestens nicht abhold gewesen sei , bis des Oheims unerwartete Werbung dem kindlichen Gemüte plötzlich eine veränderte Richtung gab . Die Waise blickte zu dem edlen Manne empor nicht nur wie zu einem Vater , sondern wie zu einem Helden , einem Helden auf dem Gebiete , in welchem sie selbst einen Platz , wenn auch den demütigsten , einnahm ; sie fühlte sich durch seine Wahl in ihren eigenen Augen gehoben und würde ja haben sagen müssen , selbst wenn im