Bauernvorsteher vorher Wanderbuch und Paß , die Moral und die Taschen visiert und visitiert hatten . Das war auch noch zu den Zeiten der Hanne Allmann vorgekommen . Wie die Wände hätte das alte Weib davon erzählen können , welchen kuriosen Besuch der lahme Peter , die blinde Kölkenbecksche und der Trippel-Brand bekamen und was für ein gutes und nahrhaftes Leben es dann und wann im Armenhause gab . Da brotzelte freilich mancherlei auf dem Jammerherde , was in einen andern Topf oder an einen andern Spieß gehörte , und zu manchem wackern Trunk kam das Siechenhaus nicht auf dem richtigen Wege . Die Alte im Siechenhaus spricht sowenig davon als die Wände . Sie duckte sich damals , wenn es draußen im Nebel und der Finsternis pfiff oder wenn es am Fenster kratzte und hustete , scheu nieder und verkroch sich unter ihrer Decke . Wenn jedoch die Tür sich wieder hinter dem späten Besucher geschlossen hatte und der heimliche Jubel oder Geschäftsaustausch anhub , dann verstopfte sie beide Ohren mit den Händen , um sowenig als möglich von den Verhandlungen , den Zoten und Schelmenliedern zu vernehmen . Sie hörte trotz der verstopften Ohren genug davon , um das Dorf , die Pfarre und den Gutshof durch Kundmachung in die größeste Aufregung zu versetzen ; allein niemand durfte es ihr verdenken , daß sie nichts davon laut werden ließ ; weder vor Junker , Pfaff und Bauerschaft wäre das nicht ohne Gefahr und gewißlich nicht ohne die beschwerlichsten täglichen und stündlichen Martern , Unbequemlichkeiten , Quälereien und Kränkungen für sie abgegangen . Und jetzt - in den ruhigeren Tagen und seit der Zeit , in welcher sie allein das Armenhaus bewohnte , hatte es für sie weder Sinn noch Nutzen , die alten Geschichten wieder aufzurühren und andern Leuten zum Spaß oder zur Verwunderung das vergangene Gruseln und den alten Ekel wachzurufen . Ebensowenig , doch aus einigen andern Gründen dazu , sprach Jane Warwolf , die jetzt , das heißt seit drei Uhr morgens , im Anmarsch auf Krodebeck war , von den alten Geschichten und vergangenen Zeiten , es müßte denn sein im größesten Vertrauen und im heimlichsten Zusammenhocken mit Hanne Allmann . Um die Zeit , in welcher die Gutsfrau auf dem Lauenhofe aus dem Bett fuhr , fuhr auch die Frau im Siechenhause aus dem einzigen Schlummerstündchen auf , das ihr in dieser Nacht zuteil geworden war und in welchem sie eine Vision von einem alten grauen Unterrock , aus dem sich vielleicht ein Unterröckchen für das Kind der schönen Marie machen ließ , gehabt hatte . Die abbröckelnden Wände der Hütte hätten kaum von einem behaglichern und zugleich leichter in die Wirklichkeit zu übertragenden Traum berichten können ; doch die Wirklichkeit kratzte längst schon wie ein verhungernder Hund an der Tür , und lange ehe der erste Sonnenstrahl über den Horizont schoß , war Hanne Allmann auf aus dem Stroh und in den Kleidern . Die schöne Marie schlief um diese Zeit zuerst ruhiger , während das Kind , welches sich durch nichts hatte stören lassen , ruhig weiterschlief . Unhörbar schlich das Mütterchen umher , die armselige Ausstattung der Wohnung in Ordnung zu bringen . Erst als dieses geschehen und für jetzt nichts mehr zu schaffen war , warf sie einen Blick aus dem Fenster in die stille Frühe und auf die dämmerige leere Landstraße nach beiden Seiten hin , doch ohne das Fenster zu öffnen . Leise kam sie sodann zurück und sah auf die beiden Schlafenden , auf die wegemüden Wanderer , die das Schicksal von dieser staubigen grauen Straße in ihr betrübliches , dumpfes , enges Reich geworfen hatte . Sie blickte von der Mutter auf das Kind und wog Tod und Leben wie je eine Norne unter dem Zeitenbaum am Urdarborn . Jetzt war sie wieder allein , ungestört und ruhig . Die Zweige und Blätter der großen , geheimnisvollen Wunderesche rauschten leise ob ihrem Haupte , und die Verheißung einer noch tiefern Ruhe , eines noch tiefern Friedens war in diesem Rauschen . In dieser stillen Stunde überwand sie den großen Schrecken , die schlimme Angst in ihrer Seele vollständig und gewann einen Sieg , dessen sich kein noch so berühmter Held hätte zu schämen brauchen : sie trat ein für das Leben , wie schwer ihr Wunsch sie auch nach der andern Seite hinüberziehen mochte . » Oje , was lacht das Kind im Schlaf ? « murmelte sie . » Guck einer , dem ist ' s noch einerlei , wohin es die Welt schob und was aus ihm werden mag . Ei , ei , hat das der liebe Gott noch auf meine alten Tage mit mir im Sinne gehabt ? Guck , Hanne Allmann , das hättest du gestern um diese Zeit wohl nicht gedacht , daß er dir vor deinem End noch einen Sarg und eine Wiege zu versorgen geben würde . « Sie hatte vorhin in der Hast ihre Strümpfe umgewendet angezogen und schob ' s zum größten Teil darauf , daß ihr die Sache jetzt so leicht erschien ; aber was auch die Meinung der Nation darüber sein mag , wir haben jetzt von dem größern Trost zu berichten , der nun vom Harz her heranmarschiert war , und zwar unter einer Form und Gestalt , welcher die meisten scheu ausgewichen wären . Mit dem ersten Strahl der Sonne , als auch das Dorf sich schon regte , doch der Tau noch in voller Frische an Blatt , Gras und Spinngeweb haftete , klopfte dieser Trost an das Fenster des Siechenhauses und sah hinein - ein braun , runzlig Altweibergesicht , mit Stoppeln um das Kinn und Stoppeln um die Mundwinkel , gefurcht gleich einem übelgepflügten Ackerfeld , mit schneeweißen Augenbrauen , doch vollem , rotbraunem Haupthaar , das nach cheruskischer Sitte nach dem Hinterkopf hinübergezogen und in einen Knoten geschlungen war , mit grauen tiefliegenden Augen , die früher noch schärfer gesehen haben mochten , aber auch jetzt noch