. Dann aber auf einmal ward es so still , daß sie das Klopfen ihrer Pulse hörte . Der Klang der bekannten Hausglocke , die sie sonst aus dem tiefsten Schlaf geweckt hatte , ließ sie regungslos liegen . Sie kümmerte sich jetzt nicht mehr um den Laden , und es kam ihr wunderbar vor , daß der Vater so rasch wie gewöhnlich die Stiege hinuntergehen und jemandem Rauchtabak geben konnte . War es möglich , daß der jetzt da unten wieder plaudern und handeln konnte , als ob gar nichts vorgefallen sei ! Dazu gehörte ein recht herzloser Mensch - und doch noch kein so herzloser , wie der war , den sie bisher so hoch schätzte und der nun ihr teuerstes Geheimnis um einige Gulden verkauft hatte . Ha ! Schon früher war das geschehen , und sie hatte noch heute an ihn gedacht und gewünscht , daß er sie sehen , sie wieder einmal mit ihm sprechen könnte . Lange Zeit sann sie und litt , ohne daß auch nur das leiseste Zucken ihren furchtbaren Schmerz verraten hätte . Dann aber schrie sie plötzlich : » O Welt , o du Welt ! « Und dann , als ob sie alle Kraft verlasse , sank sie mit dem Seufzer : » Das wäre nun mein Ostertag ! « wieder in die Kissen zurück . Erst gegen Abend ließ sie den Krämer zu sich ins Zimmer , welches er und die Magd am Nachmittage mehrmals vergeblich zu öffnen versuchten . Er erschrak über ihr Aussehen , doch hatte er sich wieder so gefaßt , daß er ihr nicht lange wortlos gegenüberstand . » Es ist nun einmal so « , sagte er . » Ich bedaure dich , wenn dieser dein Kummer auch nur aus deinem Eigensinn entstand . Ich glaubte , du würdest den Nichtsnutz endlich vergessen haben . « » Das kann ich nie - nie ! « » Aber jetzt doch ? « » Jetzt - oh , wie schäm ' ich mich . Ich darf nicht daran denken , wie mir noch gestern wohl war , wenn ich an ihn dachte . Ach , wenn er in unser langweiliges Haus kam , dann war ' s , wie wenn man frische , duftende Blumen in ein Krankenzimmer bringt und dem Vogelsang die Fenster öffnet und dem frischen Luftzug . Und nun ! - Ich sehe mich unterhöhlt , ich bin aufs Eis gekommen ; drei ganze Jahre ging ich vorwärts , weit , weit hinaus ... und nun bricht alles unter mir zusammen . Hu , mir ist ' s , als ob ich ' s krachen hörte . « » Ah , das sind Dummheiten . « » Ja , Vater , du hast recht . Ich hab ' s nicht mehr gehörig im Kopf , das merk ' ich nur zu gut . Ich weiß mir nicht mehr zu raten und zu helfen . Nimm mich , du starker , du kluger Mann , und verkaufe mich oder mache mit mir , was du willst . « Fünftes Kapitel Der Mann muß hinaus , es ist ein Graus Die letzten Tage und Stunden daheim , wieviel gibt ' s da nicht noch zu durchleben ! Ist ' s doch gerade , wie wenn man sich mit tausend Wurzeln und Würzelchen aus dem Boden reißen müßte , auf dem die liebsten Erinnerungen uns umblühen . Jos mußte selbst darüber lächeln , daß ihm der Abschied so nahe ging und er es doch auf dem Stighof immer noch riechen konnte , wenn die Mutter eine Suppe anbrennen ließ . Er lächelte darüber , aber unter Tränen . » Fort ist fort « , meinte er immer wieder und schaute wie fragend zu Stighansens großem Hause mit dem Hirschkopf unterm Dachfirst hinüber . Auch der Mutter ging der Abschied nahe , und dabei hatte sie nicht einmal die Freude , ihn mutig seinem neuen Beruf entgegengehen zu sehen . Selbst ihr Trost , daß er da statt der Zusel die gute Dorothee neben sich haben werde , tat die gehoffte Wirkung nicht . Jos entgegnete klagend , er bleibe darum doch ein armer Teufel , um den das Mädchen sich nur wenig kümmern werde ; Zusels Neckereien wären eigentlich noch eher zu ertragen als Dorotheens Mitleid mit dem verjagten oder doch aus dem Dienste geschickten Schneiderlein , welches nun wie sie bei dem gütigen , lieben Hans das Gnadenbrot essen dürfe . Das war wieder eine der vielen , oft so schmerzlich beklagten Wunderlichkeiten , die den guten Jungen gewiß nie glücklich werden ließen . Bald schien es Demut , bald Trotz , sie selbst war noch nicht mit sich eins , wie man es nennen müsse , aber es machte ihr mehr Sorgen als alles andere . Das Gnadenbrot essen ! Sie wußte nicht , wie er darauf kam . Hatte doch der Krämer , der ihn zuweilen auch im Stall etwas tun und selbst kleinere Händel für ihn abschließen ließ , nicht selten gestanden , daß im Jos ein tüchtiger Viehpatron verdorben und zum Schneider verpfuscht sei . So einer war wie geschaffen für den etwas unbeholfenen Hans , der sich nicht ungern bei allem , was in Kauf und Lauf kommen sollte , von andern , in der letzten Zeit vom Krämer , raten und helfen ließ . Gewiß hätte man ihn gern gehabt auf dem Stighof , und vom Gnadenbrot wäre nie die Rede gewesen , wenn er nur nicht auch seine Sonderbarkeiten mitgenommen hätte . Das Ärgste fürchtete sie von seinem Eigensinn , seiner Empfindlichkeit und ähnlichen Eigenschaften , die sie zwar an Wohlhabenden oft als schön und selbstverständlich loben hörte , die aber denen , welche nun einmal zum Leiden und Dulden da waren , zur Quelle vieler Leiden und übler Nachreden werden mußten . Das erinnerte sie daran , wieviel sie ihm noch ans Herz zu legen habe . Doch wenn sie dann den guten Jungen mit dem