und unsern Mainachtsrausch ohne weiteres Gesperr , Gezerr und Gezappel zu verschlafen . Als wir dann erwachten , war ein höchst ungemütlicher Tag heraufgedämmert . Der Himmel grinste uns so erbärmlich grau an , als wir es verdienten , und jeder Hanswurst , Narr , dumme Junge und Enthusiast bekam seinen Tritt , der ihn bergab in den Sumpf , in den düstern Keller , in den Winkel expedierte . Im Winkel bin ich sitzengeblieben , und wenn das Loch verschlossen sein sollte , Leonhard , so liegt der Schlüssel auf dem Vorplatz unter dem Uhrkasten . Den Küchenschrank kennst du ja wohl noch aus deiner Knabenzeit : die Knasterrolle hält sich seitwärts im Kabinette hinter der Tür auf . Du bist zu jeder Zeit willkommen , wie ich dir schon vorhin sagte , mein Junge ; und mehr Glück hast du auch als der Vetter Wassertreter , solches ist mir längst klargeworden . « Es fiel in diesem Augenblicke eine Sternschnuppe , und hastig fragte das Hoffräulein : » Was dachtest du eben , Lina ? « » An meines Bruders Glück . « » Und der Gedanke war ein Wunsch - ohne Zweifel ! Was haben wir noch nötig , hier Rat zu halten ? Der Schlüssel zu des Vetters Gemächern liegt unter dem Uhrgehäuse , im Fall der Vetter nicht zu Hause sein sollte : merken Sie sich das , Herr Leonhard Hagebucher . Herr Vetter , ich rekommandiere mich Ihren Ratschlägen ; Lina , ich empfehle mich deinen süßen Wünschen ; übrigens wird es kühl und feucht ; daß wir allesamt sehr kluge und gescheite Leute sind , haben wir wieder einmal bewiesen und erfahren ; gute Nacht , gute Nacht ! « » Gute Nacht , mein Allergnädigstes « , sagte der Wegebauinspektor mit ungemeiner Zärtlichkeit und wandte sich , als das Hoffräulein durch das Loch in der Hecke des Bumsdorfer Gutsgartens verschwunden war , zu den beiden Verwandten : » Schlafe auch du wohl , Lina , mein Herzblatt ! Komm ich wieder , so bring ich dir eine große Düte voll Zuckerwerk mit , und nach einem guten Mann werde ich mich seinerzeit gleichfalls umgucken , sollte ich ihn bis in den Mond suchen müssen . Vergiß den Schlüssel unter der Uhr nicht , Leonhard . Es ist eine nichtswürdige Welt ; allein : das rechte Burschenherz Kann nimmermehr erkalten , Im Ernste wird , wie hier im Scherz , Der rechte Sinn stets walten ; Die alte Schale nur ist fern , Geblieben ist uns doch der Kern , Und den laßt fest uns halten . O jerum , jerum , jerum ! O quae mutatio rerum ! « Der Schlußreim des alten Studentenliedes verhallte fern auf der Nippenburger Landstraße , die der Vetter Wassertreter in so preislichem Zustande erhielt ; auf den Zehen schlichen Leonhard und Lina heim , und wenn der Afrikaner nicht von der Tante Schnödler träumte , so konnte er von dem Fräulein Nikola von Einstein träumen . Der Mond ging unter zu seiner Zeit , der Maikäfertanz nahm auch sein Ende , es wurde noch einmal recht dunkel und kühl , ehe das Licht des neuen Tages kam . Durch die Natur zog mehr als ein Schauern und Frösteln , vor dem die letzten Schwarmgeister und Musikanten der ersten Sommernacht in Luft und Gezweig abfielen und vergingen oder doch scheu unterduckten und sich verbrochen . Siebentes Kapitel » Nun sage mir , ob diese Gegend nicht daliegt wie Goethes sämtliche Werke in vierzig Bänden ? « rief der Vetter Wassertreter , mit beiden Backen kauend und mit der Spitze des aufgeklappten Taschenmessers einen weiten Halbkreis vor sich in der Luft beschreibend . Leonhard Hagebucher , noch immer schweigsam und wortkarg , nickte dem Gleichnis seine Billigung und hielt sich gleichfalls con amore an den nahrhaften Inhalt des geöffneten Schnappsacks . Es waren ungefähr acht Wochen seit den in den beiden vorigen Kapiteln beschriebenen Szenen vergangen , es war ein schöner , heiterer Morgen und die Stunde , in welcher der gesunde Mensch , der früh aufstand , die Scheu des Leeren in hohem Maße zu empfinden berechtigt ist . Der alte und der junge Vetter saßen auf einem Haufen zerschlagenen Basalts unter einem Apfelbaum an der fürstlichen Landstraße ; der Gaul des Wegebauinspektors stand friedlich und fromm daneben und riß mit lang vorgestrecktem Halse das Gras aus dem Graben . In Duft und Glanz lag die Nähe und die Ferne , und der Vetter Wassertreter wiederholte : » Goethes sämtliche Werke ! Von diesem Steinhaufen bis zum Horizont und hinaus über den Horizont sagt alles mit Behaglichkeit : Blättern Sie weiter , auch über die nächste Seite scheint die Sonne ! ... Vierzig Bände Weltruhms , zweiundachtzig Lebensjahre und nur vier Wochen ungetrübtes Glück oder besser eigentliches Behagen - welch ein Trost für uns alle dieser alte Knabe in seiner Fürstengrube zu Weimar ist ! Ob man ein großer Poet und Staatsminister oder ein kleiner Narr und Wegebauinspektor ist , bleibt sich am Ende verflucht gleich - ein Vivat allen guten wackern Gesellen zu Wasser und zu Lande , auf ebner Erde und auf den goldenen Wolken im blauen Äther , den guten wackern Gesellen , die aushalten und sich nicht irren lassen und bei jeder Witterung den Tag preisen . Tue , was du willst , Leonhard , aber in allen Lagen nimm dir ein Exempel an dem alten Geheimen Rat und an dem Vetter Wassertreter ; stirbst du jung , so wirst du das Deinige genossen haben , stirbst du alt , so kannst du dich in Ruhe einen Quietisten , Lumpen , oder wie es dem Pöbel sonst beliebt , schimpfen lassen : du hast , was dir gehört , gerettet und kannst die Leute reden lassen . « » Das ist alles recht schön « , sagte Leonhard Hagebucher kläglich , » aber fürs erste handelt es sich für mich weniger darum , die Nase hoch zu tragen , als sie aus dem